Rucksack und Rücksicht – Ein Reise-Essay

Hinaus in die Welt!

Es ist Sommerzeit, die Sonne scheint, mehr als es uns und der Natur guttut. Urlaub steht an, die „wertvollsten Wochen des Jahres“, wie eine Werbung einmal versprach. Viele sind unterwegs, und es ist ihre wohlverdiente Freiheit.

Hinaus in die Welt! – Ein großer Rucksack lässt über das Thema Rücksicht beim Reisen nachdenken.

Diese Reise startet in einem ICE: Dicht gedrängt sitzen die Fahrgäste der 2. Klasse. Kein freier Platz, genervte Stimmung, stickige Atmosphäre trotz Klimaanlage. Der vollbesetzte Zug rollt in den Bahnhof ein, einige wenige Passagiere steigen aus, viel mehr steigen ein. Die Neuankömmlinge quetschen sich im Gang aneinander vorbei, es herrscht erhöhte Unruhe. „Au!“ schreit eine Dame auf, kurz dimmt die Lautstärke im anrollenden Waggon herunter, alle schauen sich um, wenige haben etwas gesehen. Die Dame ist Opfer einer Drehbewegung geworden. Sie hat einen Schlag in die Schläfe erlitten.

Voll strahlender Freude eines sommerlichen Aufbruchs, …

Ein junger Mann mit schwarzem Bart im schmalen Gesicht und langen, zu einem lockeren Zopf zusammengebundenen Haaren, schaut sich um nach einem freien Platz, den es nicht gibt. Auch seine Begleiterin blickt wachsam in die Welt, neugierig, freundlich. Das junge Paar im Zug strahlt die ganze Freude aus, die einem sommerlichen Aufbruch innewohnen kann. Noch ein paar Stationen im ICE, nach Frankfurt-Flughafen, dort hinein in das Koloss für weltweite Mobilität, ein paar Stunden des Wartens und Schlangestehens, dann hinein in den Flieger, der sich mit aufheulenden Triebwerken von der Schwerkraft des Bodens lösen wird, nach Amerika, nach Australien, nach Afrika, wohin auch immer – hinaus in die Welt!

… die Welt im Blick, aber nicht den eigenen Rücken.

Jetzt aber haben beide schwere Backpacker-Rucksäcke auf dem Rücken. Sie haben die Welt im Blick, aber eine Wahrnehmung für den Radius, den ihre Rucksäcke raumgreifend erfordern, haben sie nicht. Vielleicht haben sie noch nicht einmal bemerkt, dass der Schmerzenslaut im nervösen Getümmel etwas mit ihnen zu tun hatte. Wenn doch, hätten sie sich bestimmt entschuldigt. Aber sie haben eben keinen Blick nach hinten – keine Rücksicht. Also reibt sich die Dame den Hinterkopf.

Es ist eine privilegierte Form von Freiheit, zum Vergnügen zu reisen

Es setzt voraus, dass man selbst in Freiheit lebt und es sich leisten kann. Milliarden Menschen können nicht aus Spaß unterwegs sein, weil der Staat es ihnen verbietet, oder weil sie zu arm sind, oder alt und krank. Millionen Menschen werden vom Schicksal zu einer „Reise“ gezwungen, weil sie fliehen müssen vor Hunger, Verfolgung, Vernichtung, aber sie kämen niemals auf die Idee, es so zu nennen. Andere können es sich mangels Bildung, oder weil ihnen ein angemessener Zugang zu Information fehlt, noch nicht einmal vorstellen, irgendwohin aufzubrechen. Der Reisbauer in Bangladesch oder der Tagelöhner in Indien kämpft täglich um seine Existenz und denkt nicht ans Reisen. Allenfalls fährt er manchmal im überfüllten Bus zu seiner Familie aufs Land.

Hinaus in die Welt! Der Motor röhrt potent, das Band der Straße flirrt frei und einladend in der Sonnenglut, das Gaspedal gedrückt, die nostalgische Tachonadel erreicht die 200. Vielleicht sind es die Eltern dieses jungen Mannes im ICE mit dem großen Rucksack, die jetzt gerade die Straße unter ihrem Porsche spüren. Draußen strahlt die Sonne, es herrscht Traumwetter, also das Cabrio-Verdeck zurückgefahren, frische Briese um die Nase.

30 Liter Super für eine Spritztour?

Sicher, man könnte zum Abendessen auch beim Italiener um die Ecke einkehren, aber bei diesem Wetter kann man doch auch zum See hundert Kilometer fahren, den Rausch der Geschwindigkeit einsaugen, den Fahrtwind in den Haaren spüren, das Plätschern des Sees hören, den vorbeiziehenden Fähren zugucken. Und dann, nach dem Essen beim Edel-Italiener am Seeufer, geht es zurück nach Hause in der anbrechenden lauwarmen Sommernacht. Dreißig Liter Super verbraucht für die abendliche Spritztour, in die Luft gepustet, das Klima geschädigt. Es war ihre Freiheit.

Dann kommen die Porsche-Eltern heim, zurück in ihre elegante Maisonette-Wohnung, trinken noch ein Glas Wein auf dem Balkon, den Blick auf die nachtglitzernde Stadt. Bald ruhen sie im komfortablen Boxspring-Bett und es ist Nacht, tiefe Nacht, und es sollte Stille sein.

Mit dem Moped um den Globus?

Ist es aber nicht. Unter dem offenstehenden Fenster, das die wohltuend kühle, sternendurchfunkelte Luft hereinströmen lässt, entfaltet sich blubbernd-heulender Krach. Den Lärm hat nicht jemand zu verantworten, der zu dieser frühen Stunde zur Arbeit eilen will. Es ist auch keine Sirene, weil irgendwer in der Not der Hilfe bedürfte. Nein, zu hören ist das Aufheulen eines Mopeds, einmal, wieder, nochmal. Zwei junge Männer stehen um das Gefährt herum, unterhalten sich zu dieser Unzeit lautstark über seine Leistung und Vorzüge, und zum Beweis von Potenz, ihrer eigenen und der des klapprigen Zweirades, lassen sie den Motor aufheulen. Wieder, jetzt wieder. Vielleicht will einer von ihnen morgen früh noch aufbrechen, hinaus in die Welt, mit dem Moped um den Globus- oder wenigstens ans Mittelmeer?

Es wäre seine Freiheit. Aber es gibt keine Freiheit, nachts zur Unzeit und ohne Not zu lärmen, denn es herrscht die gesetzlich bestimmte Nachtruhe. Wo bleibt also die Rücksicht?

Rücksicht begrenzt die Freiheit nicht

Rücksicht begrenzt die Freiheit nicht, sie ermöglicht sie sogar erst, denn ohne Rücksicht finden wir uns in einem kalten Land bösartiger Egoisten wieder. „Rücksicht bedeutet, die Freiheitsräume des anderen zu respektieren“, schreibt der frühere Benediktinermönch Anselm Bilgri. Rücksichtslosigkeit ist ein Krebsgeschwür, an der die Freiheit sterben kann. Sie bildet Metastasen, denn wer Rücksichtslosigkeit erlebt, versteht weniger, warum er selbst rücksichtsvoll sein sollte. Umgekehrt wirkt Rücksicht wie eine Impfung gegen die Kälte im Miteinander: Wer viel Rücksicht ausübt, wirkt ansteckend auf andere. Rücksicht ist eine Haltung, man kann sie durchgängig einnehmen, von früh bis Abend, in der Familie und Ehe, unter Nachbarn, beim Einsteigen in die S-Bahn, beim Verhalten im Restaurant, immer und überall. Rücksicht kostet nichts. Rücksicht macht glücklich.

Vielleicht brauchen wir im Sommer noch ein wenig mehr Rücksicht

Fast scheint es so, als bräuchten wir im Sommer, wir alle unterwegs sind und uns dabei ständig über den Weg laufen, da die Fenster offenstehen und uns mehr verbinden als trennen, noch eine Portion Rücksicht mehr, damit wir frei sein können. Denn es ist die Rücksicht der Stillen, die den Lärmenden ihre Freiheit erst ermöglicht, da wir sonst in einer unerträglich lauten Welt leben würden.

Gute Reise! Aber bitte mit Rücksicht.

Es ist die Rücksicht der Reisenden, ihre sommerliche Reisefreiheit so auszuleben, dass der Schaden für die anderen begrenzt bleibt. Vielleicht geht es ohne Flugzeug? Vielleicht reicht Tempo 100? Vielleicht lässt sich der Co2-Schaden wenigstens kompensieren? Denn auch der Reisende im Auto und Flugzeug profitiert von der Rücksicht der Alten und Kranken und Sesshaften, der Rad- und Bahnfahrer, die mit ihren Steuern helfen, dass eine Autobahn gebaut wurde und das Flugbenzin subventioniert wird.

Also gute Reise! Hinaus in die Welt! Aber bitte mit Rücksicht.

 

Den klugen Text von Anselm Bilgri über die Rücksicht finden Sie hier: https://anselm-bilgri.de/ruecksicht-eine-forderung-zuerst-an-sich-selbst/

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier. 

 

Die Kanzel im Mittelpunkt (#33)

Ludwigskirche, Am Ludwigsplatz, 66117 Saarbrücken

Mein Besuch am 12. Juli 2022

Der prominenteste Platz für den predigenden Pastor: In der evangelischen Ludwigskirche von 1775 verschwindet der Altar fast unter der Kanzel.

In strahlend weißem Barock empfängt die Ludwigskirche ihre Besucher, breit angelegt, luftig, in sehr eleganter, zurückhaltender Pracht. Ein Kirchenraum, in dem der Gast sich sofort wohl fühlt; auch ein „demokratischer“ Raum, denn  als sogenannte „Querkirche“ ist die Architektur darauf angelegt, dass sich viele Menschen in geringem Abstand zu Altar, Kanzel und Orgel einfinden können.

Damit ist ein Besonderes an dieser Kirche auch schon gesagt: Ich selbst habe bewusst noch nie einen so bekennend protestantischen Kirchenbau wahrgenommen. Altar, Kanzel und Orgel dominieren als gemeinsames Ensemble den Raum, wobei der Altar optisch fast verschwindet unter der erhöht angebrachten, prächtigen Verkündigungskanzel und der noch prächtigeren Orgel darüber. Hier kommt kein Zweifel auf: Das ist vor allem ein Versammlungsraum für Gläubige, weniger eine Anbetungsstätte, und deshalb darf der die Kirche stiftende Fürst auch eine prächtige eigene Loge, einen Paradeplatz gegenüber dem predigenden Pastor haben. Das alles ist historisch für die 1775 geweihte und nach dem damals regierenden Fürsten Ludwig zu Nassau-Saarbrücken (nicht etwa nach dem heiligen Ludwig) benannte Kirche schlüssig.

Trotzdem ist es ein Fake: Die Kirche wurde im 2. Weltkrieg bis auf die Grundmauern zerstört und in Saarbrücken stritt man mehr als zwanzig Jahre darüber, ob sie historisch oder modern wieder aufgebaut werden soll. Die Traditionalisten haben sich durchgesetzt, und so sehen wir eine Rekonstruktion des Zustandes der Kirche nach den Entwürfen ihres Erbauungs-Architekten Friedrich Joachim Stengel, der auch den Platz um die Kirche als repräsentatives Ensemble gestaltet hat.

Die Emporen der Ludwigskirche werden getragen von allegorischen Darstellungen, die auch ein wenig Sinnlichkeit bringen in den luftigen Kirchenraum.

Mir haben neben der ungewöhnlichen Innenraum-Anordnung vor allem auch die wunderschönen Allegorien gefallen, die die umlaufenden Emporen tragen. Ein ungewöhnlicher Kirchenraum auf einem weiten, barocken Repräsentationsplatz, ein eindrucksvolles Gegenstück zur mittelalterlichen Ortsgestaltung, die in unseren Breiten dominiert.

Jeden Abstecher wert, wenn man auf der naheliegenden Autobahn durch das Saarbrücker Stadtgebiet hindurcheilt!

 

Zur Baugeschichte: http://www.ludwigskirche.de/die-ludwigskirche/geschichte-des-bauwerks/

Weitere Kirchen fin den Sie in meiner Sammlung #1000Kirchen

Mauersegler, könnt Ihr nicht bleiben?

Eine Fabel-hafte Idee für den nächsten Winter

Schon im Aufbruch, Ihr Mauersegler? So bleibt doch noch!

Wir brauchen Euer quirliges Leben so sehr im lichtblauen Äther dieses Sommers über den Häusern und Straßen und Plätzen unserer bedrohten Welt! Wir brauchen es so sehr, Euer Flirren und Kreisen, Euer ruheloses Tänzeln und Gleiten und Stürzen in unserer Luft. Uns steht ein Winter des Missvergnügens bevor – könnt Ihr uns nicht beistehen mit Eurem Fleiß und eurer Energie, Eurer mutigen Dynamik?

Noch seid Ihr da, Ihr rastlos flatternden und taumelnden Vögel. Im Frühjahr seid Ihr gekommen, und seither dreht Ihr Eure Kreise hoch über uns. Ihr seid zurückgekehrt in die gleichen Nischen und Höhlen unserer Gemäuer, in denen Ihr schon im Jahr zuvor gewesen ward. Oder dorthin, wo Ihr einst selbst aufgewachsen seid. Ihr seid zurückgekommen, und wir haben Euch staunend beobachtet: Wie Ihr in Treue Euer Zusammensein aus dem letzten Sommer wieder aufgenommen habt oder Euch ganz neu zusammenfinden konntet. Wie Ihr Euch neu geliebt, gebrütet, Euer neues Leben genährt habt. Wenige Wochen nur lag das Ei im Nest, wenige Wochen nur musste der kleine Mauersegler auf seinen ersten Flug warten. Als er endlich abhob, die traute Höhle seiner kurzen Kindheit verließ, dann war dieser Flug auch gleich sein bisher einziger gewesen, für Wochen und Monate, denn seither segelt und gleitet und schwingt er mit Euch durch unsere Lüfte, ist einer von Euch, einer über uns.

Mauersegler entfliehen der Kälte unseres Winters lange bevor er eintritt. Drei Monate sind sie unterwegs. Aber wir müssen bleiben, dabei könnten wir Ihre Dynamik, Ihre Ausdauer, ihre Energie so gut gebrauchen, gerade jetzt, da uns ein Winter des Missbehagens droht. Foto: Tomasz Kuran alias Meteor2017, CC BY-SA 3.0 <http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/>, via Wikimedia Commons

 

Immer in der Luft müsst Ihr sein. Ihr alle fliegt und kreist, Ihr bleibt im Flug, am Tag und in der Nacht, zum Schlafen wie zum Essen, einfach immer, denn das Fliegen ist Eure Heimat. Ihr dürft es nicht verlernen, immerzu zu segeln, zu gleiten, zu taumeln. Eure Brut muss es in wenigen warmen Wochen begreifen, sonst droht ihr der Tod.

Wie schön, dass Ihr noch da seid!

Noch dürfen wir Euch bewundern, wenn Ihr Eure luftigen Kapriolen schlagt, noch können wir dabei sein, wenn Ihr hoch hinaus steigt und dann tief hinab stürzt, voller Vergnügen und Kraft. Wir hören Euer Si-rii, si-rii,  anschwellend laut, wenn Ihr herabstürzt, leiser werdend, fast verschwindend, wenn Ihr Euch entfernt. Wenn wir unseren Kopf in den Nacken legen, hinaufschauen aus unseren staubigen, hitzeflirrenden Straßenschluchten, bestaunen wir Euch: Wie kunstvoll Ihr flattert im gleißenden Sonnenlicht, wie Ihr jubelnd die Thermik der Aufwinde erspürt. Wie Ihr Euch gegenseitig und Eurer flüchtenden Beute hinterherjagt im schwindelerregenden Flug, weit und hoch oben im Himmel, weit über unseren Köpfen, so hoch und wild, dass Eure ganze Lebendigkeit für unsere schwachen Augen oft kaum noch zu sehen ist, Eure wilden Flüge dann nur noch winzige schwarze Punkte sind vor dem Blau des Firmaments.

Und auch dann, wenn in den warmen Nächten unseres nördlichen Sommers der Julihimmel sich schwärzt, wenn die Unendlichkeit über uns dunkel zu glänzen beginnt wie poliertes Ebenholz, wenn keine Wolke zu sehen ist, aber die ersten Sterne ein schüchternes Funkeln wagen, wenn wir Menschen durchatmen, weil die Hitze nachlässt – auch dann suchen wir Euch. Dort, wo die Sonne verschwunden war, der Tag noch ein paar Minuten nachlebt in zartem Blau, dort kreist Ihr dann noch immer, geduldig und zäh im Training für Euren Flug in den Süden, Eurer Flucht vor der Kälte. Fern und leise, aus weiter Höhe, klingt Euer Si-riii, si-riii – es ist der Klang einer Ahnung.

Denn bald werdet Ihr bereit sein für Eure lange Reise.

Drei Monate werdet Ihr unterwegs sein. Der drohenden Kälte Eurer Brutplätze in unserem Winter entflieht Ihr rechtzeitig, klug und vorausschauend, entschlossen, noch lange bevor die Nächte länger und die Blätter traurig werden. Ihr braucht die Wärme für Euer schwebendes Leben. Mutig überquert Ihr die schroffen Spitzen der Alpen, deren ewiger Schnee längst zu schmutzigem Schorf verkümmert ist. Ausholend gleitet Ihr über das azurblaue Mittelmeer, in dem Menschen ertrinken, die auf der Flucht sind, so wie Ihr. Schlau nutzt Ihr die flirrende Hitze der Wüsten. Unbeachtet lasst Ihr die geschäftige Umtriebigkeit Arabiens unter Euch, wo der Reichtum von Wenigen in Form babylonisch glitzernder Türme dem Himmel entgegenstrebt, die doch nur auf die bittere Armut derjenigen weisen, die sie errichten mussten.

Mit ungezählten Flügelschlägen, getragen von Eurer Leichtigkeit und strengen Disziplin werdet Ihr über die dumpfen Nebel der üppig grünen, und doch sterbenden, tropischen Wälder von Afrika hinweg gaukeln, über die austrocknenden Steppen, bis Ihr den heißen Atem des Südens erreicht. Am Ziel seid Ihr dort, wo Atlantik und der Ozean von Indien sich begegnen, wo Ihr einen südlichen Sommer lang von den salzigen Lüften der großen Meere getragen werdet.

Mit instinktiver Geduld werdet Ihr dort warten, bis es wieder zurückgeht. Dann gleitet Ihr den ganzen Weg wieder nach Norden, zurück in unseren Frühling im verunsicherten, zerrütteten Europa der vagen Hoffnungen, zurück zu unseren alten Häusern und Euren Brutnischen.

Seit Jahrtausenden macht Ihr sie das so. Ihr seid über die Kriege hinweggeflogen, die wir geführt haben, bemerktet nichts vom Sterben mächtiger Dynastien und Weltreiche, habt flügelschlagend weggesehen, wenn unter Euch die Welt brannte, wusstet nichts von unseren Verbrechen und Abgründen, interessiertet Euch nicht für unsere Momente des Glücks und der Niedertracht.

Aber noch seid Ihr da.

Noch übt Ihr für Euren weiten Weg durch die Lüfte. Noch vertraut Ihr der Wärme unserer Städte, unserer Felder und Wälder. Noch kreist Ihr in den heißen Tagen und lauwarmen Nächten unseres Sommers.

Ach Mauersegler, könntet Ihr nicht bleiben?

Mehr denn je werden wir Eure Leichtigkeit brauchen, Euer Vertrauen in unsere Lüfte und Winde, Eure Treue zu unseren Häusern und Höhlen! Wir werden Eure Erfahrung brauchen im Aufspüren einer wärmenden Thermik, die uns trägt und schützt im nächsten kalten Winter. Könntet Ihr sie uns nicht lehren, Eure Klugheit und Zähigkeit im Umgang mit drohender Kälte, Eure Fähigkeit, sich zusammenzutun und gemeinsam so einen mühsamen weiten Weg in die Wärme zu wagen?

Wenn Ihr fortfliegt, fort von uns, dann werden wir zurückbleiben, festgenagelt am kalten Boden unserer heraufordernden Tatsachen, eingesperrt in den trägen Gewohnheiten unseres geborgten, oft sogar geraubten Wohlstandes.

Oder, Ihr Mauersegler, könntet Ihr uns nicht mitnehmen?

Vielleicht könnten wir von Euch etwas lernen über Demut und Ausdauer für einen langen Weg, über Geduld und Leichtigkeit und die unerschöpflichen Kräfte des Windes und der Sonne, die euch tragen?

Aber nein, wir könnten Euch nicht begleiten, viel zu belastet sind wir, viel zu wenig mutig, viel zu zaudernd. Wir würden palavern und streiten, statt Euren kräftigen Flügelschlag zu lernen, um voranzukommen. Eurer Freiheit würden wir misstrauen; sie würde uns Angst machen, scheuen würden wir all die Mühe der vielen tausend Kilometer, die Ihr gemeinsam auf Euch nehmt, ohne zu fragen, ohne zu diskutieren, ohne einen Anführer. Ihr gleitet in luftiger Selbstbestimmung der Wärme hinterher, statt faul und klagend herum zu hocken in einem goldenen Käfig, in dem es übel riecht nach Unfreiheit, Blut und Gas. Nein, leider, wir müssen hier bleiben.

Mauersegler, wie wird unser Winter wohl werden ohne Euch?

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Mauersegler leben mehr als 90 Prozent ihres Lebens in der Luft. Sobald ein Jungvogel das Nest verlassen hat, bleibt er fast zwei Jahre ohne Unterbrechung in der Luft und legt zweimal  die Strecke von Europa in den Süden Afrikas zurück, bevor er sich erstmals wieder niederlässt, um ein Nest zu bauen. Wer mehr über diese faszinierenden Vögel wissen möchte, kann sich z.B. hier informieren: https://de.wikipedia.org/wiki/Mauersegler#:~:text=Der%20Mauersegler%20(Apus%20apus)%20ist,Der%20Mauersegler%20ist%20ein%20Langstreckenzieher.

Zu diesem Text inspiriert haben mich u.a. auch die faszinierenden Fotos von Lothar Schiffler über die Flugbahnen von Mauerseglern: https://lothar-schiffler.de/home/ Die Bilder sind auch in Ausstellungen zu sehen, zuletzt in Schorndorf, ab 12. Juli 2022 bis Jahresende im Naturkundemuseum Bamberg.

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Himmelstürmend, engagiert (#32)

Mariendom, Domplatz 1, 4020 Linz, Österreich

Mein Besuch am 9. Mai 2022

54 Säulen, 145 Fenster – der neugotische Linzer Mariendom beeindruckt durch seine Weite, die den Besucher zunächst verstummen lässt. Die Dom-Verantwortlichen haben sich aber für einen Rundgang voller Überraschungen viel einfallen lassen.

Mit neugotischen Kirchen ist es ja so eine Sache. Man kennt die „echten“ gotischen, die traumhaften Kathedralen in Frankreich, Belgien, den Niederlande, und auch die großen Bischofskirchen in Deutschland, ist fasziniert von ihrer unvergesslich strahlenden, himmelstürmenden Schönheit, ist voller Ehrfurcht vor ihrem Alter  – und infolge dessen auch voller Skepsis gegenüber den modernen Nachahmer-Bauten.

Mit entsprechend prüfender Haltung habe ich auch den Linzer Mariendom betreten, noch dazu auf direktem Wege aus dem „alten Dom“ kommend, der barockisierten Kirche Anton Bruckners, die, eingeklemmt im Altstadtgewirr von Linz, zu klein geworden war für die Schar der Gläubigen. Der Mariendom wurde daher seit 1862 am Rand der Altstadt auf freiem Gelände neu gebaut und als neue Hauptkirche im Jahr 1924 geweiht, bis 1935 fertiggestellt. Eine ziemlich neue Kirche also, wenn auch keine moderne.

Selten hat mich aber dann ein Kirchenbau so beeindruckt wie dieser. Seine Ausmaße sind riesig, die größte Kirche Österreichs, mehr als 5000 Quadratmeter Grundfläche. Sie durfte aber nicht die höchste ihres Landes werden, da es keiner Kirche in Österreich anstand, höher zu wachsen als der Wiener Stephansdom. Also ist der Turm zwei Meter niedriger. Sonst aber ist das Raumprogramm von einer Weite bestimmt, die den Besucher verstummen lässt. 54 Säulen tragen diesen Riesenbau, 17 Altäre füllen ihn, und trotzdem ist so viel Platz, dass man sich fast verlaufen könnte.

Wann wir jemals wieder der katholische, überhaupt irgendein christlicher Glaube, in Westeuropa wieder so attraktiv sein, um außerhalb Roms ein solches Gebäude zu füllen? Falls das überhaupt ein sinnvolles Ziel ist, falls es also irgendwo gelingen sollte, dann vielleicht in Linz. Der Mariendom, durchflutet vom Licht farbig strotzender Gemäldefenster in nackenstarrend himmlischer Höhe lässt den Besucher nicht in kontemplativer Ruhe. Die Glasbilder dokumentieren zum Teil die Geschichte ihrer Stadt bis zum Zeitpunkt des Kirchenbaus.

Keine Angst vor heiklen Themen: Das Bildprogramm der Gemäldefenster wird zu einer Ausstellung über „Frauenbilder“.

Das Bildprogramm der Fenster holen die offenbar besonders engagierten Dom-Verantwortlichen in Linz mittels Fernrohren in den Lupenblick des interessierten Betrachters, spekulieren dabei über historische Bezüge mit heute diskutierten gesellschaftlichen Fragen. So erfährt man zum Beispiel, warum die im Glasfenster verewigte Valeria, Weggefährtin des hingerichteten Heiligen Florian Männerkleider trägt, vermutlich aber eine Frau war. Und was uns das heute über Identitätsfragen sagt. Welche katholische Kirche traut sich, solche Themen offensiv anzusprechen? Viel zu wenige; im Mariendom geschieht es, klug und einladend.

Eine politische Kirche ist das, auch schon am Eingang, wo eine Gedenkinschrift für den umstrittenen österreichischen Kanzler Dollfuß aus heutiger Sicht historisch neu eingeordnet wird. Und auch das Angebot, auf dem Turm in 68 Metern Höhe eine Woche lang als Schweige-Eremit zu leben, mitten in der Stadt, „nicht sichtbar, und doch präsent“, hebt diese Kirche von anderen ab, was gesellschaftliches Bewusstsein betrifft.

 

Über den Mariendom in Linz finden sich zahlreiche Quellen im Netz.

Wer nicht hinfahren will, kann sich hier alles auch in digitaler 360°-Optik ansehen: https://www.dioezese-linz.at/mariendom/360grad

Über die Ausstellung „Frauenbilder“ informiert dieser Link: https://www.dioezese-linz.at/site/mariendom/home/news/article/202145.html

 

 

 

 

 

 

 

Der Ballotino und die Magie der Machtbalance

Was uns die Geschichte von Venedig heute lehrt

Die Sonne scheint, die Lagune glitzert, der Gondoliere singt. Kein Zweifel, wir sind in Venedig, wenn auch nicht in unserer Zeit. Ein kleiner Junge, so um die zehn Jahr alt, folgt seinen Eltern im adligen Ornat über den Markusplatz. Der Junge und seine Familie hatten sich ihren Weg gesucht durch die verwinkelten Gassen ihrer Stadt, sie waren Kanälen gefolgt und hatten sie auf Brücken überquert. Sie sind unterwegs zu den edlen Geschäften rund um den arkadenbestandenen Platz; sie wollen sehen und gesehen werden. Und sie wissen, dass ein großes Ereignis bevorsteht: Die Wahl eines neuen Dogen von Venedig.

Da kommt ein Herr auf sie zu, stolzer Bart, prächtiges Gewand, ein Mitglied des Rates der venezianischen Republik. Er bahnt sich den Weg zur Familie, hindurch zwischen den anderen Venezianern, die da herumwandeln, noch ungestört von Touristen, keine Selfies, keine Tauben, vielleicht ein paar Straßenhändler, einige flatternde Möwen.

Die ganze Pracht des Reichtums von Venedig zeigt sich im Dogenpalast – und doch ist er mehr als ein Schloss. Der Palast war über Jahrhunderte Ort einer fein austarierten Machtbalance.

„Du bist der Ballotino!“, ruft der edle Fremde, der Hochgestellte, dem Jungen zu. Der Ruf ist laut, und die Umstehenden bilden sofort einen Kreis um das Kind. Sie jubeln und klatschen. Die Eltern erstarren, blicken unsicher herum. Sie sind stolz, aber sie wissen auch, was dieser Moment bedeutet. Ihr Kind ist von diesem Augenblick an versprochen an eine Tradition der großen Handelsnation, der Weltmacht an der Adria. Ihr Kind wird für die Wahl des nächsten Dogen benötigt, es ist ausgesucht worden, zufällig, willkürlich, und gehört künftig zum Gefolge des noch zu wählenden Oberhauptes des reichen Stadtstaates.

Das Ziel war Machtbalance …

600 Jahre lang gab es solche Momente im Leben eines venezianischen Jungen, insgesamt mehr als 120-mal, beginnend im 12. Jahrhundert, zuletzt im Jahr 1789. Der Ballotino wurde nach der Verfassung der venezianischen Republik benötigt, um die Wahl eines neuen Dogen durchzuführen. Den Dogen durften nur Männer aus adligen Familien Venedigs wählen. Diese Männer bildeten den Rat, aus dessen Kreis der neue Doge auf Lebenszeit bestimmt werden musste. Um die Machtbalance der adligen Familien zu erhalten, verfeinerten die Venezianer ihr kompliziertes Wahlsystem über viele Jahrhunderte immer weiter.

Am Anfang der Wahl sollte der blanke Zufall stehen. Ihn garantierte der Ballotino, ein zufällig auf dem Markusplatz ausgesuchtes Kind, natürlich auch wieder kein Mädchen. Dem Bub kam die Rolle zu, aus einem großen Lostopf mit so vielen Kugeln, wie es Mitglieder des Rates gab, jene 30 vergoldeten Kugeln zu ziehen, die für die 30 ersten zufällig ausgelosten Teilnehmer am Wahlverfahren standen.

Venedig war über die Jahrhunderte seiner Blüte eine oligarchische Herrschaft mit demokratischen Zügen. Das nicht-adlige Volk war von der Macht ausgeschlossen. Die adligen Familien der Stadt misstrauten sich so sehr, dass sie keinem der ihren die Chance zur alleinigen Herrschaft einräumen wollten. Sie waren sich aber einig darin, was auf keinen Fall eintreten sollte: Dass eine Familie die ganze Macht als Erb-Herrschaft an sich riss. Also ertüftelten sie ein ausgefeiltes System von Gremien und geteilten Verantwortlichkeiten, das allzu viel Macht an einer Stelle über Jahrhunderte wirksam verhinderte.

… und am Anfang sollte Zufall stehen

Am Anfang auf dem Weg zur wirksamen Machtbalance griff der Ballotino in den Lostopf, Nach zahlreichen weiteren komplizierten Wahlgängen wurde am Ende des Prozesses (in einem Konklave, wie bei der Papstwahl) ein neuer Doge bestimmt. Der musste einen heiligen Eid auf die Verfassung leisten und repräsentierte anschließend alle Macht und Pracht der Löwenrepublik in seinem berühmten Palast, den heute Hunderte Touristen täglich durchwandern.

Selbst war er aber weitgehend handlungsunfähig. Vielköpfige Gremien und einflussreiche Berater, die er sich nicht aussuchen konnte, sondern ihrerseits gewählt wurden, stellten sicher, dass der Doge seine Macht niemals allzu sehr ausdehnen konnte. Der Dogenpalast war zwar auch der prunkvolle Wohnsitz des Staatsoberhauptes, gleichzeitig aber Sitz aller Machtgremien und sogar der Gerichtsbarkeit der Republik. Die dort Verurteilten wanderten seufzend über die berühmte Brücke direkt ins Gefängnis.

Der Saal des großen Rates im Dogenpalastes: Hier tagten die Adligen, aber sie hatten nicht die alleinige Macht. Das Gremium war einem Parlament nicht unähnlich. Mit unseren heutigen Vorstellungen von Demokratie hatte die Republik allerdings nichts gemein.

Heute nennen wir es: Gewaltenteilung. Die Venezianer mögen sie als Verfassungsprinzip nicht erfunden haben (denn schon die Griechen und Römer hatten dorthin weisende Konzepte), aber sie haben sie in einer Zeit vorgelebt und durchgehalten, in der es im restlichen Europa fast nur absolutistische Herrscher gab.

Zeit für einen Cappuccino!

Nehmen wir kurz Platz in einem Café an der Lagune und genießen den Blick auf die einzigartige Kulisse dieser Stadt. Schauen wir sie uns an, diese einmalige Mischung aus morbider Urbanität, strahlendem Glanz der Paläste, dem Plätschern des Wassers, dem ruppigen Brummen der Vaporetti, dem Rauschen und Rufen der Menschenmassen. Venedig ist auch eine schöne Kulisse unserer romantischen Träume, eine Projektionsfläche für unsere Hoffnungen nach einer schöneren Welt.

Venedig ist kompliziert, seine Wege sind mühsam, verwinkelt und kraftzehrend. Warum nicht einfach abreißen?

Dabei weist uns die Geschichte dieser Stadt selbst in diese schönere Welt. Sie erzählt von der stabilisierenden Kraft der Machtbalance. Uns mag sie als selbstverständlich gelten, die Trennung von Staat, Verwaltung und Justiz. Die Befassung mehrerer Gremien mit einem Gesetz, in verschiedenen Parlamenten. Wir rollen die Augen, wenn in Brüssel Parlament und Regierungen und eine Kommission miteinander ringen, wenn im deutschen Föderalismus der Bund mit den Ländern streitet. Das mag alles sehr kompliziert und mühsam sein, aber es teilt die Macht, es sorgt für eine Annäherung an Gerechtigkeit, es ist Grundlage für freiheitliche Entfaltung des Einzelnen.

Es unterscheidet uns von den Tyrannen und Autokraten, die in unserer Zeit wieder ihre Völker mit Gewalt und ihre Nachbarn mit Krieg und Terror überziehen, weil sie vor nichts mehr Angst haben, als vor einer Teilung ihrer Macht mit den Menschen ihrer Völker.

Wie einfach wäre es, das ganze Gewirr abzureißen?

Machtbalance herzustellen und zu leben ist so kompliziert wie das Wahlverfahren des Dogen, der Weg dorthin ist so verwinkelt wie diese Stadt mit ihren schmalen Kanälen und engen Gassen, so mühsam wie ihre steilen Treppen und schmalen Brücken. Wie einfach wäre es, das ganze Gewirr, das ewige Hin und Her einfach niederzureißen und eine breite Straße zur Macht zu planieren?

Nicht doch!, ruft der empörte Venedig-Besucher.

Ein Blick auf diese Stadt am Wasser, ein Spaziergang in ihren Gassen, zwischen Palästen und Kirchen, eine schaukelnde Fahrt durch die Kanäle und hinaus auf die Inseln, quer über die Lagune, ein staunender Gang durch die reich verzierten Säle der verschiedenen Räte im Dogenpalast lässt den Besucher die ganze Magie der Machtbalance erleben. Es ist jede Mühe wert, sie zu erreichen und zu erhalten.

 

Zur Verfassung der Republik Venedig und zum Ablauf einer Dogenwahl habe ich Bezug genommen auf die Arbeiten von Hans-Jürgen Hübner, nachzulesen bei http://www.geschichte-venedigs.de/verfassung.html

 

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Aber wir haben den Daimler

Die fünf Tage von Richard Wagner in Stuttgart

Über die besondere Magie der Begegnung von Richard Wagner und der Stadt Stuttgart im Jahr 1864 hätte man sich natürlich schon viel früher informieren können. Sie ist offen nachlesbar in den Biografien über den Komponisten, und echte Wagnerianer kennen sie längst.

Trotzdem sei sie hier noch einmal kurz erzählt: Fünf Tage hat sich der schwierige Charakter in Stuttgart aufgehalten, vom 29. April bis 3. Mai, und er befand sich in einer katastrophalen Situation. Zwar hatten seine Werke durchaus Aufmerksamkeit in ganz Europa gefunden, und auch eine umstrittene Bekanntheit hatte sich Wagner bereits erarbeitet. Aber wo auch immer der stürmische Mensch in Erscheinung trat, gab es Ärger. Sachsen hatte er fluchtartig verlassen müssen, da ihm aufrührerische Aktivitäten vorgeworfen wurden. In Wien hatte er Schulden gemacht, die er nicht ausgleichen konnte, auch nicht mit Hilfe von Gönner(inn)en. Auch Wien musste er also auf schnellstem Wege hinter sich lassen, die Gläubiger im Nacken.

Wagner in Stuttgart: Ein Missionar in eigener Sache, sperrig, von künstlerischem Schöpfergeist besessen redet er auf das schwäbische Volk ein. (Szene aus dem Stadtspaziergang der Oper Stuttgart zur Ankunft Wagners in Stuttgart, Darsteller: Peer Oscar Musinowski, Schauspiel Stuttgart)

Verarmt, unerreichbar verliebt, obdachlos

Verliebt hatte er sich auch noch, ungeschickterweise in die Ehefrau Cosima seines Freundes und wesentlichsten Förderers, Hans von Bülow, wobei für Wagner keine relevante Rolle spielte, dass er bereits seit 28 Jahren, wenn auch aus seiner Sicht unglücklich, verheiratet war. Wagner lebte auf der Flucht vor seiner eigenen Vergangenheit, auch vor den Folgen seines ungestümen, oft rücksichtslosen Charakters. Zu seiner Frau Minna in Dresden konnte er aus politischen Gründen nicht zurück und wollte es auch emotional nicht.

Er war ein Obdachloser, verkaufte Teile seines Hausstandes und bei Konzertauftritten und Reisen erhaltene Gastgeschenke, um wenigstens die Hotelrechnungen bezahlen zu können. Seine Förderer zogen sich vor dem wilden, ungebändigten Geist dieses Mannes zurück und signalisierten wachsenden Widerwillen, ihn bei sich aufzunehmen.

„Ich bin am Ende!“

In dieser Lage kam Richard Wagner am 29. April 1864 nach Stuttgart. Logis nahm Wagner – ohne dafür zahlen zu können – im damaligen Hotel „Marquardt“ neben dem alten Bahnhof. Am Neckar hatte er noch einen Freund, den Kapellmeister der württembergischen Hofkapelle, Karl-Anton Eckert. Der versprach ihm nicht nur Kost, er wollte auch den Kontakt zum Intendanten des Hoftheaters herstellen. Seinen Freund Wendelin Weißheimer, der ihn in Stuttgart aufsuchte, und mit dem er die „Meistersinger“ fertigstellen wollte, begrüßte er mit den Worten: „Ich bin am Ende!“ Und der befreundeten Schriftstellerin Eliza Wille schrieb er aus Stuttgart an den Zürichsee: „Freundin, Sie kennen den Umfang meiner Leiden nicht, nicht die Tiefe des Elends, das vor mir liegt.“

Ein Festspielhaus im Kurpark?

Wagner hoffte in höchster Not, in Stuttgart Aufführungschancen zu erhalten, vielleicht einen Vorschuss, der ihn über die nächsten Wochen retten könnte. Welche Wendung hätte das Stuttgarter Kulturleben nehmen können, wenn es zu einem Engagement Wagners am Neckar gekommen wäre? Vielleicht stünde dann jetzt das Festspielhaus nicht auf dem Hügel in Bayreuth, sondern im Kurpark von Bad Cannstatt?

Erfolgreiche Abwerbung: In diesem Gebäude am Stuttgarter Schlossplatz fand das Gespräch zwischen Richard Wagner und dem Emissär von Ludwig II. statt, das den Komponisten vor dem Ruin rettete. jetzt ist es das „Hotel Utopia“ der Oper Stuttgart.

Aber es kam anders. Ohne dass Wagner etwas davon ahnte, reiste ihm bereits seit zwei Wochen auf seinen wilden Fahrten durch halb Europa ein Mann hinterher. Er hatte einen prominenten Auftraggeber. Der bayerische König Ludwig II., gerade erst auf den Thron gelangt, ein „Jüngling von bedenklicher Schwermut und Menschenscheu, schön, dunkeläugig und homophil“ (so Martin Gregor-Dellin in seiner Biografie über Richard Wagner) hatte als 15jähriger den „Lohengrin“ gesehen und war seither besessen davon, Richard Wagner kennenzulernen und zu fördern. Nun, als König, hatte er auch Macht und Mittel dafür. Er ließ nach Wagner fahnden.

In Stuttgart spürte der bayerische Abgesandte Franz von Pfistermeister das unmittelbar vor dem Ruin stehende Genie auf und informierte den Staunenden über die Anbetung durch den jungen König. Er habe den Auftrag, Wagner sofort nach München zu bringen und dem König persönlich vorzustellen.

Ein gemachter Mann – von einem Tag auf den anderen

Und so kam es. Noch am selben Tag, dem 3. Mai, nachmittags um fünf bestieg Wagner zusammen mit Pfistermeister den Zug von Stuttgart nach München, überwand die Alb, überquerte die Donau, dampfte an Augsburg vorbei und eilte schließlich in die Münchner Residenz. Wagner war von diesem Tage an ein gemachter Mann, er hatte keine materiellen Sorgen mehr, denn für sein Auskommen sorgte der junge König. Beide bezahlten dafür einen Preis, massive Ablehnung und persönliche Demütigungen kosteten dem kranken König schließlich das Leben und Wagner musste aus München nach Bayreuth flüchten.

„Grünliche Dämmerung“ über den Hügeln des Kessels …

An Hügeln hätte es nicht gemangelt, aber hätte Stuttgart ein Wagner-Festspielhaus geschmückt? Wäre die protestantische Stadt bereit gewesen für die Kunst des romantisch-barocken Wagner? Der Kulturflaneur darf skeptisch sein. Die Oper Stuttgart nähert sich dieser Frage mit dem durchaus anspruchsvollen Film über die Stuttgarter Tage von Richard Wagner. Es ist eine sehr schwäbische Antwort. Der Film trägt den Titel „Grünliche Dämmerung“, und lässt schon allein damit allen politischen Spekulationen Raum. Er dauert etwa eine halbe Stunde, erfordert Humor und Aufmerksamkeit, und am Ende geht man hinaus und denkt sich: Vielleicht ist es besser, dass er nach München weitergezogen ist. Wir haben den Daimler und die Mineralbäder.

 

Inspiriert zu diesem Text hat mich das Frühjahrsfestival der Oper Stuttgart mit dem Titel „Hotel Utopia – Richard Wagners fünf Tage am Neckar zwischen Ruin und Rettung“, insbesondere auch der geistreiche und sehr sinnliche Stadtspaziergang zu Wagners Ankunft in Stuttgart (vom 18. Mai 2022). Das Programm des Frühjahrsfestivals dauert noch bis 22. Mai: https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/a-z/hotel-utopia/

Zum Film „Grünliche Dämmerung“ gibt es derzeit auf Youtube nur den Trailer:  https://www.youtube.com/watch?v=hfcKtGDNezM Über das weitere Schicksal des Films außerhalb des Frühjahrsfestivals wurde noch nicht entschieden.

Die biografischen Daten verdanke ich unter anderem der exzellenten Biografie von Martin Gregor-Dellin über Richard Wagner: https://www.piper.de/buecher/richard-wagner-isbn-978-3-492-30187-9

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier.

Was von Wagner bleibt ….

 

Die Orgel im Schwalbennest (#31)

Die Glasfenster im Dom von Regensburg entstanden über viele Jahrhunderte und tauchen den strengen Bau in buntes Licht.

Dom St. Peter, Domplatz 1, 93047 Regensburg

Mein Besuch am 5. Mai 2022

Die Orgel steht nicht auf der Empore, wo sie doch eigentlich hingehört. Sie steht auch nicht (nur) im Altarraum, wo sie praktisch ist. Sie hängt an der Wand!

Der Regensburger Dom ist ein mächtiges gotisches Bauwerk, fast so groß wie der Dom von Köln, seine beiden Türme überragen und prägen das Stadtbild des mittelalterlichen Weltkulturerbes an der Donau. Wunderbar stimmig scheinen die hohen Wände des Baus durch die engen Gassen, die ihn umgeben; der Besucher fühlt sich wie in Frankreich. Die Baugeschichte von St. Peter zieht sich über die Jahrhunderte hin, beginnt im 13. Jahrhundert und endet nicht mit der Vollendung der markanten Türme Ende des 19. Jahrhunderts. Ein Dom dieser Größenordnung ist nie „fertig“, sondern muss ständig renoviert und in Stand gehalten werden.

Das Innere des gewaltigen Baues ist streng und farbig; aber das ist kein Widerspruch! Die gotische Strenge ist Ergebnis eines radikalen Rückbaus aller barock-goldenen Elemente, die das Innere des Raumes einmal geprägt haben muss. Man kann sich das kaum vorstellen, wenn man heute zwischen den gewaltigen Säulen herumwandert. Der Mode folgend, wurde im 19. Jahrhundert im Dom fast alles entfernt, was an Stuck und Schnörkeln vorhanden war. Mittelalterliche Glaskunst ist erhalten, der bayerische König Ludwig I. stiftete dazu bunte Glasfenster. Und kluge Ergänzungen kamen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hinzu. Entstanden ist so ein gläsernes Gesamtbild, dessen Schein jetzt auf die streng-grauen Pfeiler und Wände fällt. Ein wunderbares Licht! Ich konnte es auf mich wirken lassen während einer schönen, klugen, kurzen Orgel-/Text-Meditation, die im Dom fast täglich zur Mittagszeit angeboten wird.

In schwindelerregender Höhe schwebt die moderne Hauptorgel von 2009 im Querschiff – wie ein Schwalbennest.

Sehr beeindruckt hat mich die moderne Hauptorgel, die erst 2009 eingebaut wurde und jetzt wie ein Schwalbennest in der Höhe des Querschiffs hängt, scheinbar unerreichbar für Menschenhand. Dieses Instrument ist die größte freihängende Orgel der Welt. Mehr als 36 Tonnen wiegt sie, allein die Stahlkonstruktion, die sie trägt, hat angeblich ein Gewicht von sieben Tonnen. Einem Konzert mit diesem Instrument gilt meine nächste Reise nach Regensburg!

Informationen zum Dom St. Peter in Regensburg finden Sie hier: https://domplatz-5.de/dom/

Weitere persönliche Eindrücke aus von mir besuchten Kirchen finden Sie in meiner Sammlung #1000Kirchen.

 

„Sie dürfen!“ – Ein Wort hat Konjunktur

Eine sprach-politische Betrachtung über das Wort „Dürfen“ in einer freien Gesellschaft

„Das wird man doch noch sagen dürfen“, schnauzt der Querdenker in die bereitstehenden Mikrofone der angeblichen „Lügenpresse“ – und unterstellt mit seiner Formulierung, dass es ihm irgendjemand verboten hätte, seine schräge Sicht der Dinge zu formulieren.

„Ich darf doch wohl anderer Meinung sein als Du“, ist der ultimative Schlusspunkt mancher innerfamiliären Auseinandersetzung, als ob die Freiheit der Meinung in Frage gestellt worden wäre – und nicht die Stichhaltigkeit des Arguments.

„Sie dürfen schon mal Ihre Karte reinstecken“, sagt die Supermarkt-Kassiererin zum solventen Kunden, der seinen Einkauf bezahlen will.

„Sie dürfen sich erstmal ins Wartezimmer setzen, es dauert noch einen Moment“, erteilt die Assistenz in der Hausarztpraxis dem schmerzgeplagten Patienten die hoheitliche Erlaubnis zum Hinsetzen.

Das Dürfen hat Konjunktur

Die „Dürfen“-Kurve in der deutschen Sprache seit 1946: Ein Wort hat Konjunktur. Seit 2016 geht die Wortverwendung besonders steil nach oben. Quelle: DWDS-Wortverlaufskurve, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, abgerufen am 20.4.2022.
Der historische Höhepunkt für das „Dürfen“ in der deutschen Sprache lag in der Zeit des Nationalsozialismus. (Datenbasis unterschiedlich zur Statistik ab 1946) Quelle: DWDS-Wortverlaufskurve für „dürfen“, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, abgerufen am 20.4.2022.

Das Dürfen hat Konjunktur. Das ist nicht nur ein Gefühl, sondern sogar messbar. Die Wortverlaufskurve des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache (DWDS) zeigt steil nach oben, wenn es um das Dürfen geht. Die vermeintliche Erlaubniserteilung wird im Deutschen heute so viel verwendet wie seit der Zeit des Nationalsozialismus nicht mehr. Der statistische Wert von heute übertrifft sogar den damalige Dürfen-Terror. Das steht als sprach-politische Botschaft donnernd im Raum, auch wenn die unterschiedliche Datenbasis der Zeiträume einen solchen Vergleich aus wissenschaftlicher Sicht ausdrücklich nicht erlaubt.

Die Wörter-Statistik kommt erwartbar komplex zustande – kurz zusammengefasst sieht sie so aus: Ausgewertet werden zigtausende schriftliche Dokumente aus Belletristik, Zeitgeschehen, Zeitungen und Zeitschriften, und – seit es sie gibt – auch elektronische Medien. Das Dürfen hatte seinen Beliebtheitshöhepunkt in der deutschen Sprache zwischen 1930 und 1939 – und jetzt wieder. Vor allem seit 2016 steigt die Verwendungskurve für das Wort „Dürfen“ wieder steil nach oben.

„Mein schönes Fräulein, darf ich´s wagen?“

„Er darf hereinkommen“, sagte in vergangenen Zeiten der Despot zum Bittsteller, den er noch nicht mal für würdig erachtete, ihn direkt anzusprechen. Der Fürst saß und der Bittsteller durfte in der Regel stehen, was immerhin eine Parallelität zur Situation an der Supermarktkasse sein dürfte.

„Mein schönes Fräulein, darf ich´s wagen,“, lässt Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) seinen Faust das Fräulein fragen, „meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?“, in einer geradezu herzzerreißend verliebten Mischung aus direkter und indirekter Ansprache. Hier ist klar: Der höfliche Herr ist ein gut erzogener Bittsteller, das junge Fräulein erlaubt ihm, ihr den stützenden Arm zum Spaziergang zu reichen. Die Erlaubnis zum Dürfen wird nicht ungefragt erteilt.

Nach dieser Ordnung wäre es richtig, wenn der Kunde im Supermarkt fragt: „Darf ich schon loslegen mit der Karte?“ und die freundliche Kassenkraft antwortet: „Ja, Sie dürfen!“ Ach, da hört man doch schon das geschundene Discounter-Personal im Chor dem Autor zurufen: „Sie dürfen sich mit Ihren Spitzfindigkeiten gerne mal einen Tag an diese Kasse setzen!“ – was auch wieder im Wortsinn korrekt wäre, denn die Erlaubnis dazu wäre zweifellos vorab entsprechend von denjenigen zu erteilen, die da immer sitzen.

„Dürfen“ steht für Erlaubnis, Bitte, Aufforderung, Befürchtung

Ein Blick in das bereits zitierte Wörterbuch lehrt, dass die Bedeutungsvielfalt des Dürfens deutlich über die klassische Erlaubnis hinausgeht. Es darf auch als ethisch intendierter Imperativ gemeint sein: „Du darfst keine Tiere quälen!“ Auch der Ausdruck einer Bitte ist erlaubt – allerdings eher in verneinender Form: „Das darfst du bitte dem Vater nicht sagen …“, eine Befürchtung darf formuliert werden „Der VfB darf auf keinen Fall absteigen!“, oder in Verbindung mit dem Konjunktiv eine Wahrscheinlichkeit: „Morgen dürfte es regnen“. Die Varianten des Dürfens sind vielfältig, und so verneigen wir uns vor all jenen Menschen, die nicht von der Kindeswiege an in unserer wunderbaren Sprache aufwachsen konnten und die vielfältig unterschiedlichen Einsatzmöglichkeiten des Dürfens als Erwachsene bei vollem Bewusstsein erlernen müssen.

In den 70er-Jahren war „Dürfen“ nicht in Mode

Der statistische Tiefpunkt bei der Wortverwendung des Dürfens lag übrigens im Jahr 1977. Das war eine Zeit, in der die Studenten-Revolutionäre von 1968 den Marsch durch die Institutionen erfolgreich begonnen hatten. Eine sozialliberale Regierung bestimmte über Deutschlands Schicksal und musste sich mit dem Schrecken des RAF-Terrorismus herumschlagen. Die Überwindung des „Muffs unter den Talaren“ war im Gange. Es ging um Emanzipation und gegen die Atomkraft, drei Jahre später wurde in Westdeutschland die grüne Partei gegründet. Es war eine Zeit, in der mehr über das Wollen und das Können diskutiert wurde. Etwas zu „dürfen“, das war nicht up to date.

Seither klettert die Nutzungskurve des Dürfens wieder dauerhaft nach oben. „Wir haben sogar an einer Bundestagssitzung teilnehmen dürfen“, sagt der Oberstufenschüler nach der Berlinreise seiner Schulklasse, wobei sich die Frage stellt, ob er das in einer öffentlichen Sitzung nicht immer hätten tun können, wenn er es denn gewollt hätte. Oder er hätte die TV-Übertragung anschalten dürfen.

Sensibilität für unsere Werte ist gefragt

Alles nur sprachliche Petitessen? Nein, Ausdruck einer Geisteshaltung. Das „Dürfen“ setzt in allen geschilderten, alltäglichen Zusammenhängen voraus, dass es einer Erlaubnis dafür bedürfen würde. Das ist nur in den wenigsten Fällen so gegeben. In einem freiheitlichen Staat darf jeder alles sagen oder tun, auch jeden noch so großen Unsinn, wenn er nicht nach den Gesetzen unseres Landes anderen schadet, sie beleidigt oder offensichtlich lügt. Die empörte Betonung „Das darf man doch wohl noch sagen!“ ist deshalb eine Herabsetzung hoher Werte unserer individuellen Freiheit, weil sie unterstellt, da sei etwas nicht erlaubt.

Sensibilität für diese unsere Werte, die übrigens gerade in der Ukraine mit Menschenleben gegen einen Angriff verteidigt werden, ist auch im Alltag nicht fehl am Platz. Der Kunde „darf“ nicht an der Kasse zahlen, sondern er muss. Der Patient „darf“ sich nicht ins Wartezimmer setzen, sondern er soll es, weil Frau Doktor noch zu tun hat, was ja völlig in Ordnung ist. Und das Herumstehen im Gang verträgt sich nicht mit dem Datenschutz. Es ist also keine höfliche Erlaubnis, sondern eine sinnvolle Aufforderung, gedeckt durch das Hausrecht.

Und diesen Text, den dürfen die geschätzten Leserinnen und Leser nicht lesen oder hören, weil der Autor es erlaubt, sondern weil sie es wollen.

„… aber dürfen hab´ ich mich nicht getraut!“

Was ist das für eine Gesellschaft, in der die Grenzen zwischen Wollen, Müssen, Können und Dürfen immer weiter verschwimmen, sich verrühren zu einem schlierigen Einheitsbrei? „Mögen hätt‘ ich schon wollen, aber dürfen hab´ ich mich nicht getraut“, formulierte der Münchner Künstler Karl Valentin (1882-1948) sehr treffend.

Also bitte, hier ein Appell an alle selbstbewussten Menschen in einer freiheitlichen Gesellschaft: Flatten the „Dürfen“-Curve! Wer etwas mag, kann es wollen und muss es nicht dürfen.

 

Die zitierte Wortstatistik zu „Dürfen“ finden Sie hier: https://www.dwds.de/wb/d%C3%BCrfen#:~:text=Mehr-,d%C3%BCrfen%20Vb.,haben‚.

Um Karl Valentin geht es auch in meinem Text zum Valentinstag. 

Weitere Essays als #Kulturflaneur finden Sie hier.

Starke Frauen und ein machtgeplagter Gott

Zur Neuinszenierung der „Walküre“ in Stuttgart

Stille im dunklen Saal. Die Oper beginnt. Rauschhaft schwillt die Musik an. Ein Freund von Wagner-Musik, dem es an eigener, anderweitiger Drogenerfahrung mangelt, könnte sich genauso jenes erlösende Gefühl vorstellen, das den Körper eines Suchtkranken durchströmt, wenn der ersehnte Schuss wirkt, wenn der erste tiefe Zug aus der Zigarette nach stundenlanger Abstinenz die starre Anspannung löst.

Bunte Walküren am Start: Die Privatarmee des Göttervaters im 3. Akt von „Die Walküre“. Foto: Martin Sigmund, bereitgestellt von Oper Stuttgart

Wagners Noten sind ein Sog, seine Töne können für Menschen, die dafür empfindlich sind, jenen zauberhaften Sirenenklängen gleichen, gegen deren magische Macht, aber auch tödliche Wirkung, sich der antike Sagenheld Odysseus zu schützen wusste. Seiner Seefahrer-Mannschaft befahl er, sich mit Wachs die Ohren zu verstopfen. Odysseus aber wollte die tödlichen Wundertöne der rätselhaften Sirenen hören, und so ließ er sich selbst an den Mast seines Schiffes binden. Als er dann die verlockenden Gesänge vernahm, bettelte er seine taube Mannschaft flehentlich an, ihn loszubinden, damit er den Zauberklängen folgen könne. Aber seine Mannschaft konnte ihn dank seiner eigenen Vorsicht nicht hören.

Achtung, Trigger-Warnung!

Daher an dieser Stelle eine Trigger-Warnung: Wagners Opern können antisemitische Elemente, unkritische Deutschtümelei und ein Weltbild enthalten, das weit von heutigen Vorstellungen der Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann entfernt ist. Zigarettenschachteln warnen mit drastischen Bildern vor dem Genuss ihres eigenen Inhaltes. Vielleicht sollten wir diskutieren, einen Link zu den neuesten Erkenntnissen der Wagner-Forschung auf jede Opernkarte, auf jede CD-Hülle zu drucken – oder wenigstens den Hinweis: „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie den Musikhistoriker Ihres Vertrauens“?

Vorsicht vor der politisch unkorrekter Suchtwirkung dieses Sujets ist also angeraten. Entsprechend gewappnet aber darf jede und jeder Musikfreund/in sich fast willenlos hineingleiten lassen in Wagners Musik, darf einfach hören und sich tragen lassen in eine Welt, die so machtvoll schön, und doch auch so gewalttätig toxisch ist. Das dem Rausch verfallene Opernvolk kann stundenlang stillsitzen, um ängstlich dem längst bekannten Ende entgegenzufiebern, voller Schmerz und Wehmut und Glück.

Sie wollen das erleben? Bitte schön, auf in „Die Walküre“! Für das Wagnersche Rauscherlebnis ist vor allem die Musik verantwortlich. Was Handlung und Text angeht, haben Wagner-Opern immer das ganz Große im Leben im Blick – Macht, Liebe, Gier, Geld -, also jede Menge Futter für Regieeinfälle.

Drei Regieteams, dreimal neue Konzeption

Vorsicht, Sogwirkung möglich: Die Musik von Richard Wagner kann manche Opernfreunde abhängig machen, trotz oft diskussionswürdiger Inhalte. Sieglinde und Siegmund (hier Simone Schneider, Michael König) gehen eine inzestöse Liebesbeziehung ein. Foto: Martin Sigmund, bereitgestellt von Oper Stuttgart

In Stuttgart hat man mit der szenischen Umsetzung gleich drei Teams damit beauftragt – für jeden Akt eines -, und das ist mehr als ungewöhnlich. Es gibt also keine durchgängige Regieidee, sondern jeder Akt kommt mit eigener Konzeption und Anmutung daher. Es beginnt mit Ratten in einer zerstörten Welt, führt uns tief hinein in den dunklen Wald menschlicher Abgründe und endet in farbenfroher Romantik. Ein sehr sinnlicher Abend, auch wenn von den Hauptfiguren eher wenig „gespielt“ wird, dafür viel los ist im Bühnenbild, im Licht, bei den Kostümen.

Wagners Sicht auf das „Weibliche“ ist komplex. Einerseits sollen sie mit Ihrem Fordern und Handeln den Männern dazu verhelfen, im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen. Andererseits legt Wagner aber auch in der „Walküre“ die Frauen so an, dass sie im entscheidenden Moment dominieren, das weitere Geschehen bestimmen. Also hereinspaziert in die Galerie der starken Frauen:

Die Galerie der starken Frauen

Sieglinde verlässt liebestrunken den ihr ungefragt zur Zwangsverheiratung im Kindesalter zugeordneten Ehemann, und gibt sich einer inzestösen Verbindung mit ihrem Zwillingsbruder Siegmund hin. Beide sind Kinder des Ober-Gottes aus einer außerehelichen Beziehung. Das erbost die im Götterstaat für Moralfragen zuständige Fricka. Sie hält ihrem Mann Wotan eine Standpauke, an deren Ende sie ihn so weit hat, gegen seine eigene Überzeugung zu handeln. Er erteilt seiner Lieblingstochter Brünnhilde, die zusammen mit ihren acht Schwestern so etwas wie eine Frauen-Privatarmee (die Walküren) des Göttervaters bildet, den Auftrag zur Ermordung seines Sohnes Siegmund. Die aber weigert sich, beeindruckt vom authentischen Liebesbekenntnis des Siegmund zur Sieglinde, solchen väterlichen Wahnsinn auszuführen. Brünnhilde wechselt die Fronten, aber Siegmund muss trotzdem sterben (in der Stuttgarter Regie des zweiten Aktes psychologisch sehr klug gelöst).

Wotan ist ob des unbotmäßigen Verhaltens seiner Tochter fuchsteufelswild, tobt schreckerregend herum, schnauzt deren Walküren-Schwestern an, sich auf keinen Fall zu solidarisieren mit der Ungehorsamen. Brünnhilde konfrontiert ihn mutig mit der bitteren Wahrheit: Sie habe doch seinen eigentlich authentischen Willen ausgeführt! Wieder muss er, um seine Autorität zu sichern, gegen seine Überzeugung handeln, denn die Ungehorsamkeit darf nicht ungestraft bleiben. Schließlich bietet ihm seine Tochter einen Ausweg an: Sie wird nicht einfach als wehrlose Straßenhure verstoßen, wie Wotans Idee war, sondern sie erhält so viel Schutz, dass nur ein wahrer Held sie wird für sich gewinnen können. (Dazu dann mehr in „Siegfried“, dem dritten Teil des „Ring“, der als Wiederaufnahme in Stuttgart am 9. Oktober 2022 Premiere haben wird).

Aus feministischer Sicht kann man sich aus guten Gründen daran stören, dass die starke Brünnhilde in einer unangemessen passiven Rolle am Ende der Oper zurückgelassen wird. Ja, so ist es. Aus Wagners Welt wird nicht posthum ein moderner Hort der Gleichberechtigung; diesen Umschwung wird keine Regie leisten.

Gefangen im Alcatraz der Verantwortung

Sollte man sich „Die Walküre“ trotzdem ansehen? Unbedingt! Nicht nur die erschreckend gegenwärtigen Bilder der Verwüstung, die den ersten Akt prägen, machen den Opernbesuch zum brandaktuellen Erlebnis, sondern auch die sehr kluge psychologische Deutung des Vater-Tochter-Konfliktes. Allen Schlaumeiern, die in (a)sozialen Netzen und anderswo – am besten anonym – über Spitzenpolitiker lästern, weil diese unter der Last der realen Verantwortung auf ihren Schultern Kompromisse machen und alte Gewissheiten aufgeben, wird der Besuch ganz besonders empfohlen. Sie könnten, wenn sie es denn zulassen, am Leibe des leidenden Göttervaters erleben, welche Qualen mit der Last der Macht, mit dem Alcatraz der Verantwortung, verbunden sind.

Es ist unsere Welt, die da verhandelt wird

Nachdenklich tritt man nach fünf Stunden heraus ins Freie; im Kopf klingen noch die letzten Takte des Rausches nach. Es ist eben doch unsere eigene Welt, die da verhandelt wurde. Man tritt heraus in eine Welt, in der verbrecherische Kriege in der Nachbarschaft geführt werden, jeden Tag wieder Ungerechtigkeiten stattfinden, geduldet und erduldet werden, in der das Klima kollabiert. Das vom Sturm zerknüllte Dach des stolzen, aber renovierungsbedürftig dahinbröselnden Opernhauses wurde soeben als Mahnmal direkt davor platziert. Man tritt hinaus und droht über Ghettoblaster und herumstehenden Bierflaschen direkt auf den Stufen des Opernhauses zu stolpern.

Man tritt hinaus und blickt hinüber zum alten Schloss, nur wenige Meter entfernt. Dort hatten Claus und Berthold Stauffenberg etliche Jahre ihrer Kindheit verbracht. Gemeinsam mit vielen anderen planten sie die Tötung Hitlers. Ihr Plan scheiterte am 20. Juli 1944, und sie wurden hingerichtet. Der Codename ihres Geheimplanes diente ursprünglich für Vorbereitungen zur Niederschlagung innerdeutscher Widerstände gegen das NS-Regime. Die Attentäter nutzten ihn als Schutz für ihre eigenen Vorbereitungen. Er lautete: „Walküre“.

 

 

Dieser Text erhebt nicht den Anspruch einer Aufführungskritik. Mein Fokus liegt ausschließlich auf dem (kultur-)politischen Aktualitätsbezug von Werk und Inszenierung. Daher gibt es in diesem Text auch nur Bemerkungen zur Konzeption der Inszenierung, nicht zu den Leistungen von Sänger/innen und Orchester.

Gesehen habe ich die Vorstellung am 29. April 2022. 

 

Im Jahr 2023 werden an der Oper Stuttgart zwei Aufführungen des kompletten „Ring“ erfolgen. Die „Walküre“ steht am 4. März, sowie am 1. und 6. April auf dem Spielplan. Zur Website der Stuttgarter Oper: https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/a-z/die-walkuere/

Die antike Geschichte von Odysseus und den Sirenen ist bei „Wissen mach Ah!“ gut zusammengefasst: https://kinder.wdr.de/tv/wissen-macht-ah/bibliothek/kuriosah/geschichteundgeschichten/bibliothek-odysseus-und-die-sirenen-100.html

Über das Frauenbild von Richard Wagner wurde viel geforscht und veröffentlicht. Sehr frisch ist die Forschung von Paul Simon Kranz, der darüber in diesem Interview berichtet: https://www.br.de/mediathek/podcast/klassik-aktuell/aktuelles-interview-mit-paul-simon-kranz-zu-seinem-buch-richard-wagner-und-das-weibliche/184647

Zu Graf Stauffenberg in Stuttgart und zur Operation „Walküre“: https://www.hdgbw.de/ausstellungen/stauffenberg/

„Die Walküre“ ist der zweite Teil des vierteiligen „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner. Mein Text zum ersten Teil, dem „Rheingold“ in der Stuttgarter Inszenierung finden Sie hier, zum Stuttgarter „Siegfried“ hier, und zur Götterdämmerung hier –  wie auch weitere Texte als #Kulturflaneur.

Nah am Wasser (#30)

Backstein und barocke Turmhaube: St. Katharinen in Hamburg hat Brände, Überschwemmungen und Kriege überstanden, und alle haben sie verändert.

Hauptkirche St. Katharinen, Katharinenkirchhof 1, 20457 Hamburg

Mein Besuch am 28. März 2022

Im Eingangsbereich der Kirche erinnert eine Gedenktafel an die 80 Seeleute der „Pamir“. Das Segelschulschiff sank 1957 bei einem Sturm in der öden, salzigen, sich aufbäumenden Meereseinsamkeit des Atlantik, weit weg von jedem rettenden Land. Der Orkan, das tobende Meer und wohl auch zahlreiche menschliche Fehler rissen sie aus ihrem Leben, 45 davon waren „Kadetten“, die noch nicht einmal das 18. Lebensjahr vollendet hatten. Für Landratten wie mich ist die Vorstellung von solchem Geschehen unfassbar schaurig und herausfordernd. Für Menschen, die seit Generationen Matrosen, Seefahrer, Kapitäne in ihren Familien haben, ist es sicherlich nicht weniger erschreckend, aber doch näher an ihrer Gefühlswelt.

Die evangelische Hauptkirche St. Katharinen in Hamburg liegt in Hafennähe. Seit 1657 trägt ihr geduckter Turm eine markante Barockhaube. Sie leuchtet hinüber in die Speicherstadt, gestaltet die seeseitige Silhouette der Hansestadt mit. Die Ursprünge dieser Kirche gehen auf das 13. Jahrhundert zurück, seither hat das alte Gemäuer Brände, Überschwemmungen, Kriege aushalten müssen, und alles das hat vieles verändert. Heute präsentiert sich die Kirche äußerlich in Backstein, innen überrascht sie mit einem streng weiß gehaltenen, hohen (29 Meter) Innenraum. Dicke Rundsäulen prägen den Raum, die zum Dach hin in gotische Bögen auslaufen und einen weiß getünchten Kirchenhimmel mit goldenen Sternen tragen.

Strenges Weiß, moderne Fenster, goldene Sterne am Kirchenhimmel: Der behutsam modernisierte Innenraum überrascht.

Der ungemein stimmige Innenraum lädt zum Verweilen und Innehalten ein, und daher ist es erfreulich, dass die Kirche auch tagsüber genau dafür geöffnet ist. Dann fällt das bläuliche Licht durch die modernen Kirchenfenster hinein, genau das passende Licht, um an Menschen zu denken, die ihr Leben dem Wasser verschrieben haben.

Weitere Informationen zu St. Katherinen in Hamburg  bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Hauptkirche_Sankt_Katharinen_(Hamburg)

wie auch über den Untergang der „Pamir“: https://de.wikipedia.org/wiki/Pamir_(Schiff)

weitere Kirchen in meiner Sammlung #1000Kirchen