Willkommen im Jahr 2036 – Morgenwelle live

Geschichts-KI Dr. Historfreak erzählt, wie es zum dritten Weltkrieg kam

Guten Morgen, Ihr da draußen! Hier ist eure Morgenwelle, wie immer KI-gestützt, und wir schreiben Montag, den 4. Februar 2036. Da war doch was? Richtig, heute vor zehn Jahren begann der dritte Weltkrieg, Dazu später!

Erstmal ein paar lockere Meldungen: Draußen hat es sechzehn Grad plus, kein wirkliches Winterwetter, aber daran haben wir uns inzwischen gewöhnt. Luftqualität ist super, auf den Straßen der übliche Berufsverkehr. Gestern kam die Meldung, dass inzwischen sechzig Prozent aller Autos elektrisch angetrieben werden. Und der FC Bayern hat auch wieder gewonnen, keine Überraschung. Sechzehn Punkten Vorsprung in der Liga, das sollte reichen bis zum Sommer. Sind ja auch nur noch drei Monate bis Saisonschluss, die Fußballer müssen dieses Jahr schneller fertig werden wegen Olympia. In Moskau ab Juli. Dafür hatten sich damals auch deutsche Städte beworben, wurde nichts draus. Hatte sich mit dem Weltkrieg dann auch erledigt. Also Leute, kommt gut in die neue Arbeitswoche. Musik!

Wie er die Welt sieht: Das Bild ist echt und stammt aus dem Jahr 2025 – Europäisches Führungspersonal versammelt vor dem Schreibtisch von Donald Trump. Die Landkarte im Hintergrund dagegen ist KI-generiert in das Bild montiert. Genau dieses Fake-Foto hat Donald Trump selbst am 20. Januar 2026 auf seinem Netzwerk Truth Social gepostet. Kanada, Grönland und Venezuela gehören zu den USA.

Nun also zum Jahrestag. Heute vor zehn Jahren …

Nun also zum Jahrestag, denn wir sind ja hier auch ein Bildungsradio: Heute vor zehn Jahren brach der dritte Weltkrieg aus. Die älteren unter euch werden sich erinnern, da hatten wir schon eine Menge Angst, dass auch bei uns die Bomben fallen. Kam dann alles nicht so schlimm, jedenfalls nicht für uns. Die Wirtschaft hatte schwere Jahre, aber hat sich inzwischen halbwegs erholt, die neuen Märkte in Russland, Indien und Südamerika gleichen vieles aus, was wir wirtschaftlich in den USA verloren haben.

Hier bei mir im Studio ist unser Dr. Historfreak, die Geschichts-KI der Morgenwelle, wie immer an wichtigen Jahrestagen. Legen wir los!  

Wie geht´s Dir heute, Dr. Historfreak?

Gut. Aber halte mich nicht mit solchen Befindlichkeitsfragen auf. An einem Jahrestag werde ich viel gefragt, da kann ich keine Rechnerkapazitäten für Gefühle aufbringen. Also, was willst Du wissen?

Erklär mir, wie es zum dritten Weltkrieg kam heute vor zehn Jahren.

Angefangen hat es schon drei Jahre früher, aber das war erst in der Rückschau erkennbar. Vor dreizehn Jahren hatte der russische Präsident Wladimir Putin damit begonnen, sich sein Nachbarland Ukraine einzuverleiben. Begründet hat er das mit „Sicherheitsinteressen“. Etwa ein Fünftel des Landes konnte er militärisch erobern. Die Ukrainer bekamen damals noch viel Hilfe aus Europa und Amerika, und sie zögerten so durch Widerstand den Krieg in die Länge. Und vor elf Jahren kam dann in Amerika ein kranker, alter Mann an die Macht. Donald Trump hieß der, ist schon 2027 gestorben. Heute gilt als gesichert, dass er an einer massiven narzisstischen Störung litt und niemals hätte amerikanischer Diktator werden dürfen. Dieser Trump brauchte nur ein Jahr, um den Anstoß für den dritten Weltkrieg zu geben. Das war heute vor zehn Jahren.

Ok. Es ging damals irgendwie um Grönland, oder?

Richtig. Trump wollte Grönland haben, damit Russland es nicht bekommt. Trump redete auch von „Sicherheitsinteressen“, aber die Europäer, denen Grönland gehörte, waren nicht bereit waren, es ihm zu verkaufen. Heute vor zehn Jahren hat Trump dann damit begonnen, es gewaltsam zu erobern. Genau das hatte er zwar wenige Tage vorher in Davos beim Weltwirtschaftsgipfel noch ausgeschlossen, aber daran hielt er sich nicht. Militärisch war das keine große Herausforderung, zumal die amerikanischen Truppen ohnehin schon auf der Insel stationiert waren.

Und dann?

Die Europäer und die Kanadier sagten, das würden sie jetzt nicht hinnehmen. Sie eroberten militärisch tatsächlich die Hauptstadt und einen Teil von Grönland wieder zurück. Das war möglich, weil in den USA kein Mensch verstanden hatte, warum der kranke Präsident unbedingt diese eisige Insel haben wollte. Es kam nach zwei Wochen dank indischer Vermittlung zu einem Waffenstillstand zwischen USA und Europäern und Kanadiern. Der gilt bis heute und hat die Insel geteilt. Trump entzog daraufhin den Europäern die US-Unterstützung für die Ukraine.

Oje.

Ja, schlecht für die Ukraine. Die Staatsordnung in der Ukraine kollabierte nach wenigen Wochen, und im Sommer 2026 standen die russischen Soldaten in der Hauptstadt Kiew. Dort sind sie bis heute.

Und dann?

Präsident Putin stellte die Europäer vor die Wahl: Entweder sie akzeptieren, dass er den größten Teil der Ukraine behalten darf, oder er greift weitere Länder in Europa an. Es gab ja keinen atomaren Schutz mehr durch die USA. Engländer und Franzosen redeten zwar von ihren Atomwaffen, aber es war, klar, dass sie diese erstmal nicht einsetzen würden gegen Russland, um ihre eigenen schönen Hauptstädte nicht zu gefährden.

Klar. Was passierte noch?

Parallel eroberten die Chinesen Taiwan. Sie nutzten den günstigen Moment, da die ganze Welt auf den Ukraine-Grönland-Konflikt blickte. Ohne die Unterstützung der Amerikaner hatten die Taiwanesen gegen die militärische Übermacht der Chinesen keine Chance. Und Trump konnte nach seinem Grönland-Abenteuer aus innenpolitischen Gründen keinen weiteren Konflikt riskieren. China machte es noch dazu ziemlich geräuschlos. Gewaltsam wechselten sie die Führung in Taiwan aus, aber es gab kaum Zerstörungen. Das hatten sie sich bei Trump abgeschaut, der zuvor auf gleiche Weise Venezuela auf Kurs gebracht hatte.

Ein unblutiger Krieg also?

Nun, etwa eintausend Tote gab es schon in Taiwan. Ich würde also nicht von unblutig sprechen. Aber im Vergleich zur Ukraine war es vergleichsweise unblutig. Viel schlimmer war, was dann im Iran passierte. Israel griff mit amerikanischer Unterstützung den Iran an, der durch Sanktionen und innere Konflikte geschwächt war. Zuvor hatte sich Trump der Neutralität von China und Russland versichert, indem er zusagte, sich nicht weiter für die Ukraine oder für Taiwan zu engagieren. Nach dem Sturz der islamischen Republik brach dort ein Bürgerkrieg aus, der bis heute andauert. Dem Bürgerkrieg fiel bisher fast ein Drittel der iranischen Bevölkerung zum Opfer. Das Land ist zerfallen und wird von mehreren Clans kontrolliert.

Dr. Historfreak, im Unterschied zum ersten Weltkrieg, der vier Jahre, und zum zweiten, der sechs Jahre dauerte, war der dritte schon nach sechs Monaten vorbei. Und große Zerstörungen in Europa gab es auch nicht. Das ist doch gut, oder?

Die Ukraine war schon total kaputt. Und ob er vorbei ist, wird erst die Zukunft zeigen. Die Russen haben sich zwar erst einmal mit der halben Ukraine einschließlich der Hauptstadt zufriedengegeben, rüsten jetzt aber wieder auf. Und einen historisch belegten Anspruch auf die ganze Ukraine erheben sie auch noch immer. Nachdem die Nato zerfallen ist, steht Europa ziemlich wehrlos da, und uneinig sind sich die Europäer auch wie eh und je.

Mach uns keine Angst, Dr. Historfreak! Droht schon wieder bald Krieg?

Vielleicht braucht Präsident Putin, der ja jetzt auch schon über achtzig ist, gar nichts mehr machen. In den meisten Ländern Europas, in Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Italien und in vielen kleinen Staaten sowieso, sind inzwischen russland-freundliche Regierungen am Ruder. Die Sanktionen gegen Russland sind aufgehoben, und nach dem Wegbrechen des amerikanischen Marktes brauchten die Europäer dringend die Geschäfte mit Russland und China. Auch der Wiederaufbau der Ukraine ist für die Europäer ein großes Konjunkturprogramm.

Und wie ist heute die Lage in Grönland?

Kalter Krieg. Die Insel ist geteilt. Fast alle Küsten sind von den USA besetzt, die Hauptstadt Nuuk kontrollieren die Europäer. Der Rest ist Packeis, das allerdings schmilzt. Inzwischen ist ja J.D. Vance an der Macht in den USA, der hat immer noch den Plan, Grönland komplett zu übernehmen. Aber erstmal muss er sich um die eigene Wirtschaft kümmern, die infolge des Zusammenbruchs des Handels mit Europa abgestürzt ist.

Sag mir noch, wie es in Israel weitergegangen ist.

Israel hat sein Staatsgebiet um den Gazastreifen und das frühere Palästinensergebiet erweitert. Auch das ging im Windschatten der globalen Großkonflikte mit amerikanischer Unterstützung ziemlich geräuschlos vonstatten. Aber viele Palästinenser sind dabei gestorben.

Und wie geht es den Menschen dort jetzt?

Wie meinst Du?

Die Menschen, Dr. Historfreak! Die Menschen, die in den Palästinensergebieten gewohnt haben?

Ich weiß nichts über Gefühle. Soweit mir bekannt ist, sind die Menschen immer noch dort. Was bleibt ihnen sonst auch übrig? Sie arbeiten jetzt in den amerikanischen Hotels und Firmen, die sich in den Gebieten angesiedelt haben. Nach amerikanischen Quellen geht es ihnen jetzt besser als damals, als sie in den Ruinen ihrer zerbombten Häuser und den Zelten der Flüchtlingslager hausen mussten.

Danke, Dr. Historfreak! Wie immer sachlich und kompetent!

Alles hat mehrere Seiten …

Soweit unsere Geschichts-KI, liebe Zuhörer. Ich plane übrigens gerade meinen Sommerurlaub auf der Krim. Die Möglichkeit hätte es nicht gegeben ohne den dritten Weltkrieg! Also, alles hat mehrere Seiten. Und jetzt Werbung!

 

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Der kleine Trump ist allgegenwärtig

Was passiert, wenn Moral und Verstand das einzige ist, was uns stoppen könnte

Wir würden gerade einen Umbruch erleben, erzählen uns die klugen Leute (und natürlich haben sie Recht), einen Umbruch von der regelbasierten auf die machtbasierte Weltordnung. Nicht mehr das Völkerrecht und die Regeln, Vereinbarungen, Absprachen in internationalen Organisationen bestimmen derzeit das Handeln der Weltmächte, sondern ihre individuellen Interessen – und die Möglichkeiten der Macht, sie massiv verfolgen, vielleicht auch gewaltsam durchsetzen zu können.

Wer wollte dieser Analyse widersprechen? Am meisten zu diskutieren daran wäre vielleicht, ob es diese unterstellte Dominanz von Regeln in der Weltordnung wirklich jemals gegeben hat, und wenn ja: Wo und wie lange? Vielleicht die letzten achtzig Jahre in Europa, beeindruckt von der Schockwelle des zweiten Weltkrieges. Aber schon für den Rest der Welt gilt das wohl nur ziemlich ein geschränkt, und außerdem: Was sind schon achtzig Jahre? Ein kurzer Glücksfall, wenn man gerade da gelebt hat.

Bild von Gabriel Douglas auf Pixabay

Nun pfeift auch noch der mächtigste Mann der Welt auf das internationale Regelwerk. Donald Trump, über dessen machohaftes, erratisches und egoistisches Gebaren das deutsche Wohlstandsbürgertum angewidert den Kopf schüttelt – dieser Donald Trump sagt nun öffentlich in einem Interview mit der New York Times, er brauche kein Völkerreicht. Was ihn dann also in seinem Handeln begrenze, fragen die Journalisten. Und er antwortet: „Mein eigener Sinn für Moral. Mein eigener Verstand. Das ist das Einzige, was mich stoppen kann.“

Das löst nur wenig Vertrauen aus. Warum wohl?  Drei Szenen aus dem deutschen Alltag:

Erste Szene: Kein Parkplatz in Sicht

Kein Parkplatz in Sicht. Natürlich weiß der Autofahrer, der sein Fahrzeug auf den schmalen Gehweg steuert, dass er dort andere behindern könnte. Und er kennt das Verbot, dort zu parken, wo er im nächsten Moment der Mutter mit dem Kinderwagen oder dem alten Mann mit dem Rollator den Weg abschneidet. Ist ihm aber im Moment egal. Er denkt nur an sein eigenes Risiko: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass gerade jetzt ein Ordnungshüter vorbeikommen wird? Sehr gering. Und in ein paar Minuten wird er ja auch schon wieder fort sein. Der Mann oder die Frau mit dem Strafzettel kann ihn also nicht stoppen. Nur die eigene Moral und der eigene Verstand.

Zweite Szene: Die Reinigungskraft kommt

Man sagt heute nicht mehr „Putzfrau“, man nennt die Dame mit Kopftuch wenigstens „Reinigungskraft“. Die Reinigungskraft also kommt. Alle zwei Wochen, jeweils drei Stunden. Am Ende ihrer Tätigkeit nimmt sie in bar das Geld entgegen. Sie will es so, ohne Quittung, ohne Versicherung, ohne Steuer. Die Menschen, die sie beschäftigen, wollen es auch so. Billiger. Einfacher. Kein Papierkram. Alle wissen es: Schwarzarbeit ist verboten, sie schadet der Gemeinschaft, verlagert berufliches Risiko einseitig auf die Reinigungskraft: Bei Krankheit kein Geld, kein Anspruch auf Urlaub , keine Versicherung, wenn sie von der Leiter fällt. Alle Beteiligten wissen darum. Und sie handeln trotzdem so. Weil ihre eigene Moral ihnen keine Grenze zeigt.

Dritte Szene: Friedlicher Feierabend auf der Parkbank

Eine Parkbank. Die beiden jungen Männer sitzen auf ihr, spielen sich gegenseitig Klingeltöne und lustige Videos vor. Dämmerung, es ist eine friedliche Feierabend-Szene. Einer der beiden hat eine Chipstüte dabei, der andere raucht. Die Zigarettenstummel wirft er auf den Boden, tritt die Glut aus, steckt sich die nächste Zigarette an. Irgendwann ist die Chipstüte leer. Und die Parkbank auch. Auf dem Boden liegen fünf Kippen, auf der Bank die leere Tüte. Direkt neben der Parkbank ist ein Mülleimer mit Aschenbecher. Würden die beiden auch so handeln, wenn es der Garten ihrer Mutter wäre, in dem sie sitzen? Gewiss nicht. Sie kennen die Regeln des Miteinanders. Aber sie halten sie nicht ein. Wegen der Moral oder wegen des Verstandes?

Regeln helfen wenig, wenn die eigene Moral nicht stark und der eigene Verstand nicht streng genug ist. Und weil wir uns selbst kennen, trauen wir Moral und Verstand von Donald Trump nicht. Der Bösewicht im Weißen Haus ist uns alltäglich ähnlicher, als wir es wahrhaben wollen.

 

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Eine ordentliche Zusammenfassung des Trump-Interviews mit der New York Times finden Sie z.B. hier. 

 

 

 

 

 

Der Kanzler und die Krippe

Eine Weihnachtsfiktion

Bild von Nicky ❤️🌿🐞🌿❤️ auf Pixabay (bearbeitet) 

(1)

Bevor er den beiden Polizeibeamten, die vor seinem Grundstück in ihrem Auto in der Dunkelheit saßen, etwas vom Punsch bringen konnte, hatten seine Personenschützer das Umfeld gesichert. Auf ihr Signal hin trat der Bundeskanzler über den Gartenweg hinaus auf die Straße und reichte den Polizisten zwei Tassen in ihr Fahrzeug; das dampfende Frucht-Zimt-Gebräu, ein Familienrezept seiner Großmutter, sorgte sofort für Beschlag auf der Windschutzscheibe. Einen Teller mit Weihnachtsgebäck hatte er auch noch dabei, balancierte ihn hinterher in das Fahrzeuginnere hinein. Der Kanzler wusste, dass seine Frau, und auch sein Personal, sich normalerweise um diese Menschen kümmerten. Für die zwei Personenschützer vom Bundeskriminalamt, die rund um die Uhr im Haus warteten, und sich regelmäßig mit ihren zwei Kollegen abwechselten, die draußen im Garten postiert waren, war längst ein eigener Raum eingerichtet worden, in dem Essen und Trinken bereitstand. Heute auch der Familien-Punsch.

Die beiden Beamten im Auto, eine junge Frau mit kurzen, schwarzen Haaren und ihr Kollege, bärtig – Migrationshintergrund, erfasste der Kanzler -, dankten ihm artig.

Was machen Ihre Familien heute?“, mühte sich der Kanzler um Interesse. Er wollte es wirklich wissen, das waren Menschen, die ihre Zeit für ihn aufbrachten. Aber er war müde. Und gleich würde auch noch ein Fotograf kommen. Er zwang sich zur Aufmerksamkeit.

Sie hätte sich freiwillig angeboten, heute an Heiligabend Dienst zu schieben, sagte die junge Frau, sie sei noch ohne eigene Kinder, die Kollegen mit Familie hätten Vorrang.

„Ohnehin nicht mein Fest“, murmelte ihr Kollege und wich dem Blick des Kanzlers aus, wendete sich ihm dann aber zu, und ergänzte: „… aber Danke für Ihr Interesse, Herr Bundeskanzler.“

„Nein, ich danke Ihnen sehr“, sagte der Kanzler, bot einen Handschlag an,  wobei er beim Griff nach der ausgestreckten Hand der jungen Frau, die von ihm entfernt am Steuer saß, sehr darauf achtete, nicht versehentlich ihrem Kollegen die heiße Punschtasse über die Uniform zu kippen.

„Frohe Weihnachten“, sagte der Kanzler, und die beiden wiederholen: „Frohe Weihnachten, Herr Bundeskanzler.“

Der Kanzler kehrte in sein Haus zurück. Er wartete, bis die Personenschützer die Tür hinter ihm geschlossen hatten und gab dann auch ihnen die Hand. „Sie sind versorgt?“, fragte er, wobei er wusste, dass er darauf keine Antwort brauchte. Sie sind versorgt, und so bestätigten sie es ihm auch.

„Da kommt gleich noch ein Fotograf vom Bundespresseamt,“ sagte der  ältere der beiden Schwarzgekleideten, „so stehts im Plan.“

Der Kanzler unterdrückte ein Gähnen. „Ja, stimmt, ich weiß.“

 

Der Kanzler betrat er sein Wohnzimmer, ein Raum mit vielen Büchern und einer breiten Fensterfront in den Garten, vor der nun der raumhohe Weihnachtsbaum stand, geschmückt ganz nach seinem Geschmack – schlicht, aber vornehm, nur Glas und Holz. Die Holzschnitzereien am Baum und auch die Krippenfiguren darunter stammten aus dem Erzgebirge; er hatte sie bei einem seiner ersten Besuche dort nach der Wende vor Jahren selbst gekauft. Eine Polstergruppe bot Platz für die große Familie, die sich nachher hier versammeln würde. Fünfzehn Leute. Der Kanzler liebte Familien, und seine eigene Familie – drei Kinder mit Ehepartnern, sieben Enkelkinder – liebte er ganz besonders.

Die Scheiben aller Fenster im Haus waren im letzten Frühjahr gegen Sicherheitsglas getauscht worden. Während der Kanzler den Blick durch das jetzt noch menschenleere Wohnzimmer streifen ließ, fiel ihm ein, wieviel Dreck und Staub der Tausch der Fenster damals verursacht hatte. Seine Frau hatte sich darum gekümmert. Aber es hatte sich gelohnt. Vor einem Jahr an Weihnachten, da war er noch nicht Kanzler, aber schon Kandidat, waren noch die alten Gläser drin, und deshalb musste immer Sicherheitspersonal vor dem Fenster stehen. Tag und Nacht. Jetzt war hier keiner mehr. Wir können Veränderung, wenn wir es nur wollen, stammelte er vor sich hin, verbot sich aber schon im nächsten Moment selbst solche Gedanken. Keine Politik jetzt, nicht heute, nicht an Heiligabend. Im Haus war es still. Die drei Kinder mit ihren Familien waren bereits eingetroffen, er hatte sie zusammen mit seiner Frau selbst in Empfang genommen. Jetzt richteten sie sich in ihren Zimmern ein, irgendwo über ihm. Noch war er im Dienst, seine Familie würde später zu ihrem Recht kommen.

Der Kanzler trat an den Baum, betrachtete lange die Krippe, die auf einem niedrigen Hocker direkt vor dem grünen Geäst stand. Dann ordnete er einige Figuren anders an, schob hier einen Hirten, den er besonders schön fand, in den Vordergrund und dort ein hölzernes Schäfchen weiter nach hinten. Kopfschüttelnd nahm er die drei Figuren der Könige „aus dem Morgenland“ (unzulässiger Begriff, dachte er sich) einschließlich ihrer Kamele heraus. Wer hat die denn hier hingestellt, das ist zu früh, die kommen erst Anfang Januar. War schon immer so. Die Könige erst an Dreikönig. Er steckte die Figuren in die oberste Schublade der Eichenholz-Schrankwand. Auch die Kamele mussten sich dort schlafen legen.

Es klopfte und der Personenschützer blickte durch den Türspalt. „Der Fotograf ist da“, sagte er. „Ja klar, soll reinkommen“, antwortete der Kanzler. Sein letzter Termin heute. Morgen keine Termine. Am zweiten Feiertag wieder nach Berlin.

 

(2)

Drei Stunden später war der Kanzler umtobt von seiner Familie. Es hatte das traditionelle Essen gegeben, dann waren die Enkelkinder in das Wohnzimmer gestürmt, hatten sich artig vor dem Baum versammelt und auf das Signal gewartet, sich den Geschenken widmen zu dürfen. Aber erst las der Großvater das berühmte Kapitel aus der Weihnachtsgeschichte vor, die Älteren kannten es natürlich längst. Seine älteste Tochter beobachtete er dabei, wie sie den Text lautlos mit den Lippen mitsprach – „Es begab sich aber zu der Zeit …“- und er bestand auch darauf, dass zunächst gesungen wird. Wenigstens ein Lied. „Macht hoch die Tür …“ sang der willige Teil des Familienchors, und der Kanzler sang textsicher mit.

Heute Wein, sonst verbot er sich Alkohol, Der Kanzler nippte am Glas, und mühte sich redlich, Interesse aufzubringen für den familiären Tumult um ihn herum. Hier die Eisenbahn, dort der neue Pokémon-Pullover, da die blonde Barbie. Der Kanzler, der jetzt hier nur ein Großvater war, er nickte und staunte, er fragte und hörte zu.

Deshalb hier, ging ihm durch den Kopf, wegen dieser Kinder, wegen Millionen anderer Kinder, die jetzt gerade Geschenke auspacken, deshalb mache ich das alles. Wieder wollte er sich das Abschweifen in die Politik verbieten, aber diesmal, da alle anderen abgelenkt waren, gelang es ihm nicht. Die letzten Stunden, Tage, Wochen krochen in ihm hoch. Die Sorge um den Frieden, um den Wohlstand, die kleinkarierten Kämpfe, die zahllosen Termine, die Verantwortung. Das Unfassbare, das Scheue der Macht. Die ständige Gefahr zu scheitern. Die Welt, die sich um ihn drehte. Und dann doch wieder nicht. Die allumfassende Böswilligkeit, die ihn umgab, und von der er wusste, dass ihn nur ein Bruchteil des ganzen Hasses, der ganzen Abwertung und Niedertracht erreichte. Aus gutem Grund. Immerhin, es gab auch andere Stimmen.

Der Kanzler rutschte sich im Sessel in eine aufrechtere Position. Er rief sich zurück in die Gegenwart. Die Enkel waren von ihren Geschenken gefangen genommen, seine Kinder und ihre Mutter unterhielten sich, wenn sie nicht damit beschäftigt waren, Ordnung in den Kindertumult zu bringen. Niemand kümmerte sich um ihn. Der Kanzler hatte frei.

Frei, jetzt mal frei. Er schloss die Augen; nur ganz kurz.

 

„Du solltest Dich hinlegen“, flüsterte seine Frau dem Kanzler ins Ohr. Er schreckte auf. Wie lange hatte er hier geschlafen? „Wo sind die Kinder?“, fragte er, richtete sich auf und wusste doch die Antwort selbst. „Die sind auch schon ins Bett“, hörte er.

Der Kanzler schlurfte betäubt ins Schlafzimmer, nahm noch wahr, wie seine Frau neben ihm das Nachttischlicht löschte – auch seines. Den üblichen letzten Blick auf das Display verweigerte er. Heute nicht. Jetzt nicht mehr. Es ist Weihnachten.

 

(3)

Es war noch dunkel, als sein Telefon brummte. Der Kanzler schreckte hoch. Seit er im Amt war, hatte es nur wenige Nächte gegeben, in denen es nicht gebrummt hatte, aber für diese Nacht hatte er nicht damit gerechnet. Er blickte sich um, seine Frau schief. Er griff zum Telefon, stahl sich aus dem Bett und ging in das Nebenzimmer, das ihm in diesem Haus als Arbeitsraum diente. Sie hatten extra eine Tür eingebaut, damit er auf kürzestem Wege vom Bett dorthin gehen konnte, wenn es nötig war.

Es war der Kanzleramtschef.

„Frohe Weihnachten“, sagte der Kanzler. „Ebenfalls“, hörte er, und dann die Frage: „Schönen Abend gehabt?“

„Ich weiß nicht so viel davon, ich bin eingeschlafen.“

„Oh, ja, um so mehr, sorry für die Störung …“ Der Kanzler nickte und brummte ein wenig, und alle, die ihm kannten, wussten, dass dies bedeutete, man solle sich nicht mit seiner Befindlichkeit aufhalten. Er hatte ein Amt, das keine Befindlichkeiten erlaubte.

„Der saudische Kronprinz will Dich sprechen.“

„Heute? Jetzt?“

„Ja jetzt. Er will helfen.“

„Bei was?“

„Es geht um die Affäre, die Du ausgelöst hast. Also, eigentlich ist das Presseamt verantwortlich, denen hätte es auffallen müssen. Ist es aber nicht, schon wieder eine Panne. Jedenfalls bittet der Außenminister dringend darum, dass Du dem Wunsch nach einem Telefonat mit dem Saudi nachkommst. Um größeren Schaden abzuwenden.“

„Was für eine Affäre? Ich verstehe überhaupt nichts.“

„Hast Du nicht auf Dein Handy geschaut? Es geht um den Krippen-Post, den wir gestern online gestellt hatten. Ist inzwischen schon gelöscht, aber das hilft natürlich nichts, macht es vielleicht sogar eher schlimmer.  Längst stehen Screenshots im Netz. Das kocht gerade hoch, vor allem in den muslimischen Ländern, aber auch bei uns.“

„Krippen-Post?“

„Ja, auf Deinen Kanälen haben wir gestern Nachmittag das Bild mit Dir und Deiner Krippe zuhause veröffentlicht. Mit Weihnachtswünschen und so. Wir wollten das christliche Profil stärken, darüber hatten wir doch gesprochen.“

Der Kanzler nickte. „Ja und?“

„Das Presseamt hat nicht aufgepasst. Es gab schon ein Foto von Eurer Krippe, das war schon vor drei Tagen gemacht worden. Damals mit dem Fokus auf die Schnitzarbeiten aus dem Erzgebirge. Also so nach dem Motto: Der Kanzler hat Krippenfiguren aus dem Osten. Kann ja nicht schaden, da etwas für Dein Image zu tun, wegen der Landtagswahlen, weißt schon. Das lief damals alles, ohne Dich zu belästigen. Du warst da noch in Brüssel. Die Krippe bei Euch war aufgebaut worden, es wurden Fotos gemacht, und dann ging es eben rum mit dem Motto: Der Kanzler hat eine Krippe aus dem Erzgebirge.“

„Ja, ok, von mir aus. Aber was ist jetzt das Problem?“

„Auf diesem ersten Foto sind die drei Könige, auf dem von gestern nicht mehr.“

„Und das ist ein Problem?“

„Für die islamische Welt schon. Sie sprechen von einer gezielten Entfernung der arabischen Welt aus unserem christlichen Weltbild. In der Türkei, im Iran, in den Emiraten, in Jemen, und auch bei uns in der muslimischen Community tobt schon ein solcher Diskurs. Hierzulande machen die Linken auch schon mit, sie sagen, dass Du gezielt den ganzen globalen Süden aus Deiner Krippe gecancelt hast.“

„So ein Quatsch!“ Der Kanzler ordnete seine Gedanken. „Völliger Blödsinn. Es ist doch aus heutiger Sicht eher problematisch, dass drei Erdteile dem christlichen Jesuskind huldigen, damit müssen die doch eher ein Problem haben. Und nicht damit, dass ich die weggestellt habe, weil es zu früh ist.“

Er stellte sich vor, wie sein Minister jetzt gerade mitleidig grinste.

„Von den Grünen und der SPD haben wir noch nichts gehört. Ich fürchte, morgen springt die AfD drauf. Natürlich zustimmend, weg mit den fremden Königen und so weiter. Beifall von der falschen Seite.“

Nach einer kurzen Pause sprach der Minister weiter: „Und Du weißt ja nie, was dann folgt, auch aus unseren eigenen Reihen. Söder, Kretschmer und so weiter, nicht dass sich da auch noch einer findet, der Dir mangelnde Bibelfestigkeit vorwirft. Die lassen doch keine Chance aus.“

„Aber das ist doch Unsinn!“, protestierte der Kanzler noch einmal. „Das war doch immer so, dass die Könige erst im neuen Jahr dazugestellt wurden, … also, da muss man doch nur die Bibel lesen.“

„Zu spät. Keine Zeit für irgendwelche Differenzierungen. Die beiden Bilder nebeneinander wirken so, als hätte man da absichtlich Afrika und den Orient – also Asien – weggenommen, und Europa gleich mit. Die islamische Welt hat heute keinen Feiertag, und in Riad ist es schon fast neun Uhr. In ein paar Stunden wachen auch bei uns die Muslime auf. Die haben einfach nur frei, und deshalb jede Menge Zeit, sich aufzuregen.“

Der Kanzler sagte nichts.

„Wir müssen handeln,“ drängte der Minister, „bevor die Amerikaner, Musk und Vance, schlimmstenfalls Trump, draufspringen. Die schlafen noch. Oder willst Du das lesen: Schluss mit Migration, endlich hat´s auch der deutsche Kanzler kapiert. Deshalb wäre es wichtig, dass sich vorher der saudische Kronprinz unterstützend positioniert.“

„Oh Gott.“

„Aber Du weißt: Der Kronprinz will, dass wir ihm Taurus-Raketen verkaufen.“

„Ich weiß!“ – der Kanzler dämpfte seinen Ton, um seine Frau im Nebenzimmer nicht aufzuwecken – „aber das machen wir doch nicht. das haben wir doch schon tausendmal geklärt.“

„Ja, aber er gibt eben nicht auf. Er bietet an, mildernd einzuwirken auf seine Nachbarn und Dich für die Öffentlichkeit in Schutz zu nehmen.“

Der Kanzler schnaufte vernehmlich. „Brauche ich das? Von diesem zwielichtigen Mörder?“

„Deine Entscheidung. Auswärtiges Amt und der Pressesprecher raten dazu.“ Der Minister machte eine Denkpause. „Und ich auch.“

 

Das Gespräch mit dem Kronprinz konnte der Kanzler auf Englisch führen. Es war kein Dolmetscher erforderlich. Auf beiden Seiten hörten jeweils zwei Protokollierende mit. Der Kanzler dankte dem Kronprinz für seine Bereitschaft, der von ihm nicht beabsichtigten Empörung in der muslimischen Welt entgegenzutreten. Er werde diese wichtige und ausgleichende Rolle, die der Kronprinz und sein Land einnähmen, berücksichtigen bei den nächsten Verhandlungen über Waffenexporte, ohne dass er irgendetwas versprechen könne. Aber wenn es um Energieimporte, den Ausbau der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und die Annäherung an eine Lösung in der  Palästinenserfrage gehe, stehe Deutschland ohne Vorbehalte zu einer engen Kooperation bereit. Der Kronprinz dankte und lud den Kanzler zu einem Besuch im neuen Jahr nach Saudi-Arabien ein.

 

(4)

Nach dem Telefonat war an Schlaf nicht mehr zu denken. Der Kanzler betrat sein Wohnzimmer. Gerade ging die Sonne irgendwo hinter den Bäumen auf, noch war es mehr ein rotes Dämmern als helles Licht. Morgenland, dachte der Kanzler. Auf dem Rasen lag schimmernder Nebel. Was für ein Wetter, und das am ersten Weihnachtsfeiertag. Kein Schnee, keine Kälte.

Es war kühl im Raum. Die Geschenkpapiere stapelten sich in den Ecken, die Geschenke lagen halbwegs sortiert unter dem Baum. Plätzchenteller und Gläser vom Abend standen noch auf dem Tisch. Niemand zu sehen. Kein Mucks im Haus. Ob die Security wohl schläft? Der Kanzler nahm sich vor, später vorbeizuschauen.

Ganz langsam wuchs vor den schusssicheren Fensterscheiben das Sonnenlicht auf. Noch einmal blickte der Kanzler hinaus. Da stand ein Reh im Gras, überragte die Nebelschicht. Das schöne Tier schien ihn anzublicken, zu fixieren, fremd, unverwandt, starr. Das kann mich doch gar nicht sehen, überlegte der Kanzler, aber als er sich bewegte, stob das Reh mit einem Satz davon.

Er ging zum Schrank, öffnete die Schublade und holte die drei Könige und ihre Kamele heraus. Er stellte sie an ihren Platz zurück. Später würde jemand vom Bundespresseamt kommen und ein neues Foto machen.

Was für eine Welt, schüttelte der Kanzler den Kopf.

 

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Der Antrag und die alten Möbel

Eine kleine Geschichte über die Demokratie

Dies ist eine kleine Geschichte über Engagement, über die Sorge vor böswilliger Vereinfachung, und über die Kraft des Rechts. Es ist die Geschichte darüber, warum es besser ist, mit einer gutgemeinten Idee zu scheitern – als gar keine zu haben.  Kurz: Es ist eine Geschichte über die Demokratie.

Wird Geiz beklatscht werden – wo Mitgefühl und Nachhaltigkeit gemeint sind? Foto: Tomasz auf Pixabay

Niemand zwingt dazu, sich an der Gestaltung der Gesellschaft zu beteiligen. Es ist eine freiwillige Entscheidung, und meistens kann kein Vorteil versprochen werden. Demokratie ist nicht das Machtspiel weit weg in Berlin, ist nicht der Wahlkampf mit seinen Plakaten und Zuspitzungen, ist nicht die dümmliche Vereinfachung des Komplizierten im Kurzvideo. „Demos“, das Volk, das in der Demokratie regiert, ist höchst konkret. Es wohnt neben Dir und über Dir, unter Dir, fährt mit Dir U-Bahn oder steht neben Dir im Stau. „Demos“ bist Du selbst.

Wer mitmacht, wendet sich gegen die Kälte

Freiwillig lässt sich die eine in den Elternbeirat wählen, und der andere nicht. Es zu tun, bringt nur zusätzliche Aufgaben, oft Ärger. Freiwillig hütet irgendwer die Kasse des Sportvereins oder trainiert die wilden Kerle. Freiwillig sorgt sich irgendwer um die Belange der Eigentümergemeinschaft gegenüber dem Verwalter. Und freiwillig ist – jedenfalls in einer Demokratie – auch die Entscheidung, nicht nur Teil des „Demos“ sein zu wollen, sondern auch der „Kratos“, der Herrschaft. Dieser Schritt führt in die Politik. Er findet hunderttausendfach statt, dort, wo das Demos ist – vor Ort, in der eigenen Straße, in der Schule der Kinder, am Arbeitsplatz. Niemand wird dazu gezwungen, sich in die „Kratos“ einzubringen. Aber wenn es niemand tut, ist es wie am Elternabend, im Sportverein oder bei der Eigentümerversammlung: Betretenes Schweigen macht sich breit, ein Auf-den-Boden-Gucken wie in der Schule, wenn es um das Aufrufen geht. Dann ist es die Eiseskälte der Verantwortungslosigkeit, die ihren Raureif über alles und jedes legt.

Wenn also jemand mitmacht in der Politik, dann wendet er sich gegen diese Kälte. Es geht darum, ob es an der nächsten Straßenecke einen Zebrastreifen braucht oder nicht. Ob die Straßenbeleuchtung ausreicht. Ob der Sportverein neue Fußballtore benötigt, und ob die Gemeinschaft helfen sollte, sie zu finanzieren. Oft ist die Lösung nicht leicht, meist gibt es Gründe dafür und dagegen, es kostet vielleicht Kraft und Geld, manchen ist es wichtig, anderen eher nicht. Es wird also diskutiert und beraten, am Ende entscheidet eine Mehrheit. Selbst das liefert oft nicht die letzte Antwort, denn dort, wo Menschen zusammenleben, braucht es Regeln. In der freiheitlichen Demokratie steht das Recht noch über dem, was eine Mehrheit für richtig hält.

Wird Geiz beklatscht, wo Nachhaltigkeit gemeint ist?

Die gutgemeinten Idee sah so aus: Es gibt im Überfluss der Wohlstandsgesellschaft viele, viele Möbel, die aussortiert werden. Die schlechtesten davon landen irgendwo am Straßenrand der Großstädte oder im Sperrmüllcontainer; die besseren verstopfen die Lager der Trödler, der Flohmarktfreunde und der Sozialkaufhäuser.

Auf der anderen Seite gibt es viele Menschen, um die sich die Gemeinschaft kümmern muss, weil sie nicht genug Geld haben, um sich selbst Möbel zu kaufen. Zum Beispiel Menschen, die geflüchtet sind, die vielleicht sogar auf der Straße leben. Was spricht nun dagegen, denkt sich jemand aus der untersten „Kratos“, ganz nah dort, wo das „Demos“ lebt – was spricht dagegen, die staatlichen Unterkünfte für diese Menschen statt mit neuen Tischen, Schränken und Betten nun mit gebrauchten, aber noch gut brauchbaren Altmöbeln auszustatten?

So wird aus der Idee ein Antrag für ein demokratisches Beratungsgremium. Was spricht gegen den Vorschlag? Eigentlich nichts, denkt der Wohlmeinende. Aber im „Demos“ sind auch Böswillige unterwegs. Menschen, die fremdes Leid nicht anerkennen wollen, in der Not eher Schmarotzertum zulasten der Gemeinschaft vermuten. Werden diese Menschen über den Vorschlag jubeln? Geiz beklatschen, wo Mitgefühl nicht fehlt und Nachhaltigkeit gemeint ist?

Am Ende stirbt die gutgemeinte Idee

Es ist die Furcht vor dem Gift der bösen Instinkte, des Neids, der Selbstsucht, der Vorurteile, das die gutgemeinte Idee ungenießbar macht. Dann kommt das Recht zu Wort: Brandschutz, Unfallverhütung, langfristige Nutzbarkeit, alles das kommt als Argument gegen die Altmöbel-Zweitverwertung in Sozialunterkünften noch hinzu.

Die gutgemeinte Idee stirbt. Sie war nicht gut genug. Es werden auch weiterhin neue Möbel gekauft. Aber immerhin hat sich ein Mensch Gedanken für die Gemeinschaft gemacht. Es gab einen Diskurs, und alles zusammen war ein winziges Stück mehr Demokratie als zuvor.

 

 

Die Begriffe „Demos“ (das Volk) und „Kratos“ (die Herrschaft) stammen aus dem Altgriechischen.

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Ich hasse Parkbank-Bilder – Ein offener Brief

Fotokritik zur Rentendebatte

Liebe deutsche Medien,

immer wieder tauchen sie auf, diese Bilder – in der Süddeutschen ist eines davon besonders beliebt, in der Tagesschau auch. Man kann auch eine Google-Suche nach diesem Bild starten und findet es dann auch auf den Seiten des Handelsblattes, der Frankfurter Rundschau und vielen weiteren Medien. (Das hier beschriebene Foto stammt von einem Berufsfotografen der Deutschen Presseagentur. Ich bilde es hier nicht ab, um keine Urheberrechtsprobleme zu bekommen. Sie finden es bestimmt schnell, wenn Sie danach suchen, z.B. hier.)

Genussvoller Müßiggang – sieht so das Alter aus? Foto: beauty_of_nature auf Pixabay

Was ist zu sehen: Ältere Menschen sitzen auf Parkbänken. Fotografiert sind sie meist von hinten, Gesichter sind keine zu erkennen, so erspart sich der Fotografierende die Zustimmung der Abgebildeten. „Hier ein Schnappschuss aus dem schönen Leben“, textet beispielsweise die Süddeutsche Zeitung (in ihrer Ausgabe vom 24. November 2025) unter ein solches Bild. Entstanden ist dieses Bild angeblich im Kurpark von Bad Kreuznach. Untätige Grauköpfe hocken nebeneinander im warmen Frühlingslicht. Die empfindlichen Häupter der glücklichen  Rentner, vom schütteren Haar oft nur noch unzureichend beschützt, sind unter Hütchen oder Mützchen verborgen, die praktische Funktionsjacke schmiegt sich um die Schultern.

Welches Alter soll das abbilden?

Ich hasse solche Bilder.

Es geht – natürlich – um die Reformfähigkeit der Deutschen beim Thema Rente. Wie illustriert man ein abstraktes Thema zwischen „Haltelinie“ und „Generationenvertrag“? Offensichtlich so: Idyllischer Müßiggang pur ist angesagt für diese Generation der Parkbankbesiedler, während die Jüngeren sich einen abschuften müssen dafür, dass die Genießer unterm Strohhut ihre Rente bekommen.

„Welche Gesellschaft soll das abbilden?“, hat im April 2019 der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer es zu kommentieren für richtig gehalten, als die Deutsche Bahn ein buntes, modernes, multikulturell geprägtes Publikum abbildete. Dafür ist er zu Recht scharf kritisiert worden.

„Was für ein Alter soll das abbilden?“, frage ich mich nun, wenn ich solche Bilder sehe. Glaubt da ernsthaft eine Redaktionsgeneration, sie zeige damit irgendetwas Realistisches, etwas Typisches vom Leben in der Rente?

Parkbank und Blick aufs Meer – ein typisches Bild von der Rente? Foto: Gaspard Delaruelle auf Pixabay

Um es gleich klarzustellen:

Erstens: Es gibt diese von Wohlstand und Gesundheit verwöhnten Grauköpfe wirklich. Aber sie sind nicht typisch für Alltag und Lebensschicksal der Älteren.

Zweitens: Ich verstehe gut, dass jüngere Menschen (auch in Bildredaktionen) sich fragen, wie das weitergehen soll mit der Rentenfinanzierung in Deutschland. Wenn immer weniger Arbeitende für immer mehr Ruheständler aufkommen sollen, kann das auf Dauer nicht gutgehen. Die Lücke, die daraus entsteht, kostet den Bundeshaushalt schon heute rund ein Drittel seiner ganzen Einnahmen. Wir brauchen Änderungen bei der Rente, und auf der Suche nach Gerechtigkeit wird es nötig sein, auch die Älteren selbst in die Pflicht zu nehmen. Ich bin dafür.

Ein krasses Zerrbild der vorgerückten Jahre

Aber, liebe Medien, alles das berechtigt Euch nicht, mit neidauslösenden Fotos von Wohlstandsrentnern auf Parkbänken ein krasses Zerrbild der Realität in den vorgerückten Jahren zu zeichnen. Rentner sind die aktivste Gruppe unter den Ehrenamtlichen, die engagieren sich in tausendfacher Form, beaufsichtigen Kinder, besuchen einsame Kranke, halten Vereine am Leben, geben Essen aus und begleiten Geflüchtete aufs Amt. Etwa ein Drittel aller Seniorinnen und Senioren sind in diesem Sinne engagiert (lt. Deutsche Fernsehlotterie). Viele Kleinkind-Familien mit Doppelverdiener-Struktur würden überhaupt nicht funktionieren, wenn nicht Großeltern in die Kinderbetreuung fest eingeplant wären.

Fast ein Fünftel der Älteren in Deutschland ist armutsgefährdet – bei Frauen mehr als bei Männern. Gleichzeitig sind viele davon die Kränksten und Einsamsten in unserer Wohlstandsgesellschaft. Sie sitzen im Regelfall nicht strohhutbeschirmt in Bad Kreuznach auf der Parkbank, sondern eher im Stadtpark um die Ecke. Nicht wenige dort sind froh darüber, diese nächste Parkbank aus eigener Kraft erreicht zu haben.

Wo bleibt die Vielfalt auf den Rentner-Fotos?

Also, liebe Medien: Lasst diese idyllischen Parkbank-Fotos weg! Sie zeichnen ein diskriminierendes Zerrbild von Rentenempfängern. Sie unterstellen eine entspannte Wohlstandssituation, die es oft nicht gibt – und spalten damit die Gesellschaft in ihrem Denken.

Das gilt übrigens noch dazu auch im missglückten Palmer´schen Sinne: Immer mehr Menschen mit Migrationsbiografie haben in Deutschland ein Leben lang gearbeitet – und beziehen jetzt hier im Alter ganz zu Recht eine Rente. Wo findet sich diese Vielfalt auf den Bildern von Rentnern, die Ihr verwendet?

Liebe Medien, ich hasse diese Bilder. Sie sind oft genug gedruckt worden. Sucht Euch ein besseres, ein realistischeres Bild vom Alter.

Ein bitterer Gruß

Andreas Vogt

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Berta Levi und das Kino von Haigerloch

Eine wahre Geschichte in Deutschland

Es könnte ein Film sein über ein jüdisches Leben in Deutschland, erzählt wie so viele „nach einer wahren Geschichte“: Auf dem Land wächst eine junge Frau auf, eingebettet in einer großen Familie mit ihren Konflikten, Freuden und Leiden. Mit Nachbarn, mit denen sie ihre Religion teilt, wie es schon ihre Eltern getan haben und auch ihre Großeltern. Mit Gewohnheiten und Veränderungen, mit Abneigungen und Sehnsüchten, mit bangen Erwartungen und bitteren Enttäuschungen. Vielleicht hofft sie auf die Liebe ihres Lebens, aber sie bleibt ihr versagt. Also macht sie sich auf den Weg in die Großstadt, verdient ihren Lebensunterhalt dreißig Jahre lang mit Arbeit. Und dann, als sie schon alt ist, als ihr ganzes Leben schon fast hinter ihr liegt, dann …

Berta Levi – Kennkartendoppel von 1938/39, Foto: Stadtarchiv München

Ob Berta Levi wohl jemals in einem Kino gewesen ist? Gewiss nicht in Haigerloch, denn als Berta dort lebte, gab es noch keine Kinos. In der Synagoge war sie dagegen bestimmt häufig, in der schönen kleinen Synagoge ihres Heimatortes. Berta Levi wurde am 22. Februar 1863 in Haigerloch geboren. Das Städtchen liegt am Rand der Schwäbischen Alb auf hügeligem Grund, hat heute 10.000 Einwohner, Fachwerkhäuser und ein Schloss, das erwartungsgemäß malerisch über den Dächern des Ortes thront.

Der lange und der kurze Teil jüdischer Geschichte in Haigerloch

Nur jüdisches Leben findet sich dort nicht mehr. In Haigerloch bestand über mehrere hundert Jahre eine beachtliche jüdische Gemeinde, die einen eigenen Stadtteil besiedelte und verwaltete, das „Haag“. Der lange Teil der Geschichte der Juden in Haigerloch seit dem 14. Jahrhundert ist eine Erzählung über ihren geduldigen Kampf um eine Gleichstellung bürgerlicher und religiöser Rechte, immerhin unter vergleichsweise günstigen Bedingungen. Die Verfassung und nachfolgende Gesetze des württembergischen Hoheitsgebiets der Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen garantierte spätestens seit 1838 die Religionsfreiheit und weitgehende bürgerliche Rechte auch für Juden. Zu diesem Zeitpunkt stellten sie 32 Prozent der damaligen Gesamtbevölkerung des Städtchens.

Hundert Jahre später zerstörten auch in Haigerloch Nazi-Schläger das Innere der Synagoge und schlugen Fenster der jüdischen Wohnhäuser im Haag ein, nochmal vier Jahre später wurden diejenigen, die nicht geflohen waren, in den Tod deportiert. Das ist der kurze Teil ihrer Geschichte.

Als Berta Haigerloch verließ, war noch alles in Ordnung

Berta Levi wurde also in eine intakte jüdische Gemeinschaft hineingeboren; noch dazu in eine große Familie. Die Archive zählen 15 Geschwister, allerdings sind einige davon schon früh verstorben. Ihr Vater war Viehhändler. Die Synagoge von Haigerloch bildete zusammen mit der Mikwe (dem jüdischen Ritualbad) den Mittelpunkt des jüdischen Gemeindelebens. Die Juden hatten einen eigenen Friedhof, nur wenige Schritte von der Synagoge entfernt. Den Friedhof gibt es noch, und wer heute durch das Haag spaziert, wo noch viele der Häuser stehen, die einmal im jüdischen Besitz waren, vermutet dort damals wie heute ein friedliches Dasein hinter den kleinen Fenstern und alten Mauern.

Mit 33 Jahren verließ Berta Levi diesen idyllischen Ort, als sie 1896 nach München zog. Eine Ehe ging Berta niemals ein, anders als ihre ältere Schwester Mathilde, die da bereits dort lebte, verheiratet mit dem Kaufmann Moritz Camnitzer. Möglicherweise war es diese Verbindung, die Berta (und zwei Jahre später auch ihren jüngeren Bruder Max) veranlassten, sich in München auf die Suche nach Arbeit zu machen. Als Hausangestellte stand sie dann fast dreißig Jahre im Dienst jüdischer Bankiers und Geschäftsleute in München. Ende 1925 war Schluss damit. Ihre Schwester Mathilde war gestorben und sie zog, inzwischen 62 Jahre alt, in den Haushalt ihres Schwagers.

Es gab Kinos in München, und auch genügend Synagogen

Ob sie in diesen Jahren einmal in einem Münchner Kino gewesen ist? Schon gut möglich. Die ersten Kinos wurden in München bald nach 1900 eröffnet. Berta Levi wird in den Haushalten ihrer Herrschaften sich um die Kinder, um die Küche, um die Wäsche und um die Gäste gekümmert haben. Aber sie wird auch freie Tage gehabt haben, vielleicht verliebt gewesen sein, Träume geträumt haben. Bestimmt war sie mal im Kino. War sie religiös praktizierend? Wir wissen es nicht. Wenn sie es war, so gab es genügend Synagogen in München. Vielleicht war sie dort.

Vermutlich ist sie in dieser Zeit auch besuchsweise zurückgekehrt nach Haigerloch. Die Reise aus dem prächtigen München in die schwäbische Provinz war mühsam, aber möglich. Dann wird sie dort an den Feierlichkeiten in der Synagoge teilgenommen haben, die erst 1930 nochmals neu renoviert worden war. Wenn es so war, dann hat sie mitgefeiert bei den großen Festen der Gemeinde, mit ihrer Familie, mit ihren Geschwistern, mit den Nachbarn und Freunden im Haag.

Hörte Berta das Klirren der Scheiben?

Knapp siebzig Jahre alt war Berta Levi, als 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, und die jubelnden braunen Horden durch Berlin und auch durch München zogen. Fünf Jahre später fackelte der Nazi-Mob nicht nur in München und an tausend anderen Orten in Deutschland die Synagogen ab, ermordete und schikanierte Juden und plünderte jüdische Geschäfte. Unwahrscheinlich, dass Berta da an ihrem Geburtsort Haigerloch weilte. Sie wird in München gewesen sein. Blickte sie, die alte Dame, damals aus ihrem Fenster, während unten der braune Schlägertrupp vorbeizog? Hörte sie das Klirren der Scheiben, das Schreien der Verängstigten und Bedrängten, schrie sie mit, oder schüttelte sie nur entsetzt den  Kopf? Und wann und wie wird sie davon erfahren haben, dass in dieser Nacht auch in ihrer Heimat-Synagoge in Haigerloch alles kurz und klein geschlagen worden war?

Vier Jahre später, im März 1942 siedelte Berta in ein jüdisches Altenheim in München um. Ob es freiwillig war, wissen wir nicht. War sie krank, bedurfte sie der Hilfe? Was hat sie, nun fast achtzig Jahre alt, noch wahrgenommen vom tödlichen Grauen um sie herum? Im Altenheim war es nur ein kurzer Aufenthalt, denn schon im Juni zwängte man sie in überfüllte Waggons und karrte sie gewaltsam mit Tausenden anderen in das Konzentrationslager Theresienstadt. Dort starb Berta Levi am 11.11.1942 an „Altersschwäche“.

In Haigerloch war das Grauen eingezogen

In Haigerloch war da das friedliche Leben längst vorbei, das Grauen eingezogen. Juden aus den umliegenden Städten wurden nach Haigerloch zwangsweise umgesiedelt und dann von dort in vier Bahntransporten in die Vernichtungslager deportiert. Der letzte Zug verließ Haigerloch am 19. August 1942, also noch zu Lebzeiten von Berta.

Danach lebten keine Juden mehr in Haigerloch. Die Deutschen suchten sich die wertvollsten Stücke aus dem zurückgeblieben Hausrat heraus, und bemühten sich, die leerstehenden Häuser im Haag zugesprochen zu erhalten. Die ausgeplünderte Synagoge erwarb die Stadt Haigerloch bereits 1940 unter repressiven Umständen zu einem Spottpreis. Sie versprach im Kaufvertrag, als Gegenleistung „nach erfolgter Auswanderung der jüdischen Einwohner den Juden-Friedhof in Schutz und Instandhaltung“ zu nehmen. Noch während die drangsalierte jüdische Bevölkerung im Haag lebte, begann die Stadt damit, die ehemalige Synagoge in eine Turnhalle umzubauen. Das Vorhaben konnte nicht zu Ende geführt werden, da kriegsbedingt die Materialien bald fehlten.

Die Kanne steht auf dem jüdischen Friedhof von Haigerloch für die Gräber der weitverzweigten Familie Levi.

Das Gebäude diente in den letzten Kriegsmonaten als Lagerhalle. Ab 1968 war die Synagoge ein Supermarkt, danach eine Lagerfläche für Textilien. Es dauerte bis 1999, mehr als sechzig Jahre nach ihrer Plünderung, bis die Stadt Haigerloch sich ihrer historischen Verantwortung für die Synagoge bewusst wurde. Unter tätiger Mithilfe eines aktiven Kreises örtlicher Unterstützer kaufte sie das Gebäude zurück. Heute wird die ehemalige Synagoge als Museum betrieben, das sehr eindrücklich die Spuren jüdischen Lebens in Haigerloch aufbereitet hat. Endet so diese wahre Geschichte?

Nein, so endet die Geschichte nicht

Nein, die Schlusspointe fehlt. Deshalb endet sie so: Der Krieg ist zu Ende, Berta Levi ermordet wie Millionen Juden. Die Israelitische Kultusgemeinde verlangt die Rückgabe der Synagoge, und nach einigem juristischem Hin und Her geschieht es auch so. Aber es gibt keine Juden mehr, die in Haigerloch eine Synagoge benötigen würden. So verkaufen die jüdischen Sachwalter neun Jahre nach dem Tod von Berta Levi das Gotteshaus ihrer Kindheit an einen Privatmann. Der richtet dort ein Kino ein und betreibt es zehn Jahre lang.

Zu unglaubwürdig? Nein. Erzählt nach einer wahren Geschichte in Deutschland.

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Zweibrückenstr. 8 in München – hier hat Bert Levi 20 Jahre lang gewohnt. (Foto von der Aktion „Rückkehr der Namen“

Berta Levi ist eine von 1000 jüdischen Persönlichkeiten, an die am 11. April 2024 im Rahmen der Aktion „Die Rückkehr der Namen“ des Bayerischen Rundfunks erinnert wurde. Ich hatte für Berta Levi im Rahmen dieser Aktion eine Patenschaft übernommen. Ihre Lebensdaten finden Sie hier, mehr Informationen zu der Aktion des BR in München hier

Durch Bert Levi bin ich auf das zerstörte jüdische Leben in Haigerloch aufmerksam geworden. Viele Informationen für diese „wahre Geschichte“ habe ich der Website des Gesprächskreises der ehemaligen Synagoge Haigerloch dem Buch „Erinnerungen an die Haigerlocher Juden – Ein Mosaik“ von Utz Jeggle (Hrsg.) entnommen. 

Die ehemalige Synagoge Haigerloch ist als Museum ganzjährig am Samstag und Sonntag, im Sommer auch am Donnerstag Nachmittag  geöffnet. Die Dauerausstellung ist eine eindrückliche Spurensammlung, zusammengestellt vom Stuttgarter Haus der Geschichte Baden-Württemberg. 

Die ehemalige Synagoge Haigerloch heute: Ein eindrucksvolles kleines Museum sichert die Spuren jüdischen Lebens an diesem Ort.

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Das Böse, das Banale und die Lüge

Warum es nötig ist, um die Wahrheit zu ringen

„Fakten und Meinung sind zu unterscheiden,“ sagt Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg in einem Interview, denn „Meinungsfreiheit, ohne dass die Tatsachen stimmen, ist eine Farce.“

Also mitten hinein in die Arena der Meinungsfreiheit. Montagabend, öffentlich-rechtliches Fernsehen in Deutschland: Die ARD hat einhundert mehr oder weniger zufällig ausgewählte Menschen eingeladen, über aktuelle Fragen zu diskutieren. Diesmal geht es um das Pro und Contra zu einer Wiedereinführung der Wehrpflicht.

„Die Medien sind nicht dazu da, zu informieren.“

Ein junger Mann kommt zu Wort: „Die gleichen Leute kontrollieren Europa, Russland, USA, und die wollen, dass Krieg ist, um uns Angst zu machen. Der Krieg ist nur Show, um uns Angst zu machen.“ Tagesschau-Moderator Ingo Zamperoni leitet die Sendung und fragt nach, woher diese Ansicht komme. „Wer seinen eigenen freien Willen nutzt,“ sagt Rufus Weiß, 19 Jahre, Student aus Euskirchen, „kann sich selbst informieren und nicht nur glauben, was die Medien sagen. Die Medien sind nicht dazu da, zu informieren.“

Ein Screenshot: In der ARD-Sendung „Die 100“ (am 6.10.2025 oder in der Mediathek) äußert sich ein junger Mann zur Rolle der Medien. Hat er eine Meinung oder benennt er Tatsachen?

Was davon ist Meinung, was ist Tatsachenbehauptung? Lohnt es sich, auf Basis dieser Aussage überhaupt eine Diskussion zu führen? Na sicher, würde Kretschmann sagen, denn jeder engagierte Bürger müsse um die Wahrheit der Tatsachen kämpfen. Man darf offenkundigen Unsinn nicht einfach stehen lassen, nur weil es bequemer ist. Im täglichen Diskurs gehe es aber auch darum, sich die Bereitschaft zu erhalten, „die eigene Meinung durch Wahrnehmung der Tatsachen zu verändern.“

„Denken ist gefährlich“

Kretschmann orientiert sich an Hannah Arendt und hat vor kurzem ein Buch über die deutsch-amerikanische Schriftstellerin und Philosophin veröffentlicht. „Der Sinn von Politik ist Freiheit“ heißt es. Auch in einem Dokumentarfilm, der derzeit in den Kinos zu sehen ist, können Interessierte diese kluge Frau kennenlernen. Aber Vorsicht: „Denken ist gefährlich“ heißt der Film, und meint es genauso.

Hannah Arendt erlebte Totalitarismus – und hat sich theoretisch damit auseinandergesetzt. Im Dokumentarfilm „Denken ist gefährlich“ kann man diese kluge Frau und das, was sie umgetrieben hat, näher kennenlernen. Foto: Progress Filmverleih

Hannah Arendt hat sich intensiv mit totalitaristischen Staatsstrukturen auseinandergesetzt. Vor allem aber hat sie die Prägung des Begriffs von der „Banalität des Bösen“ berühmt gemacht. Sie fasste damit ihre Eindrücke nach Beobachtung des Eichmann-Prozesses im Jahr 1961 in Jerusalem zusammen. Das Böse, so ihre These, verkörperten in Nazi-Deutschland weniger die mörderischen Funktionäre. Das Böse lag viel mehr in der Banalität der nicht hinterfragten Pflichterfüllung und dem Mitläufertum durch Millionen Helfer, Handlanger, Weg-Seher und Nicht-Wahrhaben-Woller.

Dafür ist Arendt damals heftig kritisiert worden. Mit heutigem, größerem Abstand erscheint manches an dieser Kritik berechtigt, Die Dimension des einzigartigen Verbrechens, dem systematischen Judenmord, verbietet jede Verbindung zum Wort „banal“. Das gilt auch heute, wenn die Gesellschaft gegen Rassismus und Antisemitismus kämpft. Das tötende Böse ist niemals banal.

Das banale Böse steckt in uns allen

Trotzdem ist Hannah Arendt eine moderne, wichtige Analyse gelungen: Das Böse ist eben nicht nur irgendein großes mörderisches Monster, ein Tyrann, ein individueller Schlächter oder Missetäter – das Böse ist, jedenfalls im gesellschaftlichen Zusammenhang – immer auch das Böse in der Masse derjenigen, die es zulassen. Und das Böse steht im Bund mit der Lüge. Hätten die Täter von damals die Tatsachen verteidigt, statt der Propaganda hinterherzulaufen, dann hätte sich die Katastrophe des Genozids niemals ereignen können.

Das banale Böse steckt also in uns allen. Es verlockt uns, nicht selbst zu denken, obwohl wir es gefahrlos dürften, sondern dummen Sprüchen hinterherzujagen. Es lässt uns bequeme Ressentiments pflegen, statt sie zu hinterfragen. Es hält uns aus feigem Eigennutz von Zivilcourage ab. Es sitzt in uns, wenn wir uns von Neuem, von Fremdem bedroht fühlen, statt notwendige Veränderungen zu erkennen und zu gestalten. Es macht uns zum Handlanger, wenn wir die Institutionen (Justiz, Medien, Achtung vor der Rechtsordnung) nicht schützen, die dem Bösen wirksam in den Arm fallen könnten. Das Böse in uns hat immer dann die Kontrolle übernommen, wenn wir uns nicht mehr engagieren, um wenigstens Konsens über die Tatsachen herzustellen.

Das banale Böse in uns tut weh, wenn wir es entdecken. Es ist in den Zwischenrufen zu hören im Plenarsaal des Deutschen Bundestages, rechtes Drittel, vom Rednerpult gesehen. Oder in der Häme zu lesen, die – viel zu oft unter dem billigen Schutzmantel der Anonymität – im Netz verbreitet wird. Oder es ist zu finden in abstrusen Behauptungen vor laufender Fernsehkamera.

Kopfschütteln, wegwischen, weiterzappen, Schulter zucken? Hannah Arendt wäre das nicht genug.

 

 

Im Text finden Sie Links zur Sendung „Die 100“ in der ARD, zum Kretschmann-Interview und zu weiteren Informationen über den Film „Denken ist gefährlich“.

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Das Schicksal des weitgereisten Tauchrohrs

„Made in China“ – ein Bestell-Erlebnis, und was es erzählt

„Made in China“ steht auf der Schachtel. Das Leben des kleinen Stückes Plastik hat also irgendwo in weiter Ferne begonnen, irgendwann in den letzten Monaten oder Jahren, zwischen Tausenden wohlgeformter Artgenossen. Es ist ein Migrant und hat wie Millionen andere den mühsamen Weg gefunden bis nach Deutschland. Und nun?

Das gesuchte Teil ist ein ziemlich schlichter Gefährte des Alltags. Der Einsatz besteht aus einem weißen Plastikrohr im Durchmesser von sieben und der Höhe von sechs Zentimetern.

Dies ist eine Geschichte von einer Irrfahrt zwischen Sinn und Sinnlosigkeit. Von Hoffnungen und ungewisser Zukunft. Sie beginnt damit, dass eine Dusche geputzt wurde. Die Dusche hat einen Abfluss, und die unangenehme Tätigkeit, diesen Abfluss zu reinigen, hatte die Frau des Hauses übernommen. Tapfer befreite sie den herausnehmbaren, und noch namenlosen Einsatz von eklig nassen Haarbüscheln und undefinierbarem Schlamm. Auch nach gründlicher Reinigung stellte sie fest, dass dieser Einsatz selbst schon arg in die Jahre gekommen war. Aufgeraut von unermüdlichen Filteranstrengungen gegen Hautschuppen, Schweiß und Haare war er reichlich angegriffen und unansehnlich geworden. Gesucht: Ersatz für den Einsatz.

Gesucht: Ersatz für den Einsatz

Das gesuchte Teil ist ein ziemlich schlichter Gefährte des Alltags. Der Einsatz besteht aus einem weißen Plastikrohr im Durchmesser von sieben und der Höhe von sechs Zentimetern. Ein Bügelchen in seinem Inneren sorgt dafür, dass man ihn leicht herausnehmen kann, und ein schwarzer Gummiring dichtet ihn nach oben ab. Die Sanitärabteilung des Baumarktes kennt das kleine Plastikrohr aber leider nicht. Zwischen zig anderen rätselhaften Plastikeinsätzen ist der fragliche in seinen Maßen nicht aufzufinden. Immerhin, das gesucht Objekt erlangt hier seinen Namen. „Tauchrohr“, nennt sich ein solcher Gegenstand, analysiert der Fachmann hinter dem Tresen das unansehnlich gewordene Altobjekt in der Hand des Kaufwilligen. Aber leider nicht im Sortiment, sorry.

„Jetzt schnell abholen!“

Mit dem bisher im Wortschatz des Suchenden unbekannten Begriff „Tauchrohr“ erbringt eine Recherche im allwissenden Netz schnell hoffnungsfrohe Ergebnisse: Ja, sogar die bevorzugte Online-Plattform bietet das kleine Tauchrohr ohne Versandkosten für die schnelle Lieferung am übernächsten Tag an. Preis: 8.99 Euro. Nun ja, geschätzter Herstellungswert in China vielleicht fünf Cent – aber was soll man machen? Geklickt, bestellt, bezahlt, bestätigt.

Planmäßig taucht in der Verfolgungsapp des großen Versenders auch noch am gleichen Abend die Nachricht auf, dass sich das Tauchrohr auf den Weg gemacht hätte. Beruhigt packt der Käufer seine Koffer, denn am dritten Tag nach der angekündigten Lieferung des Tauchrohrs steht eine längere Reise an. Aber das Tauchrohr verirrt sich auf seinem Weg, in der App stockt der Sendefortschritt. Einen Tag lang tut sich nichts, dann noch einer, und noch einer; die Plattform entschuldigt sich bereits automatisiert und nutzlos für Verzögerung. Und just an dem Tag, da der Käufer frohgemut im Auto sitzt, weit fort und unterwegs in die Ferne, meldet die App: „Sendung liegt in der Packstation. Jetzt schnell abholen!“

Daran ist nicht zu denken. Die Fähre ruft, das Meer rauscht, die Wolken ziehen, die Sonne scheint, und das Tauchrohr schmachtet wartend in seinem Metallkäfig. Nicht schlimm, denkt sich der Käufer: Nicht abgeholt, geht also zurück, wird erstattet, dann neuer Kauf. Die heimische Dusche hat ohnehin auch Urlaub.

Bestellt, abgeholt und eingebaut

Zwei Tage vor Erreichen der Heimat meldet die App: „Zu lange nicht abgeholt! Sendung geht zurück.“ Der Urlauber kehrt heim, sichtet die spärliche Post, sortiert die Wäsche, lüftet die Koffer – und bestellt schließlich das Tauchrohr erneut, damit es endlich voranschreiten möge mit der Hygiene in der Dusche. Das neue Tauchrohr kommt wie versprochen noch am nächsten Tag an. Abgeholt, ausgepackt, eingebaut.

Am darauffolgenden Morgen meldet die App erneut eine Sendung in der Abholstation. Stirnrunzelnd wird das Fach geöffnet, und was liegt dort? Das nicht abgeholte Tauchrohr, säuberlich als „nicht abgeholt, zurück“ etikettiert – aber irrtümlich nicht an den Versender zurückgesendet, sondern erneut dem Besteller zugestellt.

Zwei Tauchrohre braucht die Dusche nicht. Also rasch einmal den doppelten Kauf online storniert. Pling, die Elektronik quittiert den Rücksendewunsch und meldet Sekunden später den Erhalt des Erstattungs-QR-Codes. Ein paar Schritte nur sind es zum nächsten Paketshop, Code  gescannt, piep, schon wird die Erstattung des überflüssigen Tauchrohr-Kaufs auf dem Konto bestätigt.

„Was passiert nun damit?“, fragt der Kunde. „Das schicken wir zurück“, versichert der nette Mensch im Paketshop und greift zu einer Versandtasche. Die Verkaufsplattform versichert, dass sie von solchen Retouren so wenig wie möglich vernichtet. Eine zweite Chance für das kleine Tauchrohr.

Ergeht es nur dem Tauchrohr so?

Und doch, was ist das für ein bitteres Schicksal! Von weit her im muffigen Container über die Weltmeere der Globalisierung geschaukelt, dann hinein in das riesige, langweilige Lagerregal. Endlich wird das Plastikteil benötigt, könnte einen Nutzen stiften! Also rein in den Umschlag und los quer durchs schöne Deutschland. Bestellt, aber nicht abgeholt, durchleidet das Tauchrohr zehn Tage in einem dunklen, sonnen-überhitzten Schließfach. Nutzlos rollt es im Lieferauto einmal zurück ins Verteilzentrum, und wieder zurück in die Packstation. Dann endlich erbarmt sich jemand, das Plastikrohr trifft am Bestimmungsort ein – aber nun ist es überflüssig. Also wieder zurück ins Lagerregal, wenn die Allmacht der Plattform es zulässt. Immerhin, es ist eine neue Hoffnung auf Sinn, besser als der kalte Wurf in die Abfalltonne.

Ergeht es nur dem kleinen Plastik-Tauchrohr so, das nun einmal Pech hatte? Nicht ausgeschlossen, grübelt der Käufer, dass sich hierzulande auch Menschen ganz ähnlich fühlen: Herumgeschubst, hin- und her sortiert und immer in der Sorge, aussortiert zu werden. Sicher ist nur, die Menschen fühlen – und das kleine Tauchrohr nicht.

 

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Über den Umgang der Versandplattformen mit Retouren informiert das Netz, z.B. hier. Ob man es glauben kann?

 

Die Frau am Strand im roten Kleid

Eine Spätsommergeschichte

(1)

Es war schon fast September, und die salzige Luft wärmte mit der Erinnerung an den gerade zu Ende gehenden Sommer. Eine sanfte Brise strich über den breiten Nordsee-Strand, die Sonne verwöhnte, sie brannte nicht mehr. Flirrende Wolkenschleier zogen über das Blau des Himmels und gaben dem Sonnenlicht die besondere Milde des Spätsommers. Er war glücklich, heftete seinen Blick aus dem Strandkorb heraus an den Horizont des Meeres, diese große Verheißung von Unendlichkeit.

„Die Frau war eine Ausnahmeerscheinung für diesen Ort, schlank und hochgewachsen, dort, wo doch alle anderen ihre körperlichen Schwächen kaum verbergen konnten.“ (Bild KI-generiert mit https://www.canva.com/)

Dann sah er sie zum ersten Mal. Es strich gerade eine sanfte Bö den Strand entlang, viel zu schwach, um Sand aufzuwirbeln, aber stark genug, dass sich der Wind in ihrem roten Kleid verfing. Die Frau war eine Ausnahmeerscheinung für diesen Ort, schlank und hochgewachsen, dort, wo doch alle anderen ihre körperlichen Schwächen kaum verbergen können. Wildes gelocktes Haar flatterte ihr um den Kopf, goldbraun vom Sonnenlicht gebadet, barfuß und ohne Handtasche stand sie da aufrecht an der Brandungskante. Das schwingende rote Sommerkleid reichte ihr weit über das Knie, und allein das unterschied sie radikal von allem, was sonst hier strandüblich war. Ausgeblichene T-Shirts, neonleuchtende Shorts, schlabberige Badehosen, zu knappe Bikinis prägten das Bild der ästhetischen Alltäglichkeiten. Und dazwischen diese elegante Erscheinung, wie im Traum – eine Männerfantasie. Eine Frau von Welt, so las er ihren Anblick aus der Ferne, im knallroten Kleid, die nicht an diesen deutschen Nordseestrand gehörte, sondern nach Cannes, oder vielleicht an den Lido von Venedig.

Dann verstand er, dass die Frau im roten Kleid in Beziehung zu zwei Buben stand, die im Wasser herumtobten. Über die endlos heranrollenden Brandungswellen sprangen sie, gaben sich unermüdlich dem ewigen Spiel der Elemente hin, stocherten im Sand herum, sammelten Muscheln auf und warfen sie wieder hinein in die Gischt. Dann wälzten sie sich selbst auf den Sand und ließen sich jauchzend überspülen, sprangen wieder auf und alles begann von vorne. Die Frau im roten Kleid beaufsichtigte dieses Treiben der Kinder. Sie war aufmerksam, gelegentlich griff sie mit Gesten ein, winkte die Kinder heran, wenn sie sich allzu weit herauswagten in die flach dahinspülenden Wellen, oder veranlasste sie zum Verlassen des Wassers, wenn es ihr genug erschien mit dem kindlichen Sommerspiel.

Aber sie selbst, die Elegante im roten Kleid, sie selbst ging nicht ins Wasser, allenfalls ihre Zehen ließ sie überspülen, und auch das eher selten. Er überlegte, mit welcher Farbe sie ihre Nägel wohl lackiert hatte, feuerrot, passend zum Kleid?

(2)

Er konnte die Augen nicht wenden von dieser Szene, am ersten Tag nicht und auch an den Tagen darauf nicht, an denen sich alles genauso wiederholte: Die gleiche blaue Strandmuschel wurde jeweils an der gleichen Stelle errichtet, sie diente ihr als Depot für Handtücher, Tasche, Handy (das sie aber niemals mit ans Wasser nahm). Die Knaben wälzten sich auch an diesen folgenden Tagen unermüdlich im Nass, und immer stand sie im sicheren Abstand daneben, nicht gefährdet von Gischt oder dem feuchten Sand, den die tobenden Kinder aufwirbeln könnten. Immer richtete die Elegante im roten Kleid den Blick auf die Kinder, ein Blick, von dem er vom Strandkorb aus meinte zu verstehen, dass er Fürsorge gleichermaßen ausdrückte wie auch Distanz.

War sie die Mutter dieser Knaben? Dafür fehlte ihm in der ganzen Szenerie der unbedingte Hauch von jederzeitiger Zärtlichkeit, den eine Mutter doch ausmacht. Die Frau im roten Kleid berührte die Knaben niemals ohne Grund, einfach nur aus Liebe; sie riskierte niemals, dass ihr rotes Kleid durchnässt werden könnte bei mütterlicher Annäherung. Sie fotografierte sie nicht und sie bot ihnen nichts zu trinken an und lüftete keine Plastikboxen mit vorgeschnittenen Obststücken. Auch das Verhalten der Kinder sprach gegen die Annahme, dass die Elegante ihre Mutter war. Die Knaben beschäftigten sich stets mit sich selbst, quengelten nicht an sie hin, soweit er das auf die Entfernung erkennen konnte, bezogen sie nicht ein in ihr Spiel, verlangten nichts, als wüssten sie, dass sie auch nichts von ihr zu erwarten hätten – außer Aufsicht und Eingriff im Notfall, der nicht eintrat.

Eine Nanny vielleicht? Ein Au-pair? Eine Tante? Oder doch eine Mutter? Es soll ja distanzierte Mütter geben, dachte er sich, vielleicht hasst sie das Meer und den Sand, erträgt das heranbrandende Wasser nur auf Distanz? Vielleicht zwingt sie sich aus Liebe zu den nasstobenden Knaben mit größter Disziplin dazu, dennoch hier zu stehen, so elegant im Sand im roten Kleid, statt trittsicher dort zu flanieren, wo sie sich zugehörig fühlte: auf den Boulevards der Städte, in den Foyers der Theater, zwischen den Tischen edler Restaurants?

Er hatte für den Strandkorb Bücher dabei, aber er konnte nicht lesen. Das Meer berauschte ihn, und mehr noch lenkte ihn der Blick zu ihr ab. Er erwog, sich der Frau im roten Kleid wie zufällig zu nähern, ihre Gesichtszüge mit einem Seitenblick zu erfassen, ihr Alter abzuschätzen. Ihr Geheimnis zu lüften! Wie gerne hätte er sie gefragt, ob diese sich geduldig immerfort im Nassen wälzenden Knaben die ihren sind? Und ob sie mehrere solche roten Kleider besäße, ob vielleicht ihr ganzer Kleiderschrank nur eine Ansammlung roter Kleider wäre, da sie nun doch schon am dritten Tag in immergleicher rotstrahlender Eleganz hier erschienen war?

Sein Anstand verbot ihm solche plumpe Annäherung, und so blieb er im Strandkorb. Immer wieder blickte er zu ihr hinüber, verfolgte ihre eleganten Bewegungen, auch dann, als sie schließlich das Gestänge der Standmuschel zusammenklappte, die verstreuten Schaufeln und Eimer der Kinder sorgsam hineinsortierte in ein Wägelchen, ohne selbst auch nur ein Stäubchen Sand aufzuwirbeln. Sie beorderte die nassen Knaben zu sich und wies sie an, sich anzuziehen. Es nahte der Abend, und die Sonne würde bald ins Meer eintauchen. Etwas stärker aufkommender Wind fuhr der Eleganten in das rote Kleid, setzte es in wirbelnde Bewegung, so dass sie, wie einst Marilyn Monroe, es bändigte mit der rechten Hand, während sie mit der linken das Wägelchen durch den Sand zerrte.

Lachte sie dabei? Er konnte es nicht sehen, nur den Knaben blickte er hinterher, die ihr willig folgten.

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Am vierten Tag, da kam sie nicht mehr. Er war enttäuscht und rätselte, wie er mit der Leere umgehen sollte, die sie hinterlassen hatte. Es fehlte dem breiten Horizont des Meeres ihre elegante Erscheinung als Vertikale. Es fehlte dem Grau des Sandes und dem blassen Blau des Himmels das Rot ihres Kleides. Er wanderte an der Brandungskante entlang, stets den Blick auf den Strand gerichtet – war da irgendwo, vielleicht an neuer Stelle, die blaue Strandmuschel? Stand da vielleicht doch irgendwo die Frau im roten Kleid? Aber sie blieb verschwunden, ihr Aufenthalt am Meer mochte vorüber sein, ihr Auftrag zur Beaufsichtigung dieser Knaben beendet. Nun war alles wie immer.

Dann waren auch seine Tage am Strand vorbei. Er reiste zurück in den herbstlichen Alltag der großen Stadt. Am ersten Morgen zuhause griff er nach der Zeitung. „Mein besonderes Urlaubserlebnis“ war die Seite überschrieben. Die Redaktion der Zeitung hatte Leserinnen und Leser aufgefordert, ungewöhnliche Erlebnisse aus den zu Ende gegangenen Urlaubstagen zu schildern. Ein Foto fiel ihm auf: Eine schöne junge Frau kam da zu Worte, mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht, umrahmt von wild lebendiger, brauner Lockenpracht. Die Mutter zweier Kinder berichtete von ihren viel zu kurzen Urlaubstagen am Nordseestrand. So glücklich seien die Kinder gewesen beim fröhlichen Spiel im Wasser. Sie hätte ihnen stundenlang dabei zusehen können. Aber es habe da einen Typ im Strandkorb gegeben, mit ausgeleiertem grünen T-Shirt, der sie und ihre Kinder unablässig gemustert habe. Auf den hätte sie gerne verzichtet.

 

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Das schnelle Ende der Finnlandisierung

Über den „Helsinki-Effekt“ und was sich seither verändert hat

Prächtig weiß schimmert der Marmor an der Fassade im Sonnenlicht und steht damit in Verbindung zum prunkvollen Baustil, der die finnische Hauptstadt Helsinki auch sonst neoklassizistisch prägt. Die Rede ist hier von der Finlandia-Halle. Sie wurde Anfang der 70er Jahre eröffnet, als Konzert- und Kongresshaus, und jede und jeder politisch Interessierte kennt sie. Weltgeschichte wurde dort geschrieben, eine Art Friedensschluss als Ende des „Kalten Krieges“ zwischen Ost und West, dreißig Jahre nach der Weltkriegskatastrophe.

Die Finlandia-Halle in Helsinki: Vor 50 Jahren wurde hier Weltgeschichte geschrieben – aber die damals Beteiligten glaubten, es bliebe alles beim Alten. Foto: gemeinfrei von Thermos  https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=738580

Europa war geteilt. Bis auf kleinere Konflikte hatte es seit Kriegsende keine direkten militärischen Konfrontationen der Weltmächte in Europa gegeben. Das Konzept „Abschreckung“ kam an seine Grenzen, denn es verlangte einen hohen Preis. USA und Sowjetunion ächzten unter den enormen Kosten der gegenseitigen Hochrüstung. Dieses gemeinsame Interesse führte zur Lösung: „Entspannung“ hieß nun das Motto. Denn schließlich wollte niemand neue Kriege führen in Europa.

Viele dachten: Alles geht so weiter wie zuvor

So verständigten sich nach einem mehrjährigen, sehr zähen Verhandlungsprozess 33 europäische Staaten dies- und jenseits des „Eisernen Vorhangs“ zusammen mit den USA und Kanada auf eine Schlussakte der „Konferenz zur Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ (KSZE). Dort festgehalten: Keine gewaltsame Verschiebung von Grenzen, Streit friedlich beilegen, Wahrung der Menschenrechte. Das völkerrechtlich unverbindliche Papier wurde in genau dieser Halle unterschrieben. Das war am 1. August 1975. Damals meinten allerdings nahezu alle Beteiligten, vor allem auf der West-Seite, dass Aufwand und langfristiger Nutzen dieses diplomatischen Kraftaktes in keinem vernünftigen Verhältnis zueinander stünden. Es würde ohnehin alles so weitergehen wie zuvor.

Aber das war ein Irrtum.

Fünfzig Jahre ist das nun her. Die Geschichte der Konferenz hat der finnische Filmemacher Arthur Franck im Dokumentarfilm „Der Helsinki-Effekt“ auf äußerst unterhaltsame Weise nachgezeichnet – und dabei einige Lehren für das Heute entdeckt. Der Film ist vor allem ein Appell an die Kraft von Diplomatie, die freilich Geduld, Höflichkeit, Respekt und Verständnis für das Gegenüber erfordert – allesamt Tugenden, die im internet-getriebenen, erhitzten Dauerdiskurs der Gegenwart unter die Räder geraten sind. Vielleicht ist der seither eingetretene Ansehensverlust von Außenpolitik auch darin begründet, dass genau diese Primärtugenden nichts mehr gelten? Alle schauen nur noch auf sich, und ein US-Präsident, der genau diese Unkultur zum Prinzip erhoben hat, verordnet seinem Land folgerichtig den Austritt aus der UNESCO. Was interessiert einen Amerikaner das Welterbe andernorts?

Auch vor fünfzig Jahren wurde gespottet – aber höflich

Wie anders muten da die Bilder aus den 70er Jahren an. Auch da wurde gespottet über die jahrelangen Diskussionen um ein Papier, das im wesentlich beschrieb, was ohnehin alle für unstrittig hielten. Immerhin geschah es weitgehend höflich. In der historischen Rückschau war die KSZE-Schlussakte von Helsinki allerdings nicht irgendein belangloses Papier. Es war der Ausgangspunkt des Umsturzes im Osten, der Befreiungsbewegungen in den osteuropäischen Ländern, von Solidarnosc und auch der friedlichen deutschen Einigung. Die Möglichkeit dazu wurde auf Druck der westdeutschen Regierung unter Helmut Schmidt ausdrücklich in den Text aufgenommen. Die Option zur friedlichen und gemeinsamen Lösung der „deutschen Frage“ war die vom Westen erwünschte Ausnahme des sonst von der Sowjetunion besonders nachdrücklich eingeforderten Prinzips der Unverrückbarkeit von Grenzen.

Beste Stimmung zwischen den Atommächten: Im KSZE-Prozess achtete man noch darauf, sich mit Respekt und Höflichkeit zu begegnen (Gerald Ford und Leonid Breschnew in Helsinki) Foto: bereitgestellt von rise and shine cinema

Die KSZE-Schlussakte ist daher auch eine Dokument des Bruchs zwischen der von Wladimir Putin sonst so hoch gehaltenen Traditionslinie zwischen der untergegangenen Sowjetunion und dem heutigen Russland.

Finnland suchte sein Glück siebzig Jahre lang in der Neutralität, …

Glaubt man dem Film, dann wäre die ganze Konferenz nie zustande gekommen ohne die vermittelnde Rolle des damaligen finnischen Präsidenten Urho Kekkonen. Finnland ist in seiner Geschichte mehrfach nach Russland einverleibt worden, wusste sich aber seit dem 20. Jahrhundert auch zu wehren. Und blieb standhaft auf die eigenen Grenzen bedacht, als Hitler die finnischen Nationalisten für seinen Kampf gegen Stalin einspannen wollte.

Nach dem 2. Weltkrieg fanden die 5,5 Millionen Finnen ihre politische Rolle in der Neutralität zwischen den Blöcken. Kulturell gehörte das Land dem Westen an, war demokratisch und weltoffen. Aber es versuchte, durch maximale Zurückhaltung den großen Nachbarn im Osten keinen auch noch so kleinen Anlass zu geben, die 1344 Kilometer lange Grenze zum kleinen Finnland erneut zu überschreiten. Dieses Prinzip der Zurückhaltung wurde damals „Finnlandisierung“ genannt – fast ein Schimpfwort für lasche Politik. Kein Staat Europas wollte so neutral sein wie Finnland, so zurückhaltend gegenüber der sowjetischen Unterdrückungspolitik vor der eigenen Haustür. Kein Land war so restriktiv im Umgang mit Geflüchteten von dort, die man einfach zurückschickte, um die eigene Neutralität nicht zu gefährden. Auch deshalb engagierte sich Urho Kekkonen für den KSZE-Prozess und schloss ihn mit der Vertragsunterzeichnung in Helsinki erfolgreich ab. Ein diplomatischer Triumph für das kleine Finnland.

… aber brauchte nur zwei Jahre, um sich neu zu orientieren

Was danach geschah, ist allerdings das Scheitern der Finnlandisierung. Die Neutralität der Finnen hatte sich erledigt, als Russland die Ukraine überfiel – unter Bruch aller Prinzipien, die in der Helsinki-Akte festgelegt waren. Mehr als siebzig Jahre hatte Finnland seine Neutralität gepflegt. Nach der russischen Aggression brauchte die finnische Gesellschaft nur zwei Jahre, um sich radikal umzuorientieren. Seit 2023 ist Finnland Mitglied der NATO.

Was also kann Europa von den Finnen lernen? Mit Diplomatie kann man viel erreichen – aber nicht die eigene Existenzsicherung in einer Welt, in der die Allermächtigsten auf Verträge pfeifen. Es gibt keine Neutralität gegenüber purer Gewalt.

 

Die KSZE-Schlussakte von Helsinki kann im Originaltext im Internet abgerufen werden. Wer nachlesen möchte, findet sie hier.

Der Film „Der Helsinki-Effekt“ wird vor allem in kleineren Programmkinos gezeigt. Am 5. August zeigt ihn der Sender arte. Trailer, Informationen zum Film und zu den Kinos finden Sie hier. 

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Helsinki war der Schlusspunkt einer Reise durch Polen und die baltischen Staaten. Texte von dieser Reise sind auch