Die Himmelstürmende (#0024)

Himmelwärts, so nah wie möglich – das gotische Münster in Ulm

Münster, Ev. Münstergemeinde, Münsterplatz 1, 89073 Ulm

Mein Besuch am 28. Dezember 2021

Das Ulmer Münster, eine Kirche der Superlative, betritt der Besuchende durch den schmalen Seiteneingang. Es ist ein unscheinbarer Vorraum, den man betritt, immerhin eröffnet er den Blick in eines der insgesamt vier Seitenschiffe, dessen Raumprogramm alleine für manche Kirche längst ausreichen würde. Streng genommen handelt es sich um jeweils ein Seitenschiff auf Nord- und Südseite, die aber schon im 15. Jahrhundert aus Stabilitätsgründen unterteilt wurden. Der staunende Gast muss sich also nach rechts wenden, um die Kirche in ihrer ganzen Dimension erfassen zu können. Steht er endlich am westlichen Ende des Kirchenraums, unter dem über ihm in den Himmel stürmenden Turm (und lässt er sich an dieser Stelle nicht von den leider auch hier nicht kommentierten Gedenktafeln an Kriegsgefallene ablenken) – dann kann dieser gewaltige gotische Kirchenraum endlich in Gänze wahrgenommen werden.

Das Ulmer Münster ist die größte evangelische Kirche Deutschlands, und sie nennt den höchsten Kirchturm der Welt ihr eigen, zumindest so lange noch, bis die Sagrada Familia in Barcelona einmal vollendet sein wird. Wer nach Ulm fährt, muss nicht suchen, um das Münster zu finden, es ragt weit über die kriegszerstörte und wieder errichtete Bebauung der Stadt hinaus, es dominiert das Stadtbild schon vom weitem.

Fast 125 Meter lang, mehr als 40 Meter hoch: Das strenge Münster schüchtert mit seinen Dimensionen ein.

Die gotische Raumwirkung – fast 125 Meter lang, das Hauptschiff mehr als 40 Meter hoch – hat mich denn auch erwartungsgemäß überwältigt. Wie verloren irrt der ehrfürchtige Kirchengast durch den strengen Säulenwald, sucht Halt an den Kunstwerken, den Skulpturen, den stummen zeigen, die im gedämpften Winterlicht ausharren, das durch die teils noch in ihrer Notverglasung nach der Kriegszerstörung verharrenden hohen Fenster hereinströmt.

Beeindruckt hat mich neben den Dimensionen, neben der gotischen Strenge am Münster vor allem auch die Baugeschichte: Den etwa 10.000 Ulmer Bürgern war es – noch vor der Reformation – zu dumm geworden, für den Kirchgang vor die Stadt zu pilgern und noch dazu in ihrer Glaubensausübung abhängig zu sein von den Mönchen des Klosters Reichenau im Bodensee, dem die Ulmer Pfarrei unterstellt war. Also begannen sie 1377, mit eigenen Mitteln eine Kirche innerhalb ihrer Stadtmauern zu errichten, finanziert durch Spenden der gläubigen Bürgerschaft. Knapp 150 Jahre später war die Reformation im Gange, und die Ulmer Bürger (genauer: die Männer) stimmten in namentlicher (!) Abstimmung mehrheitlich dafür, dass Ulm mitsamt der halbfertigen Kirche nun evangelisch sein sollte. Damals hatte der Turm erst eine Höhe von 100 Metern, seine heutige Höhe erreichte er in der Neugotik im Jahr 1890.

Über die Jahrhunderte in einer niemals endenden Aufgabe vereint: Gedenktafeln für die Ulmer Dombaumeister.

Der Erhalt des gewaltigen Bauwerkes ist bis heute eine anhaltende Aufgabe der Bürgerschaft. Stolz weisen örtliche Firmen, aber auch eine bundesweit agierende Drogeriekette, deren Geschäft unweit des Münsters steht, auf ihre unterstützende Rolle für die Dombauhütte hin, die sich um das stetig bröckelnde Gestein und den Erhalt der Statik aus früheren Jahrhunderten bemüht. So ist die Himmelstürmende in Ulm auch ein Symbol für eine mutige Vision und dafür, was der gemeinsame Wille engagierter Menschen erreichen kann. Koste es, was es wolle.

Der Ulmer Spatz – hier das Original, das auf Augenhöhe innerhalb des Münsters zu besichtigen ist. Um den Spatz auf dem Dach zu entdecken, muss man schon genau hinsehen und an einer geeigneten Stelle stehen.

Und dann könnte man noch die Geschichte vom Ulmer Spatz erzählen, der als Kupferfigur auf dem Dachfirst der großen Kirche thront. Er trägt einen Strohhalm im Schnabel. Warum? Das kann man hier nachlesen: https://www.ulm.de/tourismus/stadtgeschichte/markenzeichen/ulmer-spatz

 

 

 

 

Sehr viele weitere Details zu den Kunstwerken am und im Münster sowie zur Baugeschichte bei Wikepedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Ulmer_M%C3%BCnster

und auf der Website der Kirchengemeinde: https://www.ulmer-muenster.de/index.php/bauwerk

Zum Besuch des Ulmer Münsters hat mich ein Beitrag von Gottfried Knapp in der Süddeutschen Zeitung inspiriert, der viel Kluges zur Dimension der Höhe in der gotischen Architektur formuliert hat: https://www.sueddeutsche.de/kultur/architektur-hoehe-gotik-notre-dame-strassburger-muenster-kirchen-1.5495727

Weitere persönliche Eindrücke von meinen Besuchen in Kirchen finden Sie in meiner Sammlung #1000Kirchen

Geschichte vom Pferd (10. Dezember 2021)

Wie das Schöne politisch wird – eine Stuttgart-Erfahrung

Ein stolzes Kunstwerk: Das Bronzepferd von Fritz von Graevenitz von 1939 zur Eröffnung der „Reichsgartenschau“ auf dem Killesberg.

Ein Pferd sollte her! Wir befinden uns in Stuttgart, das ein Pferd in seinem Wappen führt, weil sein Name sich von einem Garten für Stuten ableitet. Ein stolzes Pferd sollte es also sein!

So oder so ähnlich mögen die Verantwortlichen der ersten Gartenschau am Neckar sich das gedacht haben. Eine „Reichsgartenschau“ sollte 1939 eröffnet werden, und so wurde der Auftrag erteilt, den schönen Park über der Stadt nicht nur mit Hakenkreuz-Flaggen, sondern auch mit einem Denkmal-Pferd zu schmücken.

Ein trauriger Torso: Graevenitz´ Pferd aus Muschelkalk am Eingang des Höhenparks Killesberg

Wer heute den Schauplatz betritt, der noch immer ein schöner Park ist, muss genau hinsehen, wenn er am Eingang noch ein Pferd erkennen möchte. Ein steinerner Torso fristet dort sein trauriges Dasein, angenagt von Wetter und Zeit. Sollte das hier das stolze Pferd von Stuttgart sein? Man kann es kaum glauben. Und es ist auch das falsche Pferd, zwar drei Jahre früher entstanden, aber erst seit den 70er Jahren hier aufgestellt.

Also ein paar Schritte den Hang aufwärts, hinein in den Park! Dort oben blinkt und lockt es schon im Sonnenlicht, das stolze Pferd von 1939, diesmal ein schmucker Bronzeguss. Dieses Pferd ist zeitlose Kunst, eine Pracht von Kraft und Energie, erstarrt in seiner aufstrebenden Bewegung. Eine Verbeugung vor der Schöpfung, die es vermocht hatte, ein solches schönes Geschöpf entstehen zu lassen.

Die beiden Pferde, der steinerne Torso wie auch das schöne aus Bronze (genauer gesagt: ein Nachguss von 1955) sind zu besichtigen im Höhenpark Killesberg in Stuttgart. Kaum jemand achtet heute auf das verschlissene Steinpferd am Eingang, aber fast jede und jeder Stuttgarter/in kennt den Pferderücken aus Bronze. Keine Kindheit in dieser Stadt, während der man nicht den in luftiger Höhe über der Stadt liegenden Park besucht hätte, seine Spielplätze, die kleine Kirmes, den Aussichtsturm, das Höhencafé, das sommerliche Lichterfest.

Das Bronze-Pferd steht dort mittendrin an zentraler Stelle. Abertausende Stuttgarter Kindesbeine haben schon seinen glattpoliert glänzenden Rücken erstiegen, haben des Hals dieses starren, stolzen Geschöpfs umarmt. „Das größte Glück der Erde …“ – für manches Kind lag es auf diesem Rücken.

Ein Museum, …

Geschaffen hat beide Pferde der Stuttgarter Bildhauer Fritz von Graevenitz, der von 1892 bis 1959 lebte, hochgeachtet als Künstler und bis 1945 Leiter der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Graevenitz entstammte altem württembergischem Militäradel, erlitt schwer Verwundungen im ersten Weltkrieg, aus dem seine beiden Brüder nicht zurückkehrten. Fritz von Graevenitz wusste wohl aus eigenem schmerzhaftem Erleben, was Krieg bedeutet, und vielleicht auch deshalb konzentrierte sich ein großer Teil seines Schaffens ganz politikfern auf die künstlerische Darstellung von Tieren.

Aber leider auch auf Portraitbüsten.

Denn Fritz von Graevenitz erfuhr nicht die Gnade der späten Geburt (wie Helmut Kohl über sich sagte), sondern musste während des Nationalsozialismus leben. Wer hinaufsteigt am Nordwestrand von Stuttgart auf die „Solitude“, das Lustschloss württembergischer Herzöge, kann dort sonntags ein kleines Museum besichtigen, das sich Graevenitz widmet. Viele Tiere in Bild und Skulptur sind dort zu sehen, und auch Portraitbüsten – Darstellungen seiner Frau, seiner vier Töchter in unterschiedlichen Altersstufen, ein frühes Portrait seines Neffen Richard von Weizsäcker.

… das Wichtiges verschweigt

Und – politisch besonders erläutert – die Büste von Rudi Daur, einem evangelisch-pietistisch orientierten Pfarrer, der sich nach dem ersten Weltkrieg für eine Überwindung des Militarismus eingesetzt hatte. Das Vorhandensein dieser Erläuterung ist von Bedeutung, weil sie bewusst ablenkt von dem, was dezidiert nicht zu sehen ist und auch mit keinem Wort erwähnt wird. Fritz von Graevenitz fertigte im Jahr 1935 eine Portraitbüste von Adolf Hitler, die vielmals kopiert im ganzen deutschen Reich zu sehen war.

Schmucker Bau, fragwürdiger Inhalt: Das Graevenitz-Museum bei der der Stuttgarter Solitude.

Im Stuttgarter Graevenitz-Museum aber ist die Zeit stehen geblieben in den 60er Jahren unserer Republik. Hier wird einmal tatsächlich eine sprichwörtliche „Geschichte vom Pferd“ erzählt. Nicht nur, weil sich auch hier mehrere Studien und Gemälde von Pferden finden, sondern weil es keinen Hinweis auf die Rolle des Künstlers im sog. „Dritten Reich“ gibt. Der Kunstfreund, der sich hierhin verirrt, wird im Unklaren gelassen über fragwürdige Aufträge der Nationalsozialisten und verfehlte kulturpolitische Einordnungen, die Graevenitz als Direktor der Stuttgarter Kunstakademie kriegskonformistisch verlauten ließ. Künstlerische Irrtümer und politische Fehltritte waren das. Es steht nicht an, über diese zu richten. Aber ihr Verschweigen durch die Nachkommen darf man als Skandal empfinden.

Trägt das Pferd eine vergiftete Ladung in sich?

Was ein Museumsbesuch bewirken kann! Auch der Blick auf das stolze Bronzepferd von 1939 wandelt sich. Was für eine prachtvolle Darstellung kräftiger Muskelpartien, kein Gramm Fett, keine Spur Dekadenz ist an diesem Tier! Sind wirklich alle Pferde so makellos? War da ein vom Hitlerwahn verblendeter Künstler ästhetisch verliebt in Stärke und Energie, in rassisch überlegene Vitalität, in kriegerischen Durchsetzungswillen, wenige Wochen vor dem deutschen Überfall auf Polen? Trägt das Bronzepferd vom Killesberg ganz nach seinem sagenhaften Vorbild aus Troja eine vergiftete Ladung, eine mörderische List, in sich?

Fritz von Graevenitz musste auch gewusst, vielleicht sogar gebilligt haben, dass jüdische Mitbürger erniedrigt und durch Stuttgarts Straßen getrieben wurden, seine jüdischen Akademiekollegen verfolgt, ihre Synagogen verbrannt waren – während er an ästhetischen Details dieses schönen Pferdes feilte. Während die Stuttgarter am Pferd vorbei durch den Höhenpark flanierten, stand nur wenige Meter entfernt von seinem luftigen Hufschlag jene Halle, in der sich ab Dezember 1941 die geächtet Todgeweihten der Stadt zur Deportation in den Tod einzufinden hatten.

Vom Killesberg ging der Weg der Todgeweihten hierhin: Startpunkt der Deportationszüge ab 1941 war der Innere Nordbahnhof. heute erinnert daran eine Gedenkstätte.

Beladen mit solchen Fragen könnte der Betrachter von heute wieder hinausschreiten aus dem Park, ein paar tausend Schritte hinüber zum Nordbahnhof, wo eine gut versteckt gelegene Gedenkstätte an den Startpunkt der Stuttgarter Deportationszüge in die Todeslager erinnert.

Ein trostloser Weg; immerhin, er führt wieder am steinernen Pferdetorso vorbei.  Sein Kalkstein war zu weich für Sturm und Regen und Sonne, zu anfällig für die Luftverschmutzung der modernen Zivilisation. Es ist ein Mahnmal der Vergänglichkeit, und als solches hat es auch etwas Tröstliches.

 

Über Fritz von Graevenitz kann man sich informieren auf Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_von_Graevenitz und – mit den genannten Einschränkungen – im Graevenitz-Museum bei der Solitude in Stuttgart: http://www.graevenitz-stiftung.de/home . Es gibt dazu auch einen kritischen Hörfunkbeitrag auf SWR 2: https://www.swr.de/swr2/kunst-und-ausstellung/das-stuttgarter-graevenitz-museum-die-luecke-ist-da-ein-bildhauer-und-seine-ns-vergangenheit-100.html

Ganz aktuell (8. Februar 2022): Die Stiftung Geißstraße in Stuttgart will sich in einem Projekt der kulturhistorischen Aufarbeitung des Werkes von Fritz von Graevenitz im Stadtraum von Stuttgart annehmen. Wer Interesse hat, dort mitzuwirken, kann sich bei der Stiftung melden.

Über Geschichte und heutige Gestaltung des Höhenparks Killesberg gibt es hier mehr zu lesen: https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6henpark_Killesberg

Die Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ im Inneren Nordbahnhof hat eine eigene, sehr informative Website: http://www.zeichen-der-erinnerung.org/

Weitere Beiträge als #Kulturflaneur finden Sie hier.

Die Konzil-iante (#0023)

Münster Unserer lieben Frau, Münsterplatz 1, 78462 Konstanz

Mein Besuch am 26. Oktober 2021

Die gotische Kirchendecke passt nicht recht zu den wuchtigen romanischen Säulen, genauso wenig wie die Kanzel aus dem Barock. Mehr als 1000 Jahre Baugeschichte mischen sich im Münster von Konstanz.

Wer „konziliant“ ist, der sucht das Verbindende, das Versöhnliche. Das Münster von Konstanz hätte  genau ein solcher Ort sein können. Über vier Jahre suchte man in diesem mächtigen Bau zwischen wuchtigen romanischen Säulen nach Kompromissen. Leider nicht nur, denn engstirnige Kleriker sprachen dort auch todbringende Urteile gegen vermeintliche „Ketzer“. Von 1414 bis 1418 tagte hier das Konzil von Konstanz, das seinen Höhepunkt mit der einzigen Papstwahl auf deutschem Boden fand (siehe dazu auch meinen Text als #PolitikflaneurVon Konstanz nach Glasgow„).

Heute präsentiert sich dieser stark gegliederte Kirchenbau mit historischer Wucht über viele Epochen. Sein romanischer Kern ist eines der größten Kirchenbauten dieser Epoche in Süddeutschland. Der Eindruck ist aber stark geprägt durch zahlreiche Ein- und Anbauten in anderen Baustilen. Es gibt einen gotischen Kreuzweg, Seitenkapellen, eine mit viel Licht sehr stimmungsvoll inszenierte Krypta. Sie erinnert zusammen mit den schon erwähnten Säulen des Hauptschiffs an den romanischen Kern dieser Kirche.

Von 1260, aber Instagram-tauglich: Die heitere Überraschung aus der Frühgotik in den Darstellungen der Mauritiusrotunde.

Das Münster lädt ein zum Entdecken, hier ist man nicht in wenigen Augenblicken „fertig“. Jede Ecke, jeder Seitenaltar, jedes Relief birgt neue Geschichten. Mich hat am meisten beeindruckt die „Mauritiusrotunde“ mit einer geradezu unglaublich heiteren Darstellung der Weihnachtsgeschichte. Diese Figuren entstanden schon um 1260; sie grinsten also schon den Teilnehmern des Konzils entgegen und hätten das Potential gehabt, dem machtbesessenen Männerkampf eine Note heiterer, im wahrsten Sinne konzilianter, Selbstironie entgegenzusetzen.

Allein diese Figuren, aber auch die Kirche insgesamt, sind jedes Umwegs würdig!

 

Die Kirche ist sehr umfänglich beschrieben bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Konstanzer_M%C3%BCnster

 

Buchmesse: Drei Erkenntnisse

Nach links, und wieder zurück, nach links und wieder zurück, nach links … entspannt beobachten die rot gekleideten Damen am Einlass der Frankfurter Buchmesse den ausgedehnten Zickzack-Lauf des Besuchers durch den Warteparcours bis zur Ticketkontrolle. Ganz offensichtlich ist seine Kapazität überdimensioniert. Sechs Stunden später, 10.000 Schritte weiter, eine umfassende Ermüdung mehr in Kopf und Beinen: Hier die drei wichtigsten Erkenntnisse des Flaneurs aus der Büchershow:

Er gibt schon genügend Bücher!

Wer ist größer? Asterix und der Frankfurter Messeturm

Wer träumt nicht davon, einmal ein Buch zu schreiben und zu veröffentlichen? Eine wahrnehmbare Anzahl von Ständen auf der Buchmesse 2021 adressiert genau diesen Wunsch: Self-Publishing, Print on Demant, Autorenverlage („Manuskripte willkommen!“) – alles vorhanden. Offen bleibt, ob die Welt auf weitere Bücher wartet. Dem durchschnittlich leseinteressierten Buchmesse-Besucher schwirrt schon noch einer Stunde des Wandelns und Blätterns der Kopf ob der überbordenden Flut der vielen neuen Bücher. Kein Thema, kein Drama, keine Wichtigkeit und keine Belanglosigkeit, offenbar auch kaum eine Lebensgeschichte, die noch nicht erzählt worden wäre. Kein Mensch wartet auf noch ein Buch. Außer auf die eine Geschichte, das den Lesenden in den Strudel von Spannung und Neugierde und Sinnlichkeit hinabzieht, in den sie oder er immer schon hinabgezogen werden wollte. Außer von jener speziellen Lieblingsautorin, außer über den einen speziellen Prominenten, außer natürlich zu dem einen Thema, das nun gerade diesen einen Einzelnen bannt. Und so dreht sich das Rad der Neuerscheinungen doch immer weiter, immer weiter. Es rattert wie ein Hamsterrad. Wir Leser/innen, Autor/innen und die Verlage sind die Hamster, die das Rädchen des eitlen Wahnsinns mit Neugier, extrovertierter Mitteilungsfreunde und geweckten Bedürfnissen immer weiter schnurren lassen.

Achte auf das Licht!

Die Mehrklassengesellschaft zwischen selbstbewussten Großverlagen, die sich wort- und personalstark an repräsentativen Prachtständen präsentieren, und den vielen kleinen Verlagen, die sich an ihrem Norm-Minimalstand noch nicht einmal die Extra-Standbeleuchtung leisten wollen oder können, erinnert an Bertold Brecht: „Denn die einen sind im Dunkeln, und die anderen sind im Licht. Und man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.“  Die Scheinwerfer gleißen bei Rowohlt, Penguin, Hanser und Co, wo sich die Menschen Corona-vergessen abstandslos drängeln. An anderen sitzen von den Vortagen ermüdete Standbesetzungen, die ihrerseits erholungssuchend in Büchern blättern oder auf Handyschirmen scrollen, ganz so, als würden sie schon gar nicht mehr damit rechnen, dass sich da noch jemand für ihre im Halbdunkel präsentierte Druckware interessieren könnte. Wenn man nicht genau hinsieht, taumelt man von einem im Lichte zum nächsten. Die Digitalisierung als drohendes Raubtier im Nacken, werden große Verlage immer größer und vermarkten ihre Erfolgstitel weltweit, ohne auf lokale Lizenznehmer angewiesen zu sein. Gleichzeitig ducken sich die Kleinen der Branche in die noch nicht voll ausgeleuchteten Nischen, in denen sie sich ein Überleben erhoffen: Hier eine noch exotischere Story, dort ein noch anspruchsvoller künstlerisch gestalteter Foliant, und da die noch ausgefallenere Marktlücke („Krimi für die Badewanne – wasserfest!“). Übrigens fällt auch jener Stand eines rechtsradikalen Verlages, dessen Vorhandensein auf der Buchmesse viele politische Diskussionen auslöste, eher in die zweite Kategorie. Ganz bestimmt wäre man an ihm ohne Beachtung vorbeigeschlendert, hätte nicht lautstarker Protest gegen seine Präsenz dazu verleitet, sich mit Lupenblick auf die Suche nach dem Skandalstand zu machen. Brecht wusste noch nichts davon, dass Twitter-Getümmel und aufgeregte intellektuelle Diskussionen dazu führen können, dass manche im Dunkeln ganz besonders trefflich ausgeleuchtet werden.

Unbedingt S-Bahn fahren!

Für die Rückfahrt vom Bücherfest zurück ins normale Leben, sollte der Frankfurter Verkehrsverbund einen Extra-Erkenntnis-Aufpreis verlangen dürfen. Es ist eine Lehrminute dafür, wie unendlich weit , die Welten unseres Heute auseinander liegen. Da der Kosmos der Belesenen, die mit Kennerblick in den Büchern blättern, an die Touchscreens touchen, mit bedächtig nach innen gerichtetem Blick den Lesungen zuhören. Und dort die Lebenswucht derjenigen, die sich einen Schal um den Hals schlingen, wenn sie vom Stadion kommen, die überlegen, wie die Arbeit des nächsten Tages aussehen wird, die sich über die letzte Folge ihrer Lieblingsserie unterhalten.  Es sind so viele Menschen, in deren Welt es ganz und gar nicht um Bücher geht, noch viel weniger um das, was in der intellektuellen Blase der Literaturszene ventiliert wird. Muss das unseren vom Buchmesse-Besuch müde gewordenen Blick auf Literatur, Kochbücher, Bildbände oder Comics ändern? Nein. Dass ganze Lebensentwürfe ohne Bücher auskommen, ist nicht neu. Bücher hatten Mönche im Koster, nicht Bauern auf dem Feld. Es war und bleibt bis heute ein Privileg, sich überhaupt mit Gedrucktem beschäftigen zu können. Wir Bücherfreunde sollten es nur nicht vergessen.

Und immer weiter fließt der Strom der Buchstaben: Eine begehbare Lichtinstallation des Gastlandes Kanada. Im Hintergrund gab´s auch noch ein paar gedruckte Bücher.

 

 

 

Ein moderner Bilderbogen (#0022)

Kath. Pfarrkirche St. Wolfgang, St.-Wolfgangs-Platz 9, 81669 München-Haidhausen

Mein Besuch am 24. September 2021

Der neo-barocke Turm von St. Wolfgang stammt von 1915 …

Der barock anmutende Turm verspricht eine gänzlich andere Kirche. Immerhin befinden wir uns mitten in München, Siedlungsgebiet aus dem Anfang des letzten Jahrhunderts. Die betuliche BR-Fernsehserie „Die Hausmeisterin“ (mit Veronika Fitz und Helmuth Fischer und vielen anderen) spielte hier um die Ecke. Bis heute vereinen die Straßen dieses Viertels allen Charme, von dem uns dort erzählt wird. München ist noch immer fast dörflich, sobald man die breiten Boulevards verlässt, einladend, und doch sehr urban. Hier vermutet man neben einem barocken Turm auch eine solche Kirche.

Aber schon die erste Annahme ist falsch. Der Turm samt Kirche wurde erst 1915 erbaut, da war das Barock schon lange vorbei. Aber offenbar fanden die Haidhauser Katholiken es schön, in die alte Zeit der Schnörkel zurückzukehren. Die Bomben des 2. Weltkrieges zerstörten St. Wolfgang. Nur der Turm überstand die Einschläge weitgehend unbeschadet und steht daher bis heute. Die Kirche aber, neu errichtet in den 60er Jahren, ist modern gestaltet. Hell durchflutet das Tageslicht den weiten Raum, grauer Beton bildet die Wände, und es dominiert ein eindrucksvoll riesiges Wandmosaik hinter dem Altar, das sich bis hinauf auf die ganze Höhe des Raumes erstreckt. Braun-grau schauen Christus und die vielen Menschen um ihn auf den Besucher herab. Ein Bilderbogen moderner christlicher Sinnlichkeit.

… aber das Kirchen-Innere wurde 1966 fertiggestellt.

Wendet man sich herum, so blickt man auf eine Orgel-Rarität. Sie steht dort seit Beginn der 2000er Jahre und ist ein Wiederaufbau. Ursprünglich stammt sie aus England und wurde dort bereits 1907 gebaut. So darf sich diese Haidhauser Alltagskirche damit rühmen, das „erste und einzige original englische Instrument mit symphonischem Charakter in Bayern“ (Wikipedia) ihr Eigen zu nennen. Zu hören habe ich sie nicht bekommen. Also werde ich wiederkommen.

 

 

Weitere Informationen zur Baugeschichte bei Wikipedia:  https://de.wikipedia.org/wiki/St._Wolfgang_(Haidhausen)

und bei der Kirchengemeinde: https://www.pfarrverband-haidhausen.de/index.php?id=75

Mehr zum Lebensgefühl rund um St. Wolfgang in Haidhausen (zu einer Zeit, als es noch keine Handys und kaum Computer gab):

Verhüllter Triumph (30. September 2021)

 

Was ist große Kunst? Die Mona Lisa, vielleicht das berühmteste Kunstwerk der Welt, ist nicht sehr groß. Nur 53 auf 77 Zentimeter misst das Gemälde mit dem rätselhaften Lächeln der heiteren Florentiner Schönheit. Viele Menschen, die sich oft stundenlang angestellt haben, nur um das Gemälde im Original zu sehen, sind überrascht, dass es so klein ist. Die Mona Lisa hängt im Pariser Louvre, nur wenige hundert Meter entfernt vom Triumphbogen. Um 1500 gemalt, ein Lächeln von genialer und rätselhafter Tiefe, zeitlos schön. Ein kleines Bild, aber große Kunst!

Flugzeuge haben ihn schon durchflogen

Der Arc de Triomphe ist groß. Fast fünfzig Meter ragt er in den Himmel, und fast genauso breit umspannen seine mächtigen Pfeiler einen neun Meter breiten Bogen. Als prächtiger Solitär überragt er die Straßen von Paris, die sich um ihn herum verknüpfen in dem vielleicht schönsten Kreisverkehr der Welt. Nach antikem Vorbild vom selbsternannten Kaiser Napoleon initiiert, aber erst lange nach seinem Tod fertiggestellt, wurde er größer als alle seine Vorbilder und Nachahmer. Sogar mit Flugzeugen hat man den Bogen bereits durchflogen. Siegestrunken hindurchmarschieren kann man schon seit dem Ende des 1. Weltkrieges nicht mehr, denn dort ist das Grab eines unbekannten Soldaten platziert – ein prominenter Gedenkort für alle Grauen der Kriege.

Man könnte mit der Metro hinfahren, aber schöner ist, sich dem Bogen des Krieges zu Fuß zu nähern, die lange Achse der Champs-Élysées entlang, mit lustvollen Abstechern hinein in das berauschende Grün der Tuilerien, hindurch durch die stillen Gärten entlang der lauten Straße, mit Rast in den Cafés der Avenue. Es geht sanft aufwärts, und stets hat man den Bogen im Blick, wenn auch meist nur zu Hälfte. Um ihn in ganzer Größe näherkommen zu sehen, muss man eine der knappen Rotphasen der Ampeln abwarten, die mit Zauberhand das mörderische Gedränge und Gehupe des Verkehrs aufhalten. In der Mitte des Boulevards kann man endlich einen Blick erhaschen auf den Triumphbogen in seiner ganzen Breite.

Ein ungeschliffen-matter Diamant

Tausende Menschen hasten oder schlendern oder fahren täglich auf diesem Weg unter den Bäumen entlang. Auch für den #Kulturflaneur ist es nicht das erste Mal. Doch in diesen Tagen ist vieles anders. Der Bogen ist verändert, das Ziel dieser Straße, das Riesenbauwerk der Siege und Kriege, es glänzt silberbläulich daher, funkelt im Sonnenlicht wie ein ungeschliffen-matter Diamant, und ist doch unverkennbar geblieben in seinen Konturen. Weithin sichtbar: Große Kunst.

Über fünfzig Jahre hat das Künstler-Ehepaar Christo und Jeanne Claude daran gearbeitet, dieses Kunstwerk zu schaffen. Es galt, einen ganzen Staat zu überzeugen. Der Triumphbogen ist ein nationales Symbol, mehr noch: Ein Mahnmal für Frankreichs Größe und Demut zugleich. Auch ein Vergleich mit dem Berliner Reichstagsgebäude hinkt: Zum Zeitpunkt seiner Verhüllung im Jahr 1995 durch das inzwischen in Amerika lebende Künstlerpaar war der Bau eher Symbol der fragwürdigen deutschen Geschichte. Erst heute, nach seiner klugen Neuerfindung durch Norman Foster, und seit dort der demokratisch gewählte deutsche Bundestag residiert, streitet und entscheidet, hat er vielleicht die Chance, einmal ein nationales Symbol für unseren Stolz auf Demokratie zu werden.

Der Arc de Triomphe ist für die Franzosen schon heute vollkommen unumstritten ein Ort des Nationalstolzes. Hier wurden Sieger geehrt, hier marschiert jährlich die Militärparade vorbei, hier färben Flugzeuge den Himmel in Blau-weiß-rot. Hier wurde auch Victor Hugo aufgebahrt, hier feierten Millionen Franzosen ihre Fußball-Weltmeistertitel, hier endet jedes Jahr die Tour de France. Der Triumphbogen steht für die Nation, und deshalb versammelten sich hier auch die Gelbwesten zum Protest, fügten ihm Schäden zu; aber sie aktivierten in der Protestbewegung auch Kräfte, die das Grab des unbekannten Soldaten schützten gegen die Randale anderer. Gelbwesten bildeten unter dem Bogen einen Schutzwall gegen andere Gelbwesten.

Nichts mehr zu sehen von den Namen und Orten der Siege

Marianne als Kriegsgöttin (fotografiert im Museum)

Da steht er nun, silberblau glänzend, verhüllt. Nichts mehr zu sehen von den mehr als 600 Namen französischer Generäle, von den Orten der 150 gewonnenen Schlachten, von den heroischen Darstellungen des Soldatenschicksals. Nichts mehr zu sehen von den Reliefs. Vom schreiend-fordernden Gesichtsausdruck der wie eine Kriegsgöttin inszenierten Marianne, die den unbekleideten jungen Mann mit Wucht in das Soldatendasein treibt. Alles verdeckt. Nur die Flamme am Grab des unbekannten Soldaten, die brennt auch unter der silbernen Stoffkuppel weiter, mittendrin in diesem Trubel von Menschen, die sich auf der verkehrsumtosten Insel versammelt haben, den Kopf im Nacken, um die schiere Größe dieses Werkes zu erfassen, Abstand gewinnend, den Silberstoff und die roten Seile betastend. Große Kunst, ganz nah.

Was es braucht, damit große Kunst Wirklichkeit wird

Unter dem Silberbogen ist der richtige Platz, um über Größe und Kunst nachzudenken. Über die enorme Kreativität und den unfassbaren Mut, die Kunstschaffende jeden Tag aufbringen, um unsere Welt reicher zu machen. Über die Beharrlichkeit und Überzeugungskraft, die es braucht, damit aus einer kühnen Idee Wirklichkeit wird. Über den Mut einer Gesellschaft und ihrer Verantwortlichen, all das zu ermöglichen. In diesem Fall bedeutete das immerhin, vorübergehend unsichtbar zu machen, was für ihre Nation steht, und es damit noch fester zu verankern in der Welt. In anderen Fällen sind es andere Bedingungen – Geld, Räume, Toleranz -, die Kunst ermöglichen. Über die Professionalität und Behutsamkeit, die gefragt ist, damit dabei nichts zu Schaden kommt: nicht der nationale Stolz, nicht das Bauwerk, nicht die Umwelt, nicht seine Besucher. Und auch nicht die künstlerische Idee selbst, die nicht untergehen darf im Sog zur kommerziellen Vermarktung. Ja, dies hier ist ein Event, aber auch ein Triumph des Geistes, der Kultur, der Kunst in großer Vollendung: prächtig, strahlend, für sich selbst sprechend, kostenlos für alle.

Und dann wendet man sich ab, umrundet noch einmal dieses silberne Spektakel und biegt schließlich ein in eine der vielen einladenden Straßen, zurück ins urbane Getümmel, hinunter zur Seine. Der verhüllte Bogen bleibt zurück. Nur noch wenige Tage, dann wird er wieder so aussehen wie zuvor, die Siege lesbar, die Kriege sichtbar. Aber die Verhüllung wird bleiben in unseren Köpfen, bricht den Blick auf das Eindeutige für immer. Große Kunst.

 

 

Die eindrucksvolle Geschichte des Pariser Triumphbogens ist aufgearbeitet in einer sehr informativen Dokumentation von Arte: https://www.arte.tv/de/videos/096305-000-A/der-pariser-triumphbogen/

 

 

 

 

Unbeugsam-weiblich gegen den „Ökozid“ (27. September 2021)

Am Tag nach der Wahl steht nicht viel fest. Aber vermutlich wird es ein Mann sein, der Angela Merkel im Kanzleramt folgen wird. Er wird einlösen müssen, was die heutige Kanzlerin einmal für sich in Anspruch nahm: ein Klima-Kanzler sein.

In „Ökozid“ am Schauspiel Stuttgart muss Angela Merkel (hier die Schauspielerin Nicole Heesters) als Zeugin vor Gericht aussagen. Foto: Björn Klein

Diese Vorrede lenkt den Blick auf ein aktuelles Kultur-Ereignis am Schauspiel Stuttgart. Dort sind es Frauen, die zu Gericht sitzen, und es sind Frauen, die sich verteidigen. Wir befinden uns gedanklich im Jahr 2034, und eine dann stolz-ergraute Angela Merkel, seit 13 Jahres aus dem Amt geschieden, wird als Zeugin befragt. Sie wird gespielt von Nicole Heesters als noch immer hoch kontrolliert in ihren Bewegungen, ihren Aussagen, ihrem Auftritt. Hätte sie die Klimakatastrophe abwenden können, wenn sie gemäß dem gehandelt hätte, was bereits bekannt war?

Vorwurf: Untätigkeit gegen die Katastrophe

Die Rede ist von dem Schauspiel „Ökozid“ (Premiere war am 24. September). Den Vorsitz in einem Internationalen Gerichtshof führt eine strenge, verständige Richterin, die Anklage wird von zwei Frauen vertreten: einer stimmgewaltigen Sprecherin des Verbundes der 31 klagenden Staaten „des globalen Südens“ und ihrer Anwältin. In dieser Besetzung unterscheidet sich das Theaterstück, das in Stuttgart uraufgeführt wird, von dem gleichnamigen Film, der im November letzten Jahres bei der ARD zu sehen war. Auch sonst hält der Theaterabend zahlreiche künstlerische Überraschungen und Ergänzungen parat, der den Besuch lohnen lässt, auch wenn man den Film bereits gesehen hat.

Zur Sprache kommt alles, was uns in den zurückliegenden Wochen des Bundestagswahlkampfs täglich beschäftigt hat, und es in den kommenden noch viel dringlicher tun wird. Hätten die deutschen Regierungen seit Gerhard Schröder es hätten besser wissen können? Hat Deutschland im internationalen Zusammenspiel der klimafeindlichen Kräfte überhaupt relevantes Gewicht? Verletzt die Untätigkeit des Nordens gegenüber den erkennbaren Folgen einer Klimakatastrophe vor allem im Süden der Weltkugel grundlegende Menschenrechte, wie sie die UN-Charta allen Menschen gleichermaßen verspricht? Oder ist alles ganz anders, war davon nichts erkennbar, ist irgendwas davon noch strittig oder nicht?

Empörende Erfahrungen im Wahlkampf

Männer spielen während dieses nachdenklich machenden und trotzdem unterhaltsamen Theaterabends allenfalls kauzige Nebenrollen. Sie plustern sich auf in oft substanzloser Rechthaberei, womit eine Brücke gebaut wäre zu einem geschlechterspezifischen Blick auf den Wahlkampf und auf das, was nun folgen wird in den Verhandlungen über eine neue Regierung. Der Blick zurück macht fassungslos. Wie selbstgerecht und rechthaberisch mit einigen Spitzenfrauen in diesem Wahlkampf umgegangen worden ist – oft, aber nicht nur, von Männern – ist für jeden sensiblen Geist eine empörende Erfahrung.

Frauen in der Politik können ganz generell darüber viel berichten. Daher hier nur einziges, aber besonders prominentes Beispiel aus den letzten Wochen: Die Republik zu „warnen“ vor einer Machtübernahme durch die SPD-Co-Vorsitzende Saskia Esken, der unterstellt wurde, dass sie wie eine strippenziehende Mephista den SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz marionettenartig über die politische Bühne zappeln lassen würde – das adressierte zumindest zum größeren Teil nicht deren inhaltliche Aussagen. Sondern es appellierte an dumpfe Assoziationen, die sich gegen ihr selbstbewusstes Auftreten und ihre von manchen vielleicht als ruppig empfundene Sprechweise richteten.

Engagierte Frauen waren nicht willkommen, …

Also raus aus dem Theater, wenige Häuser weiter, rein ins Kino! In fast zwei Stunden breiten dort im aktuellen Film „Die Unbeugsamen“ politisch erfahrene Frauen aus, welche Mühen, Gemeinheiten, Niederlagen, Zurücksetzungen und Zumutungen aller Art sie aushalten mussten, bis sie in der Männerwelt der deutschen Nachkriegspolitik angekommen waren. Der Film lässt keine Zweifel offen, dass engagierte Frauen alles andere als willkommen waren, und auch, dass die Männer sich kaum Mühe gaben, ihre ehrverletzende Überheblichkeit wenigstens höflich zu verbergen. Um sich in diesem Umfeld durchzusetzen, mussten Frauen Männern so ähnlich wie möglich werden. Für einen ersten Einblick genügt schon der Trailer des Films (Link siehe unten). Die Verhältnisse sind zweifellos besser geworden – aber gut sind sie noch nicht, wenn im neu gewählten Bundestag der Frauenanteil von 31 auf gerade mal 35 Prozent gestiegen ist.

… sind jetzt aber Mehrheit und Stimme der Klimaaktiven

Beim Stuttgarter „Ökozid“ fehlt es den Frauen nicht an Macht. Trotzdem haben sie in der Diktion des Theaterstücks vollständig männlich versagt. Ihr Scheitern bei der rechtzeitigen Rettung der Welt ist im Schauspiel ein Generationenproblem, keines der Geschlechter. Daher die Frage: Vielleicht können Frauen doch die besseren Klimaretter sein? Weil sie sich als Mütter eben doch noch immer stärker mit dem Schicksal ihrer Kinder identifizieren, als dies Väter tun? Warum sonst hat Annalena Baerbock im Wahlkampf dauernd von ihren Kindern geredet, Olaf Scholz (keine Kinder) und Armin Laschet aber nicht? In der „Fridays for Future“-Bewegung dominieren nach einer Studie des Berliner Instituts für Protest- und Bewegungsforschung die jungen Frauen mit 60%. Alle wesentlichen Repräsentantinnen der Bewegung sind weiblich.

Vielleicht ist das nun die neue Generation unbeugsamer Frauen, die nach Kriegsende in der deutschen Politik fehlten. In der neuesten Folge des „unendlichen Podcast“ der ZEIT (Link unten) formuliert die Schauspielerin Nora Tschirner einen weiteren Aspekt. Für Frauen und für unsere Gesellschaft kann es nicht nur darum gehen, Männer an  ihren Machtpositionen gleichwertig zu ersetzen.  Als „Seitenprodukt“ des jahrhundertealten Patriarchats sei ein „Privileg auf Frauenseite entstanden, eine Weisheit in Beziehungen, Kommunikation, Gefühle und zwischenmenschlichen Geschichten“. Dieses Potenzial sei bisher gesellschaftlich noch nicht ausreichend hochgewertet.

Die Klimakrise fordert neue Kompetenzen

Mehr Weiblichkeit in diesem Sinne hätte der Politik in den letzten 50 Jahren vielleicht weniger Orientierung am Automobil ermöglicht, mehr Naturschutz durchgesetzt, vielleicht auch insgesamt weniger Wachstum und  weniger Reichtum in Kauf genommen, aber dafür eine andere Balance aus Arbeit und sozialem Leben ermöglicht, ein anderes Geben und Nehmen, weniger Raffen, mehr Fürsorge.

Für eine Abwendung der drohenden Klimakatastrophe benötigen wir genau all das. Schade, dass dieser Aspekt im Stuttgarter „Ökozid“-Prozess keine Rolle spielt. Er endet jedoch mit einer eindrücklich sinnlichen Inszenierung, die den Theaterbesucher hinunterzieht in die Flut der steigenden Meeresspiegel. Und wenig überraschend: Es ist eine junge Frau, deren Stimme uns dort hineinführt und uns darin ertrinken lässt.

 

„Ökozid“ ist am Schauspiel Stuttgart noch mehrfach bis November auf dem Spielplan, jeweils verbunden mit einer Rede von Klima-Aktiven: https://www.schauspiel-stuttgart.de/spielplan/a-z/oekozid-2021/

Der Trailer zu „Die Unbeugsamen“ ist hier zu finden, der Film läuft (noch) in den Kinos: https://www.youtube.com/watch?v=yLjAayYEgOQ

Der Podcast und die Videoaufzeichnung von „Alles gesagt“ mit Nora Tschirner dauert fast vier Stunden. Die hier zitierte Passage (und mehr zu ihrer Sicht auf modernen Feminismus) ist etwa zehn Minuten vor dem Ende zu finden: https://www.zeit.de/video/2021-09/6271162956001/lange-nacht-der-zeit-2021-alles-gesagt-mit-nora-tschirner-christoph-amend-und-jochen-wegner?utm_referrer=https%3A%2F%2Fverlag.zeit.de%2F

 

 

Die Dünenkirche (#0021)

St. Nikolaus, Strandjepad 2, 26465 Langeoog

Mein Besuch am 2. September 2021

Auf Sand gebaut, umgeben von Dünen: St. Nikolaus auf Langeoog

Eigentlich soll sie einen versunkenen Schiffsrumpf symbolisieren. Aber für mich ragt der Kirchenturm wie das Schwert eines Hais aus der Wellenlandschaft der Dünen. St. Nikolaus ist die katholische Kirche auf der Nordsee-Insel Langeoog, ein längliches, wasser- und windumtostes Sandgebilde voller Touristen, aber auch voll von natürlicher Stille, autofrei, strandverwöhnt.

Seit Jahren reise ich auf diese Insel, wenn ich auf der Suche nach Weite, Meer und guter Luft bin, und niemals darf ein Besuch in St. Nikolaus fehlen. Nicht, weil ich einen Gottesdienst aufsuchen würde. Auch nicht, weil die viel größere und zentral im Ort gelegene Inselkirche der evangelischen Kirchengemeinde weniger zugänglich oder attraktiv wäre. Sondern wegen der Dünenlage von St. Nikolaus, die das in den 60er Jahren errichtete und mehrfach renovierte Kirchengebäude auf drei Seiten umgibt. Wo könnte man sinnbildlicher erfahren, was es bedeutet, wenn etwas „auf Sand gebaut“ ist?

Der Wasserturm, und dahinter das Meer: Der Blick aus dem großen Fenster von St. Nikolaus (Foto: Ute Vogt)

Im Inneren erwartet den Besucher ein trapezförmiger Raum, stimmungsvoll erleuchtet im Wesentlichen durch ein einziges großes Glasfenster, das den Blick frei gibt auf die Dünenlandschaft der Nordsee, bis hin zum Inselsymbol, dem Wasserturm. Die Innenausstattung ist schlicht und streng, und doch einladend, sich zu setzen, die Stille zu hören und seinen Gedanken nachzugehen. Bei Flut rauscht draußen das Meer. Wie oft war ich in einer Kirche und habe vor allem hinschauen dürfen: tolle Architektur, sakrale Kunst, aufregende Bilder, strenge Statuen. Hier lenkt kaum etwas davon ab, worum es in einer Kirche gehen kann: Einen Ort von erbauter Meditation zu finden.

Übrigens habe ich noch nie gesehen , was es dort gibt: Einen gemeinsamen Gemeindebrief der ev. und der kath. Kirche auf der kleinen Insel. Ökumene ist möglich!

Baugeschichte von St. Nikolaus auf Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/St._Nikolaus_(Langeoog)

Der Welt entrückt (#0020)

Ein intimer Moment innen, und draußen eine Idylle: St. Johannes in Kloster Malgarten bei Bramsche

St. Johannes, Am Kloster, Malgarten bei 4965 Bramsche

Mein Besuch am 28. August 2021

Der Ort ist eine Idylle. Viele Klöster habe ich schon besucht, viele gut renovierte, manche schon verfallen. Malgarten ist aber weder das eine, noch das andere. Sondern ein Ort von besonderer, intimer Inspiration. Künstler sind dort zu Gange: Ein Geigenbauer lädt zu Workshops ein, eine Holzbildhauerin schnitzt herum und eine Yoga-Lehrerin lässt die Klangschalen tönen. Das weitläufige Gelände ist in Privatbesitz. Es findet sich Gastronomie dort und zahlreiche Künstlerateliers. In einfachen Zimmern kann man auch klösterlich übernachten.

Der Kirchenraum von St. Johannes stammt aus spätromanischer Zeit, aber die Inneneinrichtung ist zurückhaltend barock.

Inmitten dieses bunten und doch stillen  Areals, das einmal ein Benediktinerinnenkloster war, und damit eine katholische Insel im evangelisch reformierten Osnabrücker Land,  finden sich zwei Friedhöfe und eine Kirche. Tief duckt sich die katholische Pfarrkirche St. Johannes in das klösterliche Ensemble. Nur der spitze Turm weist den Weg zur Kirche. Das Innere des Gotteshauses ist von der Bausubstanz viel älter, im Inneren aber barock gestaltet. Nicht überladen, eher zurückhaltend, und so ruht der Blick auf Chorgestühl, Kanzel und Orgel. Ein schöner Raum! Das ganze Kloster huldigte der Marienverehrung; die Kirche tut es noch heute. Mir hat sich ein stiller Winkel im hinteren Kirchenraum als besonders stimmungsvoll ins Gedächtnis eingegraben. Gläubige oder auch nur spirituell zugängliche Besucher können dort einer Madonnenstatue eine Kerze anzünden. Und dann durch das kleine Fenster ein Blick hinaus in den stillen Klosterhof – Malgarten lässt davon träumen, der Welt entrückt zu sein. Wäre da nicht die nahe A1, deren Rauschen und Dröhnen herüberklingt. Meine Bitte: Nicht achtlos vorbeifahren!

Die Website von Kloster Malgarten enthält sehr gute Informationen zur Kirche und auch zu den  dort tätigen Künstlern: https://www.forum-kloster-malgarten.de/

 

 

Gemäldegalerie mit schwerer Last (#0019)

Evangelische Unionskirche, Platz der Nassauischen Union, 65510 Idstein

Mein Besuch am 27. August

Übervolle Farbenpracht: Gemälde aus der Rubensschule bedecken den kompletten Innenraum der Unionskirche Idstein

Selten hat mich eine Kirche so überrascht! Von der Autobahn abgefahren, um mir auf der langen Reise eine lebendigere Pause zu gönnen, als dies an einer drögen Raststätte möglich ist, bin ich mehr oder weniger zufällig in Idstein gelandet. Die Unionskirche im Ortskern des Fachwerkstädtchens Idstein im Süden Hessens wirkt eher unscheinbar, gedrungen duckt sie sich in die engen Gassen des mittelalterlichen Ortsbildes.

Aber welche unglaubliche Pracht entfaltet sie in ihrem Inneren! Über und über ist sie ausgemalt mit Gemälden der holländischen Schule, die Decke ist kein Gewölbe, sondern gleicht einem Bilderbuch über testamentarische Szenen. Alle Wände sind mit Bibelsprüchen bedeckt, gemalte Medaillons illustrieren das Beschriebene. Ein ganz besonderer Kirchenraum, der mit der Lückenlosigkeit beeindruckt, mit der Bilder Decke und Wände bedecken. So gleicht die Raumwirkung gleicht ehr der eines alten Museums, in dem die Bilder noch über- und eng nebeneinander gehängt worden waren. Welche Pracht!

Schwere Last: Geschichte und Farbenpracht der Unionskirche geben viel Anlass zum Nachdenken.

Die viele Kunst in der Kirche stammt aus dem 17. Jahrhundert und ist verbunden mit der Regentschaft der nassauischen Linien in Idstein. Bis heute verbindet sich diese Adelsfamilie mit dem holländischen Königshaus.  Die Beseitigung fast aller gotischen Elemente aus der Kirche und statt dessen ihre farbenprächtige Ausmalung von Künstlern aus der Rubensschule erfolgte in einer Zeit, in der Idstein vom Grafen streng protestantisch ausgerichtet wurde. Wie passt das zusammen mit dieser Pracht? Und auch die Information, dass gleichzeitig, während holländische Maler sich in dieser Farbenvielfalt verloren, in Idstein die Pest wütete, 39 Hexenprozesse durchgeführt wurden und der Regent seinen eigenen ältesten Sohn verstieß, weil er katholisch glauben wollte, trübt den Blick ins bunte Gewölbe.

Trotzdem ist diese Kirche jeden Abstecher Wert, sie ist dankenswerterweise tagsüber meist geöffnet. Und über die Finsternis ihrer Geschichte kann den Besucher vielleicht auch ihr Name „Unionskirche“ hinwegtrösten: Er ist Ergebnis einer freiwilligen, nicht verordneten Fusion zweier protestantischer Linien zur „nassauischen“ Union. Na also, es geht doch: Man kann auskommen miteinander.

 

Ein guter historischer Überblick zur Unionskirche Idstein findet sich auf der Website der Kirchengemeinde: https://www.unionskirche-idstein.de/ueber-uns/die-unionskirche/