Der Paradiesbaum – Eine Weihnachtsgeschichte

Es war noch dunkel draußen, …

… als Melli aufwachte. Das kalte Licht der Straßenlaterne tauchte das Schlafzimmer in dumpfen Dämmer: der Wäscheständer, der längst hätte abgeräumt werden müssen; der Kleiderschrank, eine Tür war offen stehen geblieben gestern Abend. Die Wand mit den Fotos, lange nicht mehr hingeschaut. Lautes Scharren hatte sie geweckt, ein Kratzen, Stoßen, dann wieder das Scharren – Melli brauchte einen Moment, bis sie das störende Geräusch deuten konnte. Es kam von draußen, durch das zur Hälfte gekippte Fenster. Schippte da auf dem Gehweg der Hausmeister Schnee? Richtig, fiel es Melli jetzt ein, gestern Abend hatte es geheißen, dass es schneien sollte in dieser Nacht.

Der Weihnachtsbaum vor dem Rathaus in Stuttgart-Zuffenhausen.

 

 

Melli tastete mit ihrer rechten Hand durch das Bett. Sie spürte den Haarschopf ihrer Tochter, das vertraute Gewühl, darunter die beruhigend warme Kopfhaut. Kurz schloss Melli noch einmal die Augen. Irgendwann in der Nacht musste Selma in ihr Bett gekrochen sein, wie sie es fast immer machte. Melli hatte davon nichts bemerkt. Wie tief muss sie geschlafen haben? Was hätte das Kind wohl noch anstellen können in der Wohnung, wenn sie nicht mal bemerkt hatte, dass es zu ihr ins Bett schlüpfte? Melli verscheuchte den beängstigenden Gedanken.  Sie wendete ihren Kopf herum und blickte auf ihre Tochter, die da lag und fest schlief. Halb aufgedeckt. Ganz sachte hob und senkte sich der kindliche Brustkorb. Zu hören war nichts. Eine Welle von Zuneigung überschwappte sie. Vom Nachttisch leuchteten die Ziffern des Weckers herüber, eine 6 und eine 35.

Draußen scharrte es weiter. Melli wagte sich aus dem Bett, sofort stellte die Winterkälte an ihrem ganzen Körper die Gänsehaut auf. Melli schloss das Fenster, drehte die Heizung auf und kehrte ins Bett zurück. Noch fünf Minuten, dachte sie sich, und zog ihre Bettdecke bis unter ihr Kinn, kehrte zurück in ihre eigene wohlige Wärme. Die Ziffern lauteten jetzt: 6 und 38.

Ganz langsam, Stück für Stück, …

… krochen ihre Gedanken heraus aus der warmen Narkose des Schlafes, hinein in Mellis Bewusstsein. Ihr stand ein weiterer Tag voller Mühsal und Verpflichtungen bevor. Melli strengte sich an, das Bevorstehende positiv zu sehen, jetzt und hier im warmen Bett, neben ihrem friedlich schlafenden Kind. Du darfst doch hier noch liegen, was plagt dich also? Die angelernten Sätze aus der Mutter-Kind-Kur vom letzten Winter stellten sich tapfer ihrem eigenen Missmut in den Weg. Aber die positive Wendung gelang ihr nur halbherzig. Gleich würde sie ihr Kind wecken und aus dem Bett scheuchen müssen. Sie würde sich selbst und ihre Vierjährige zur Eile zwingen, damit sie rechtzeitig die Straßenbahn erreichen konnte. Nebenbei ein flüchtiges, gehetztes Frühstück, sinnloses Hin und Her über den Inhalt der Brotzeitbox für die Kita: Banane? Nein. Ein Käsebrot? Nein. Was also dann? Doch ein Käsebrot.

Melli hasste es, aufzustehen, wenn es dunkel war, und wenn es kalt war, erst recht. Deshalb war sie immer zu spät dran, und wenn ihre Tochter dann noch quengelte, herumtrödelte, was sie fast jeden Morgen tat, drögen Widerstand leistete – dann hasste Melli auch ihr ganzes von solcher freudlosen Nörgelei dominiertes Alleinerziehenden-Leben, diese immer wiederkehrende, auch noch – ja, ja! – selbstverschuldete Hetze, diesen täglichen Alltagskampf, alle diese lieblosen Worte, die er hervorbrachte. Immerhin, für diese Woche war es die letzte Schlacht dieser Art, denn morgen war Heiligabend, die Kita würde geschlossen sein, und sie würde nicht zur Arbeit müssen. Den stressigen Heiligabenddienst hatte sie an ihre älteren Kolleginnen abdrücken können, wenigstens ein Vorteil, wenn man allein für ein Kind sorgen musste.

Pieppieppiep! Der Wecker scheuchte Melli aus ihren Gedanken. Die Ziffern zeigten 6 und 45. Eilig beugte sie sich über ihr Kind hinweg zum Nachttisch und brachte den lästigen Apparat zum Schweigen. Das Scharren vor dem Fenster hatte aufgehört.

Noch eine Minute, …

… dachte Melli. Weihnachten! Ja, das stand auch noch an. Groß zu feiern gab es für sie nichts, mit dem ganzen weihnachtlichen Romantik-Kram konnte sie ohnehin wenig anfangen. Ihre Mutter lebte weit weg und im Pflegeheim, ihr Vater war bereits tot. Sie musste an Jo denken, ihren Ex, „Jo, der Spinner“, wie sie Selmas Vater nannte. Schon seit Wochen hatte er sich nicht mehr gemeldet.

Jo war eigentlich ein netter Kerl gewesen, humorvoll, aber eben ein Spinner, ein Graffitti-Künstler, immer arbeitslos, weil er es nirgends aushielt, Kettenraucher. Ein Mann für den bodenlosen Glücksmoment, für das Fallenlassen, aber nicht fürs Leben. Kaum war Selma auf der Welt, war es nicht mehr auszuhalten gewesen mit dem Mann, der ging, wann er wollte, und wenn er zurückkam, bestialisch nach seinen Spraydosen stank. Er lag ihr auf der Tasche und qualmte die Wohnung voll. Er hatte einen guten Charakter, aber keinen dazu passenden Willen, er tat ihr nichts, aber er zehrte von ihrer Lebenskraft, anstatt sie zu mehren. „Ein Energie-Vampir“, hatte ihre Therapeutin in der Kur gesagt, und das traf es gut. Selma war ein halbes Jahr alt, als Melli ihn rausgeworfen hatte. Er meldete sich immer wieder mal, um seine Tochter zu besuchen, für ein, zwei Stunden. Immerhin bekam sie regelmäßig den Unterhalt für Selma, immer pünktlich überwiesen von Jos Vater, Selmas Opa. Melli überlegte, ob heute wohl noch ein Paket von Jo mit einem Geschenk für Selma eintreffen würde. Oder von ihren Großeltern?

Irgendwann heute oder morgen …

…. wollte sie auch noch ein Lebkuchenhaus backen für Selma, als Überraschung. Vielleicht heute Nacht, wenn Selma endlich eingeschlafen sein würde, erschöpft von einem weiteren Tag voller Eindrücke, überfüllt von Abenteuern, dem Weihnachtsmann in der Kita, dem Abschiedsfest, dem Auftritt mit den Liedern, die sie seit Tagen übte.

Die Digitalanzeige des Weckers sprang auf 6:52. „Scheiße, wieder zu spät!“, rief Melli und sprang entschlossen aus dem Bett. „Guten Morgen, Schluss mit Schlafen!“, rief sie ihrer Tochter laut zu. Das Licht im Schlafzimmer schmerzte sie in ihren Augen. Selma tat so, als habe sie nichts bemerkt. Es wird ihr nichts nützen, dachte sich Melli, stellte das Radio im Flur an und drehte den Lautstärkeregler so weit nach rechts, dass die Musik in der ganzen Wohnung gut zu hören war.  „I´m dreaming of a white chrismas“, schmachtete Bing Crosby durch die knapp fünfzig Quadratmeter ihres Lebens.

„Darf er träumen!“ Die Stimme des Moderators tönte fröhlich und wach. „Denn diesmal gibt´s weiße Weihnachten! Draußen hat es heute Nacht geschneit, Leute, also raus aus den Federn, die weiße Welt wartet auf Euch!“ Der Sender dudelte seit Tagen Weihnachtsmusik – Jingle Bells, Last Chrismas, jetzt eben den Traum von der weißen Weihnacht. Pappsüßer Weihnachtskitsch in einer Tour, unterbrochen von immer der gleichen Werbung. Für edle Schokolade, ausladende Festessen, Schmuck, Parfüm. Nichts davon hatte mit Mellis Welt zu tun. Sie lebte von ihrer Arbeit und dem Unterhalt, den Selmas Großvater bezahlte. Für die kleine Sozialwohnung bekam sie Wohngeld, dazu das Kindergeld – das alles zusammen musste gerade mal so reichen für ein bescheidenes Leben.

„Hey, Leute, frisch auf in den Morgen, es ist 6 Uhr 55, und nur noch ein Tag bis Weihnachten“, drängte sich der Radiomoderator zwischen die Töne.

*********

Der Tag verlief genauso, ….

… wie Melli es befürchtet hatte. Sie hatte alle Überredungskunst und schließlich auch grobe Kommandos benötigt, um Selma aus dem warmen Bett zu locken. Es gab alle erwarteten Debatten um Kleidung („Nein, nicht die rote Hose, nein, nicht diese Schuhe“) und die Brotzeitbox. Bockig hatte Selma sogar behauptet, heute gar nicht in die Kita gehen zu wollen. Nicht einmal der Schnee vor der Tür hatte sie zur angemessenen Eile motiviert. Schließlich hatte sie ihr Kind doch noch in die – wie an jedem Morgen – nach kalten Kinderschuhen müffelnde Kita bugsiert. Dann war ihre Straßenbahn im Verkehr stecken geblieben, im letzten noch akzeptablen Moment hatte sie ihre Backwaren-Verkaufsstelle im Shopping-Center erreicht. „Willkommen im Weihnachtsland, willkommen im Einkaufs-Paradies“, stand in leuchtenden Buchstaben über dem Eingang.  Eine Kollegin hatte sich krankgemeldet, es war trubeliger Betrieb. Zu zweit wuppten sie im Akkord den Backwaren-Marathon: aufbacken, rausholen, sich nicht die Finger dabei verbrennen, verkaufen. Zwar waren die meisten Kunden nett, aber nach der gefühlt dreitausendsten Bestellung („Sieben Brezeln, drei Sternsemmeln, nein doch lieber zwei Croissants, aber bitte nicht zu dunkel“) ließ ihre Konzentration nach, sie füllte falsche Brötchen in die Tüten, verwechselte Brezen und Croissants, verrechnete sich. Alle waren genervt, die Kunden, sie selbst, die Kollegin.

Für eine Mittagspause war keine Zeit. Nebenbei stopfte sie sich Backwerk in den Mund, verstohlen versteckt in der von glühender Hitze angefüllten Aufbackstube hinter dem Verkaufsraum, damit die niemals endende Kundenschlange nichts davon bemerkte. Melli war fix und fertig, als kurz vor ihrem Dienstschluss ihr Handy klingelte. Die Kita rief an; Selma habe die Weihnachtsfeier zwar noch mitgemacht, aber sei offenbar krank, jedenfalls liege sie jetzt nur noch schlapp in der Kuschelecke und habe leicht erhöhte Temperatur. Ob sie jemand abholen könne?

Niemand konnte ihre Kind abholen, …

… außer sie selbst. Also bat Melli drucksend und lächelnd und bettelnd einmal mehr ihre ebenfalls erschöpfte Kollegin, die restlichen Aufräumarbeiten doch bitte allein zu übernehmen. „Und Frohe Weihnachten!“, rief sie ihr noch im Gehen zu, mit den Gedanken bei Selma und geplagt von ihrem schlechten Gewissen. Sie hetzte zurück zur Kita; diesmal war die Straßenbahn pünktlich, aber wieder voll, Melli quetschte sich zwischen die stehenden anderen Mütter, Väter, Omas, Opas, Singles. In der Kita griff sie sich ihre leise weinend an der Garderobe wartende Tochter und ging mit ihr nach Hause. Es hatte aufgehört zu schneien.

Daheim ließ sich Melli erschöpft auf ihr altes Sofa fallen, eine zerschlissene Bequemlichkeit aus dem Sozialkaufhaus. Das fieberschlappe Kind legte den Kopf auf ihren Schoß. Selma hatte keinen Appetit, also schlang Melli selbst das Käsebrot herunter, das sie morgens ihrer Tochter in die Brotzeitbox gelegt hatte. Zur Kinderärztin gehen? Melli entschied sich dagegen. Der Infekt grassierte, es standen Feiertage bevor, an denen sie nicht arbeiten musste. Selma würde sich schon wieder auskurieren. Melli seufzte und strich über die Haare ihrer Tochter, die das stumm und widerstandslos über sich ergehen ließ. Sie griff nach der Wolldecke und deckte ihr krankes Kind zu.

Dauernd diese Hetzerei, Tag ein, Tag aus, ging ihr durch den Kopf. „Ich hab´s so satt“, sagte sie halblaut und spürte wie der ganze Widerwille gegen dieses Leben von ihr Besitz nahm, sich ausbreitete wie ein Farbkleks im klaren Wasserglas. Melli kannte solche Situationen der vollkommenen Erschöpfung, des überbordenden Überdrusses, und sie hatte sich angewöhnt, dann immer an ihre Therapeutin in der Kur zu denken. „Musst Du jetzt hier, auf Deinem Sofa, das schlappe Kind auf dem Schoß, irgendeine Anstrengung aushalten?“, hätte sie gefragt. Und Melli hätte zugeben müssen: Nein. Selma musste sich auskurieren, das Kinderturnen fiel heute ohnehin aus, einkaufen musste auch nicht mehr unbedingt sein. Es war einfach gar nichts mehr zu tun heute, wenn man es zuließ. Vielleicht noch das Lebkuchenhaus, aber dazu musste Selma erst einmal schlafen.

Melli griff zur Fernbedienung, …

… und der Fernseher erwachte. „Wer hat an Heiligabend Namenstag?“ las ein mit einer Weihnachtsmann-Mütze dekorierter Talkmaster die eingeblendete Frage vor. Offenbar waren die grinsenden Quizkandidaten des Lesens unfähig. Es gab auch Antwortmöglichkeiten: A: Jesus und Christus, B: Adam und Eva, C: Josef und Maria.

So ein Blödsinn, dachte Melli, und klickte weiter. Eine gefakte Gerichtsverhandlung. Ein regionaler Krimi. Eine Sendung, in der alter Kram versteigert wird. Ein Billardturnier. Melli schüttelte den Kopf. Wer schaut sich das an? Dann ein Nachrichtenkanal: Zerstörte Häuser, Menschen, die auf Holzfeuer ihr Essen kochen. Eine Warteschlange vor einem Tanklastwagen, die Menschen dick eingemummelt, mit schmutzigen Kanistern, Schnee auf der Straße. „Nachts sinkt hier das Thermometer auf weniger als zwanzig Minusgrade“, sagte die Stimme des Reporters, „und die Luftangriffe haben die Versorgung mit Wasser und Strom zerstört. Diese Menschen werden frieren und hungern, während wir Weihnachten feiern.“ Melli stellte den Fernseher aus und schloss die Augen. Kurz, ganz kurz nur.

********

„Hey Leute, frisch auf in den Morgen!“, …

… tobte der Radiomoderator aus dem kleinen Lautsprecher.

Melli und Selma waren am Abend gemeinsam auf dem Sofa eingeschlafen. Irgendwann war Melli erwacht und hatte ihre schlafheiße Tochter in ihr Bett gewuchtet, sich neben sie gelegt und war sofort wieder weggedämmert. Gegen halb fünf war sie aufgewacht, und der Rest der Nacht war unerfreulich gewesen. Selma hatte sich fiebrig hin und her gewälzt, und Melli konnte allenfalls neben ihr dahindösen. Jetzt schlief ihre Tochter endlich wieder fest. Melli war aufgestanden, um doch noch das Lebkuchenhaus in Angriff zu nehmen. Leise hatte sie die Schlafzimmertür hinter sich geschlossen, bevor sie das Radio angestellt hatte.

„Hey Leute, es ist 7 Uhr 33 – und wisst Ihr was: Es ist Weihnachten!“ Mit Schmackes trommelte ein hellwaches „Feliz Navidad“ aus dem Radio. „Hey Leute“, meldete sich schon wieder der beneidenswert putzmuntere Moderator, „habt Ihr eigentlich schon Euren Weihnachtsbaum?“ Melli hatte keinen Weihnachtsbaum. Sie hatte keinen Platz. Und für wen sollte sie sich einen Weihnachtsbaum aufstellen?

„Und wisst Ihr überhaupt,…

… woher die Tradition mit dem Baum zu Weihnachten kommt?“, plapperte jetzt der stets Gutgelaunte weiter, „schon irgendeine Idee? Da kommt Ihr nie drauf, Leute, das sage ich Euch, aber ich werde es Euch erzählen – nach der nächsten Musik!“ Die Geigen heulten auf und begleiteten Dean Martin beim Walking durch das „Winter Wonderland“.

Melli nahm das Radio mit in die Küche und kramte in ihrer Vorratsschublade nach der Schachtel mit dem Lebkuchenhaus. Vorsichtig öffnete sie die Packung und holte die gebackenen Lebkuchenplatten heraus. Sie stellte den Puderzucker bereit, und zur Dekoration wühlte sie aus den Untiefen der stets in sicherer Höhe verstauten Süßigkeitenkiste Schokolinsen, Gummibärchen und ein paar Weihnachtskekse heraus, eine angerissene Packung, die sie aus der Bäckerei mitgebracht hatte, weil sie ohnehin nicht mehr verkauft werden konnte.

„Hey Leute, schon eine Idee wegen des Weihnachtsbaums?“, schubste der Moderator seine Zuhörenden aus dem Winter-Wunderland. „Da kommt ihr nie drauf. Null Schnee in der Geschichte. Hat nämlich mit Adam und Eva zu tun. Der Baum stammt aus dem Paradies, Leute, ob Ihr es glaubt oder nicht.“

„We wish you a merry chrismas“, quoll dynamisch anschwellend aus dem Äther. Dann nahm der Mann im Radio den Ton zurück und sagte er es nochmal und sehr betont: „Echt, Leute, aus dem Paradies!“

„Wo ist das Paradies?“ Selma stand mit verquollenen Augen in der Küchentür. Blitzschnell deckte Melli ihre Lebkuchenhaus-Baustelle mit einem Handtuch ab. Sie eilte dem Kind entgegen, das sich willig in ihre Arme fallen ließ. Sie nahm ihre Tochter hoch, spürte ihre Wärme, sog ihren wohligen Geruch ein, und setzte sich an den Küchentisch. Beide Arme und ihr ganzer Oberkörper wärmten das noch schlaftrunkene Bündel. Und wurden gewärmt. Heute keine Kita, keine Arbeit.

„Das Paradies?“ Melli wiegte ihre Tochter sanft hin und her und überlegte. „Das ist echt schwer zu erklären,“ murmelte sie.

Solche Zweifel …

… hatte der Mann im Radio nicht. „Echt jetzt, kein Blödsinn,“ hörte Melli. „Die Christen waren ja sittlich schon immer locker drauf,“ – bedeutungsvolle Pause – „und da haben sie zu ihrem Weihnachtsfest einfach einen anderen alten Brauch übernommen. Eigentlich feierten die Christen nämlich den Namenstag von Adam und Eva mit einem Baum im Zimmer und hingen Äpfel dran. Und als grüne Bäume gab´s bei uns im Dezember eben nur: – Richtig! Tannenbäume! Check! Äpfel, Eva – klingelts da bei Euch?“ Im Radio klingelten die Jingles Bells.

„Die Eva ist auch krank“, murmelte Selma, „die war gestern nicht da in der Kita.“

„Der im Radio meint aber eine andere Eva“, flüsterte Melli ihrer Tochter ins Ohr.

„Hey Leute, das ist doch echt mal eine abgefahrene Geschichte, oder?“, drängte sich die Stimme im Radio wieder über die Musik. „Was wir da heute als Weihnachtskugeln baumeln lassen – Baumeln am Baum, hahahaha,“ freute sich der Spaßige über sein eigenes Wortspiel, „das waren einfach mal Äpfel, Ihr wisst schon, die Geschichte mit der Verführung und dem Apfel und dem Reinbeißen, und wie der Adam auch reingebissen hat, und dann mussten beide sich endlich mal was anziehen und raus aus dem Paradies.“

Wieder loderte kurz die Musik auf, dann redete der Weihnachts-Spaßvogel weiter: „Und deshalb ist Weihnachten eben in Wahrheit ein Paradies-Fest, ok, Leute? Also immer schön fröhlich bleiben und feiern, auch wenn Euch die Kirche egal ist. Auf das Paradies können wir uns schließlich alle einigen.“ Kling klang, kling klang, im Pferderhythmus galoppierten die Jingle Bells davon.

„Wo ist jetzt das Paradies?“, fragte Selma.

Melli grübelte. „Das Paradies, das ist ein Land, in dem alles wunderschön ist, es ist so warm, dass alle Leute nackt rumlaufen können, und alle haben zu essen. Und es gibt keinen Krieg.“ Dann setzte sie hinzu: „So oder so ähnlich muss es gewesen sein im Paradies. Aber das Paradies gibt’s nicht wirklich, leider.“

Selma lehnte sich ganz fest an den Brustkorb ihrer Mutter. Melli rüstete sich auf Nachfragen.

„Gibt’s heute Fischstäbchen?“, fragte Selma dann.

Melli war überrascht. „Kann ich machen,“ sagte sie, „hast Du da Lust drauf?“

„Ja,“ antwortete das Kind. „Die mag ich. Und warm ist es hier drin auch.“

„Ja sicher, wir wollen doch nicht frieren“, sagte Melli und blickte prüfend auf den Heizungsregler unter dem Küchenfenster.

„Die Leute im Fernsehen gestern, die frieren müssen, die leben nicht im Paradies, gell?“ Melli erschrak, sie hatte nicht damit gerechnet, dass ihre fiebrige Tochter am Abend zuvor die Bilder aus dem Krieg wahrgenommen hatte.

„Ja, leider. Das ist wirklich schlimm,“ antwortete sie.

„Aber wir frieren nicht, und haben Fischstäbchen. Dann sind wir ja im Paradies, oder?“, fragte Selma.

Melli lächelte, kam aber nicht dazu, zu antworten, denn es klingelte an der Tür. Schnell setzte sie ihre Schlafanzug-Tochter ab und schickte sie ins Schlafzimmer. „Zieh Dich an“, rief sie ihr hinterher. Ganz offensichtlich war der Fieberschub vorbei.

Melli drückte auf den Türöffner. Wahrscheinlich ein Paketzusteller, dachte sie sich und rechnete bereits damit, dass sie nach unten würde gehen müssen, um nachzusehen. Dann aber nahm sie wahr, dass sich auf den Treppenstufen langsam jemand näherte. Sie spürte, wie die nackten Füße ihrer Tochter sich auf ihre Hausschuhe stellten. Neugierig klammerte sich Selma an ihre Beine; natürlich hatte sie noch immer den Schlafanzug an.

Tannenzweige wurden sichtbar …

… und kamen näher, erst einer, dann mehrere. Dann begriff sie: Vorsichtig und klappernd kroch ein Weihnachtsbaum über die letzte Windung des Treppenhauses nach oben in ihre Richtung. Vollständig geschmückt, rote Kugeln, goldene Sterne, sogar eine Lichterkette war erkennbar. Der Stecker klapperte am Geländer. Drei Stufen vor ihrer Wohnungstüre blieb der Baum stehen.

„Bestimmt habt Ihr keinen Baum“, erkannte Melli die verrauchte Stimme von Jo, dem Spinner. „Vielleicht könnt Ihr den hier brauchen? Habe ich abgestaubt drüben im Einkaufsparadies. Die brauchen den jetzt nicht mehr.“

Vorsichtig lugte Jo am Baum vorbei. „War eine ganz schöne Schufterei mit dem Baum in der Straßenbahn bis hierher.“

„Papa bringt den Paradiesbaum!“ jubelte Selma.

 

 

Allen Leserinnen und Lesern dieser Geschichte wünsche ich ein frohes Weihnachtsfest.

Die Geschichte des Weihnachtsbaums kann man u.a. hier nachlesen und dabei überprüfen, ob der Mann in Radio Recht hat:

https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Wie-die-Tanne-zum-Weihnachtsbaum-wurde,weihnachtsbaum18.html#:~:text=Der%20uns%20heute%20gel%C3%A4ufige%20Weihnachtsbaum,und%20versprachen%20Schutz%20und%20Fruchtbarkeit.

Weitere Geschichten als #Kulturflaneur finden Sie hier, als #Politikflaneur hier.

 

 

 

Der Klang der neuen Zeit – Zwei Konzertbesuche

München, Herbst 1992

Das Konzert galt schon im Vorfeld als so legendär, dass jeder Platz ausverkauft war. Auch die schmalen harten Chorbänke hinter dem Orchester würden gefüllt sein bis auf den letzten Platz. Manche Kartenbesitzer begriffen ihr Glück erst, als sie am Eingang des „Gasteig“, des im Herbst 1992 noch als frisch empfundenen, weiten, luftigen Konzertsaals in München, ein Spalier von Suchenden und Rufenden durchdringen mussten: „Haben Sie noch eine Karte?“, war da vielstimmig zu hören, „Hundert Mark – oder mehr? Sagen Sie einfach, was ich zahlen soll!“

Ameisenhafte Emsigkeit herrschte im gestuften Foyer, besorgtes Suchen nach dem richtigen Eingang, schnell das Sektglas geleert, ein letzter Blick durch die hoch aufgefalteten Fenster über das Kopfsteinpflaster der Großstadtstraße, hinaus auf die im Regennass glänzenden Gleise der Straßenbahn, auf die rot aufleuchtenden Lichter der sich den Hang hinabbremsenden Autos. Dann der Welt den Rücken gekehrt, denn im Saal saß das Orchester bereits erwartungsvoll und gestimmt. Noch bedurfte es keines Hinweises auf das Ausschalten von Handys.

„Jugend an die Macht!“

Dann, als das Licht abdunkelte, als sich das allseitige Räuspern und Husten ängstlich legte, wohl wissend um die diesbezügliche Empfindlichkeit des Solisten, der schon Konzerte abgebrochen hatte wegen solcher Störungen, – als sich endlich die seitliche Tür öffnete, da traten die greisen Matadoren auf die hölzerne Bühne. Zwei Herren, der eine stolz aufrecht mit pechschwarzem Haar, der andere grau und gebeugt, kamen gemessenen Schrittes daher: Arturo Benedetti-Michelangeli, der legendäre Pianist, 72 Jahre alt und erst vor wenigen Jahren von einem auf offener Bühne erlittenen Herzinfarkt genesen, und Sergiu Celibidache, der Dirigent, 80 Jahre alt.

„Jugend an die Macht!“, flüsterte der nebensitzende Konzertbesucher, als er die ganze Wucht der Jahre erfasste, all der Töne und Noten, der abertausenden Stunden des Zweifelns und Übens, die sich hier auf das Podium tasteten. Aber auch dieser Lästerer war ergriffen von einem Auftritt, der an der Ewigkeit klopfen könnte, der ein geronnener Augenblick der Verbeugung werden wird vor den Lebensleistungen zweier Künstler, die seit Jahrzehnten, ihr ganzes wildes, wechselhaftes Leben lang, den richtigen Ton gesucht hatten, dabei Niederlagen erleiden mussten und Triumpfe feiern konnten. Sie hatten den Äther ungezählter Konzerthallen eingeschüchtert und abertausende Zuhörer zum ehrfurchtsvollen Schweigen gebracht.

Die unerbittliche Suche nach Perfektion

Dann setzte sich der heikle Pianist, der zu jedem Konzert mit zwei eigenen Flügeln anreiste. Er war komplett in schwarz gekleidet, akkurat sortierte er die zwei Schöße seines Fracks hinter die Klavierbank. Benedetti-Michelangeli galt als ausnehmend schwierig. Auf der Suche nach dem perfekten Ton war er unerbittlich sich selbst und seinen Mitmenschen gegenüber.

Celibidache erklomm seinen Hochstuhl. Auch er trug einen Frack und ein weißes, rüschenbesetztes Hemd. Er wollte und konnte einen ganzen Konzertabend nicht mehr über-stehen. Auch der Münchner Chefdirigent stand für die unerbittliche Suche nach der Perfektion. Er war für den Weltruhm der Münchner Philharmoniker ein künstlerischer Hauptgewinn, aber auch ein wirtschaftliches Desaster. Um die von ihm angestrebte Interpretationstiefe der Musik zu erzielen, verlangte er doppelt so viele Proben als andere Dirigenten. So entstand über die Jahre ein langsamer, zwischen Trägheit und Zärtlichkeit schwankender Ton. Hundertfach geduldig und wachsam eingeübt, ausgefeilt in allen seinen Klängen und Zwischentönen, entstand ein Klangbild, wie es kaum ein anderes Orchester bieten konnte im auch schon vor 30 Jahren als internationales Business betriebenen Klassik-Zirkus. Konzerte mit Celibidache waren Einladungen zu tiefempfundenen Musikerlebnissen, nicht wiederholbar, keiner Konserve zugänglich, und genau so wollte es der Maestro. Er weigerte sich, mit seinem Orchester Schallplattenaufnahmen zu machen. Was es heute an Celibidache-Aufnahmen zu kaufen und zu hören gibt, sind tolerierte Live-Mitschnitte aus seiner sehr frühen Berliner Zeit (als junger Wilder unter den Dirigenten, als Karajan-Antipode) und den sehr späten Jahren in München. Hier war er jetzt ein unumstrittener Herrscher.

Ein Herrscher, ein Solist

Benedetti-Michelangeli war bereit. Steif aufrecht thronte der Altmeister vor seinem Instrument, die Arme im rechten Winkel über der Tastatur. Schumanns a-Moll-Klavierkonzert beginnt mit einem heftigen Aufschlag des Orchesters, kurz und kräftig – und dann übernimmt das Klavier, und Benedetti phantasierte über die Tasten, wendig und versunken, ganz in sich gekehrt. Kein Blick ins Orchester, ein sachtes Wiegen des Oberkörpers war nur dann zu vernehmen, wenn er selbst spielte. Ein wahrer Solist.

Der von Schumann erdachte Dialog über drei Sätze zwischen Klavier und Orchester perlte in getragen-demütiger Wucht dahin, auf das lyrische Fragen des Klaviers, folgten die oft entschlossen aufbrausenden Antworten des Orchesters. Nach kaum 25 Minuten war das Ereignis vorbei. Der Schussakkord verklang, der Beifall rauschte auf, das Publikum jubelte, immer wieder, es gab letzte Zugaben und angedeutete steife Verbeugungen der alten Herren.

Zwei strenge Altmeister waren auf der Suche nach Perfektion gewesen. Ob sie sie gefunden hatten, war ihr Geheimnis geblieben.

 

  • Sergiu Celibidache gab sein letztes Konzert mit den Münchner Philharmonikern im Juni 1996 und verstarb im August des gleichen Jahres im Alter von 84 Jahren. Mehr über Dirigenten und sein Musikverständnis in dem wunderbaren Film „Sergiu Celibidache- Feuerkopf und Philosoph“: https://www.youtube.com/watch?v=1JkkVqK3FAE
  • Arturo Beneditti-Michelangeli starb im Juni 1995 im Alter von 75 Jahren. Das Konzert im Herbst 1992 im „Gasteig“ mit dem Schubert-Klavierkonzert war der letzte gemeinsame Auftritt in München mit Celibidache. In der Dokumentation „Ein unfassbarer Pianist“, die auch einen gemeinsamen Auftritt mit Celibidache im Juni 1992 (mit einen Klavierkonzert von Ravel) zeigt,  kann man sich noch heute ein Bild davon machen, was die perfektionistische Faszination dieses Künstlers anrichtete – im Positiven, wie im Negativen: https://www.youtube.com/watch?v=YErVzX_cLok

Igor Levit und die Münchner Philharmoniker.

München, Herbst 2022

Eine Wiedergeburt? Nein, reiner Zufall. Es gab keinen Plan. Der Saal ist auch nicht mehr derselbe, selbst wenn er sich „Gasteig HP 8“ nennt. Es ist der Ersatz-Konzertsaal, zwei Kilometer entlang der Isar entfernt vom sanierungsbedürftigen Original. Die Münchner und die strengen Ohren der Konzertkritik sind vom Provisorium „Isarphilharmonie“ begeistert: Beste Akustik, angenehme, moderne Atmosphäre.

Immerhin: das gleiche Orchester, zumindest dem Namen nach. Die Münchner Philharmoniker dürften inzwischen fast vollständig neu besetzt sein – Generationenwechsel. Und: Die gleiche Musik: Schuberts einziges Klavierkonzert in a-moll.

Auch im Provisorium herrscht wieder Bienenkorb-Atmosphäre. „Suche Karte!“ steht auf dem Schild, das ein verzweifelt Hoffender in die Luft hält, umschwirrt von Vorfreudigen. Lange Schlangen an den Garderoben. Dann ergießt sich das Kulturvolk in den schwarz ausgekleideten Saal, nimmt Besitz von ihm bis zum letzten Platz. Geducktes Huschen, während schon das Orchester die Bühne erobert, die Instrumente stimmt. Ein letztes Handy klingelt und mahnt alle anderen. Das Licht dimmt herab.

Eine junge Frau, ein junger Mann

Die Bühne betreten: Eine junge Frau und ein junger Mann. Die junge Frau ist fast lässig gekleidet im schwarzen 7/8-langen Hosenanzug, die Haare zum kurzen Pferdeschwanz gebunden. Der junge Mann hat lichtes schwarzes Haar, Vollbart und ein schüchternes Lächeln, das sein Markenzeichen ist. Über der schwarzen Hose und dem schwarzen T-Shirt lässt er seine bordeauxrote Jacke lässig offen.

Intensiv sucht Igor Levit den Blickkontakt in das Orchester, tauscht einen Händedruck mit der Konzertmeisterin. Dann, mit geballter Faust, teilt er seine konzentrierte Anspannung mit dem ganzen Saal und setzt sich an die Tasten. Er wechselt einen Blick mit der litauischen Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla, die fast verschwindet hinter dem hochgestellten Deckel des vor ihr aufgebauten Flügels. Dann wieder der kurze, entschlossene Auftakt, eigentlich nur ein kraftvoller Ton des Orchesters, und schon tanzen Levits Finger über die Tasten. Die Musik entfaltet sich in den Saal, rauscht hinein in die stillen Reihen der Zuhörer, steigt hoch entlang der schwarzen Holzpaneele, die dem Saal die viel gelobte Akustik bescheren, erreicht die obersten Reihen, verklingt im Nichts der Zeit.

Levit badet in der Musik, und ist auch ein politischer Künstler

Levit badet sichtbar, fühlbar mit seinem ganzem Körper in der Musik, die da entsteht, er entringt dem Klavier seine Töne oft tiefgebeugt in einer für ihn typischen, geduckten Haltung, weniger um Perfektion bemüht als um einen unverwechselbaren Ausdruck. Wenn das Orchester spielt, wippt er am Klavier mit dem ganzen Körper, blickt fasziniert hinüber zu den Streichern, zu den Bläsern. Er ist in diesem Moment ein Teil von ihnen, nicht der gefeierte Solist. Levit wirkt nicht wie ein Star, obwohl er es ist. Es entsteht im Teamwork ein Moment der Demut vor der Musik.

Über den Pianisten Igor Levit ist alles geschrieben und berichtet worden, es gibt sogar einen aktuellen Film über ihn und sein Wirken und Leiden während der Corona-Krise („No Fear“). Levit ist im Kulturbetrieb eine auch deshalb auffallende Erscheinung, weil er neben seinem Klavierspiel auf höchstem Niveau sich auch und dezidiert als politischer Künstler versteht. Er ist Mitglied der Grünen und war bis vor kurzem hochaktiv auf Twitter, das er zuletzt aber verließ. Im Film kann man ihn dabei beobachten, wie er unter freiem winterlichem Himmel Klavier spielt – als Ereignis der Solidarität mit den Klima-Aktivisten zum Erhalt des Dannenröder Forstes für den Bau einer Autobahn. Er kritisiert Antisemitismus und Rassismus. Er hat dafür viel Hass eingesteckt, aber auch große Solidarität erfahren. Er macht Podcasts und wirbt manchmal während eines Konzertes für seine politischen Ansichten. Man muss nicht jede davon teilen, aber man kann anerkennen: Igor Levit ist ein Künstler, der das tut, was eine Gesellschaft von guten Bürgern erwartet. Er nutzt seine Popularität, seine Öffentlichkeit, um für seine Meinung, für die Werte seines Landes, in dem er aufgewachsen ist, das ihm als gebürtigem Russen seine Heimat gegeben hat, einzutreten.

Die Dirigentin bleibt im Hintergrund. Ihre Stunde schlägt nach der Pause

Mirga Gražinytė-Tyla bleibt bei Levits Auftritt völlig im Hintergrund, nicht nur bildlich hinter dem Flügel, sondern auch beim Beifall, nachdem auch in diesem Konzert wieder die Schlussakkorde verhallt sind. Levit und Gražinytė-Tyla umarmen sich, längst rauscht und tobt der Beifall des Publikums. Aber während er die „Bravo“-Rufe schon hört, die vor allem ihm gelten, verneigt er sich vor dem Orchester. Erst dann wendet er sich herum. Als er aus dem Bühnenhintergrund zurückkehrt in das Bad der Begeisterung, bleibt er allein.

Die Dirigentin überlässt ihm die Bühne. Ihre Stunde schlagt nach der Pause. Dann wird sie den vielstimmigen Klangkörper des Orchesters zähmen und beherrschen. Kein Maestro, sondern eine junge, schmale Frau, klug und inspiriert, wird mit Energie und Fleiß den mehr als achtzig erfahrenen Frauen und Männern im Orchester, allesamt Vollprofis in ihrem Fach, die meisten älter als die Dirigentin, ihre eigene musikalische Idee abringen.

Es ist die gleiche Musik. Und doch …

Es ist die gleiche Musik wie vor dreißig Jahren, dargeboten auf höchstem Niveau, damals wie heute. Und doch ist es auch der Wandel der Zeit, den die Zuhörenden erleben. Wenn sie wollen, können sie diesen nicht nur hören, sondern auch sehen und spüren. Als das Konzert der Altmeister Celibidache und Benedetti-Michelangeli im Gasteig ausklang, war Mirga Gražinytė-Tyla sechs Jahre und Igor Levit fünf Jahre alt. Die Jugend hat übernommen, und sie verändert den Klang der Zeit.

 

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Versagen und Hoffnung in einer Männer-Welt

Zur Wiederaufnahme des „Siegfried“ an der Stuttgarter Oper

Diese Welt der Männer ist ein einziges, trostloses Grauen, innerlich wie äußerlich. Sie ist heruntergekommen, dreckig, verschlagen. Dort wächst Siegfried auf, der Held des dritten Abends im “Ring”, der gewaltigen, insgesamt vierteiligen Opern-Novela von Richard Wagner. Dieser Held ist zweifellos für sein ganzes Leben geschädigt. Siegfried ist ein Macho, umgeben von Machos.

Die psychologisch kluge Inszenierung des „Siegfried” an der Stuttgarter Oper erlebt in diesen Tagen ihre Wiederaufnahme und wird im Frühjahr 2023 Teil von zwei „Ring“-Zyklen sein, die am Eckensee zu sehen sein werden. Sie stammt aus dem Jahr 1999 und galt schon damals mit ihrer mutigen Bildsprache und tiefgreifenden Deutung des psychologischen Geflechts zwischen den Beteiligten als spektakulär. Sie hat nichts davon verloren.

Worum geht es?

Das Schwert entsteht: Siegfried, der ungeduldige Jugendliche, schmiedet sich seine unschlagbare Waffe. (Daniel Brenna als Siegfried; Foto: Martin Sigmund, bereitgestellt von Staatsoper Stuttgart

Alle diese Götter, Riesen und Zwerge sind voller individueller Traumata, durchtränkt von krankhaftem Machtstreben, gegenseitiger Abhängigkeit, Misstrauen und Intrige. Es ist weitgehend eine Männerwelt, gänzlich ohne Empathie, die sich in ihrer psychologischen Vielschichtigkeit einer kurzgefassten Inhaltsschilderung entzieht. Ein vereinfachender Versuch sei hier trotzdem unternommen:

Siegfried wächst als Findelkind im verlotterten Haushalt eines Ziehvaters auf, der mehr über dessen göttliche Herkunft weiß als Siegfried selbst, und darauf hofft, dass sein Schützling mit seinem testosterongesteuerten Hang zur Gewalttätigkeit ihm dereinst den berühmten Ring zur Weltherrschaft beschaffen wird. Dem jugendlichen Siegfried fehlt dafür allerdings noch eine Waffe, möglichst eine unbesiegbare. Sein Ziehvater, obwohl Schmied, bekommt sie nicht zustande, jedenfalls nicht so, dass sie den unkontrollierten Kräften des Jugendlichen Stand hält. Als der die Geduld mit dem schwächlichen Schmied verliert, hämmert er sich das gesuchte Schwert einfach selbst zurecht. Damit wandert er durch den Wald, um jenen Riesen zu erschlagen, der den Ring der Weltherrschaft besitzt und bewacht.

Ein Kettenraucher wartet, Wotan wandert

Allerdings ist die mit Stacheldraht umzäunte Stuttgarter Wohnstatt des Riesen umlagert von weiteren fragwürdigen Männern. Ein Kettenraucher wartet dort wie ein Kleinkrimineller auf die Chance, sich den Ring der Weltherrschaft abzugreifen, wenn der kräftige Siegfried den Riesen endlich erledigt hat. Und auch der allmächtige Göttervater Wotan lungert am Zaun herum, getarnt als „Wanderer“. Eigentlich will er sich künftig aus dem Weltgeschehen heraushalten, hat er doch schon erfahren, dass seine eigene ausgeprägte Prinzipienlosigkeit nichts als endlose Schuld, uneheliche Kinder und immer wieder neuen Streit produziert.

Siegfried, der Held mit Schwert, betritt also diese trübe Szenerie. Er provoziert das Riesenungeheuer und erdolcht es ohne lange Diskussionen. Seinen verhassten Ziehvater erledigt er gleich mit. Nun besitzt er alles, was ein Mann begehrt: eine unschlagbare Waffe und den Ring der Weltmacht.

Allein, was ihm fehlt, ist die Erfahrung der Liebe – kurz: Eine Frau.

Da hört er von der seit dem Ende der Oper “Walküre” auf einem Felsen dauer-schlafenden Brünnhilde. Diese hatte vor ihrer Straf-Einschläferung durch ihren Vater Wotan selbst den Wunsch geäußert, ausschließlich dann geweckt zu werden, wenn einst ein absolut furchtloser Held mutig genug wäre, den zu ihrem Schutz lodernden Flammenring zu überwinden. Siegfried hat keine Zweifel, dass er das ist, und bricht auf zum glühenden Felsen.

Das Versagen der Männer als Zusammenfassung

Fassen wir das Versagen der Männer bis dahin zusammen: Der Ziehvater hat niemals eine Beziehung zu seinem heldenhaften Findelkind aufbauen wollen, immer hatte er in ihm nur ein Werkzeug für seine eigenen Pläne gesehen. Siegfried hat eine Kindheit wie ein emotionaler Zombie und lehnt sich gewaltsam gegen diese Karikatur eines Pflegevaters auf. Der vorübergehende Besitzer des umkämpften Rings, der Riese Fafner, gibt den lächerlichsten Weltherrscher ab, den man sich vorstellen kann: als fauler, fetter Wurm hockt er schläfrig auf seinem Besitz, ohne jeden Gestaltungswillen, dumm und überheblich.

Eine trostlose Männerwelt am Stacheldraht: Matthias Klink (Mime), Daniel Brenna (Siegfried) Foto: Martin Sigmund, bereitgestellt von Staatsoper Stuttgart

Der Göttervater lässt der Gewalt ihren Lauf, setzt seine Allmacht nicht ein, um den fortdauernden männlichen Kreislauf aus Mord, Gier und Totschlag zu durchbrechen. Dabei hatte Wotan das ganze Übel in Gang gesetzt, weil er im ersten Teil der Serie, im „Rheingold”, die Riesen für den Neubau seiner eitlen Burg mit dem zum Ring geschmiedeten Schatz entgolten hatte.

Weltherrscher vegetieren in verfallenem Gemäuer

Die trostlose Welt, in der alle diese Männer ihr Unwesen treiben, ist in der Stuttgarter „Siegfried“-Inszenierung ein einziger Albtraum. Die wechselnden, selbstverliebten Weltherrscher vegetieren dahin in halb verfallenen Gemäuern und hinter löchrigen Zäunen, zerborsten sind die blinden Fensterscheiden, klapprig die Stühle, fleckig das Sofapolster. Tütensuppen bilden den Speiseplan, der Göttervater verbirgt sein mafiöses Wesen hinter einer billigen Sonnenbrille.

So also ist die deprimierende Lage nach fast drei Stunden auf der Stuttgarter Bühne, vor Beginn des 3. Aktes. Dann endlich tritt das Weibliche auf den Plan. Erst scheitert der Göttervater bei seiner Liebschaft Erda damit, sie in die Verantwortung für seine intriganten Pläne einzubeziehen. „Du bist nicht, was Du Dich nennst“, wirft sie dem gescheiterten Allmächtigen an den Kopf und wendet sich ab.

Der Held ist derangiert

Und dann endlich hat auch der kühne schöne junge Held Siegfried den Felsen der schlafenden Brünnhilde erreicht. Aber er ist derangiert. In den vergangenen Stunden hat er: erstens ein unbesiegbares Schwert geschmiedet, ist zweitens stundenlang durch den tiefen Wald gewandert und hat dort drittens ein Monster getötet, dabei viertens den Ring der Weltherrschaft für sich erobert. Nebenbei musste er noch fünftens seinen Ziehvater ermorden. Dann hat er sich – sechstens – noch eben durch das lodernde Feuer von Brünnhildes Felsen gekämpft. Verschwitzt und verdreckt dringt er in das wohlgeordnete Gemach der ersten Frau seines Lebens ein.

Das Ende ist zu schön , um es zu schildern …

Was dann passiert, ist in der Stuttgarter Aufführung des „Siegfried“ so schön geschildert, dass es sich zu erzählen verbietet. Zu erleben ist, wie das Ewig-Weibliche in uns allen mit sanfter Wucht hinwegrafft, einschmilzt, bedeutungslos macht, was dem Manne so wichtig erschien. Brünnhilde lässt das ganze übersteigerte Ego der Eitlen, die zerstörerische Gewalt der Machtmenschen, den Schrecken der Tyrannen und Bombenwerfer ganz wortwörtlich in der Schublade verschwinden.

Ach, wäre es schön, wenn die Welt so wäre. Aber wer wollte nicht dabei sein, wenn es doch geschieht? Auf in die Oper!

 

Dieser Text erhebt nicht den Anspruch einer Aufführungskritik. Mein Fokus liegt ausschließlich auf dem (kultur-)politischen Aktualitätsbezug von Werk und Inszenierung. Daher gibt es in diesem Text auch nur Bemerkungen zur Konzeption der Inszenierung, nicht zu den Leistungen von Sänger/innen und Orchester.

Gesehen habe ich die Generalprobe am 7. Oktober 2022. 

 

„Siegfried“ an der Stuttgarter Oper ist zu sehen am 10. März und 8. April 2023 jeweils als Teil von zwei „Ring“-Zyklen. Mehr Informationen zur Inszenierung auf der Webseite der Staatsoper Stuttgart: https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/a-z/siegfried/

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier, auch Texte zu den anderen Teilen des vierteiligen Stuttgarter „Rings“: Rheingold, Walküre und Götterdämmerung.

Über den schicksalhaften Stuttgart-Aufenthalt von Richard Wagner im Frühjahr 1864 habe ich ein Essay verfasst: „Aber wir haben den Daimler“.

 

Der junge Mann ganz links oben

Mahlers fünfte Sinfonie, anders gehört

Der junge Mann sitzt ganz hinten, ganz oben auf dem gestuften Podium, äußerste linke Ecke, und er liest. Er liest, während die Orchestermusiker nach und nach die Bühne füllen, während Streicher die schwierigsten Stellen noch einmal üben, während die Bläser ihre Backen aufblasen, dem Ton nachhören, der da zur Probe herausquillt aus Holz oder Metall.

Er liest noch immer, ganz teilnahmslos, als sich der Saal füllt, als neugieriges Publikum der Musik entgegenstrebt. Er liest auch dann noch, während das Orchester beim Stimmen den richtigen gemeinsamen Ton sucht. Dieser junge Mann muss nichts stimmen. Er blickt kurz auf, als der Dirigent beifallumrauscht das Podium betritt. Dann liest er weiter.

Gustav Mahler (Radierung von Emil Orlik, 1902)

Erwartungsvoll beruhigt sich der Saal, ein letztes Rascheln, schuldbewusst geduckt huscht der notorische Trödler, der das Klingeln überhört hat, herein. Zur Aufführung kommt die 5. Sinfonie von Gustav Mahler, ein monumentaler Klangrausch, fast eineinviertel Stunden lang.

Sie beginnt mit der Trompete, und diese kündet militärisches Unheil. Der Trauermarsch hebt an. Was für ein gebrochener Trauermarsch ist das! Keine Kompanie der Welt könnte danach voranschreiten, sie müsste verharren im Selbstzweifel. Immer weniger rhythmisch, immer dissonanter verirren sich die Töne. Hören wir das schmerzhafte Weltgeschehen unserer Zeit, hören wir Mariupol, Charkiw oder Cherson? Es sind ernste Zeiten.

Welches Buch liest wohl der junge Mann ganz hinten?

Nun, im zweiten Satz, schwingen sich Mahlers Töne auf zu einer erschütternden Welterzählung von Stolz und Trotz, von Kraft und Niedergang. Zu hören sind Widerstreit und Kampf. Fort sind die Zweifel des fragilen Trauermarsches, jetzt wird gefochten! Ein wogendes Hin und Her durchwalkt das Orchester, die Celli geben den Ton an, hetzen zusammen mit den Bläsern die Töne in den Kampf, in eine existenzielle Auseinandersetzung. Aller Klang mündet in dissonant chaotisches Getümmel. Schon tönen erste Fanfaren, schon scheint die positive Energie der Töne die Oberhand zu gewinnen.  Wird das schon der Sieg? Nein, dafür ist es noch zu früh. Mahlers Töne erzählen den ultimativen Durchbruch noch nicht, sie bleiben stecken in der Weite der Steppen und Felder, in der trostlosen Ebene dieser Schlacht. Ermüdet vom Stellungskrieg verlaufen sich die musikalischen Kampfmotive in der Weite, schrecken zurück vor der Größe ihrer Aufgabe, die Töne versickern im Boden, die Takte enden im Nichts. Es ist noch nicht so weit.

Das Publikum hüstelt, das Orchester atmet durch.

Den jungen Mann links oben geht das alles nichts an. Er liest.

Wer hält das aus, immer nur Streit, Kampf, Militär, Krieg, Waffen? Niemand. Es braucht auch Momente des privaten Glücks. Im dritten Satz flüchten sich die Töne bei Gustav Mahler ins Private. Ein wirbelndes sorgloses Tanzgeschehen entfaltet sich für die vom Kriegsgetümmel wunden Ohren der Zuhörer, ein fröhlicher Ländler, ein wild wirbelnder Walzer tränken das nach Harmonie dürstende Gemüt. Es ist ein Moment der Meditation. Wehmütige Lieder durchziehen die stille Weite der Musik, ein einsames Horn bläst in den Wald hinein, bringt die Ruhe der Abenddämmerung zum Klingen.

Der junge Mann links oben liest weiter.

Gibt es noch mehr auf dieser Welt als die Wahl zwischen Getümmel oder Rückzug? Ja gewiss, die Liebe. Gustav Mahler hat den vierten Satz seiner 5. Sinfonie als zartschmelzende Liebeserklärung an seine Frau Alma geschrieben. Im Saal zirpen die Harfen, säuseln die Streicher. Es ist schwebende, liedhafte Musik, und sie klingt im Pianissimo aus. Die schöne Alma verstand damals die Botschaft, und das Paar heiratete 1902 in Wien. Alma war 23 Jahre alt und damit 19 Jahre jünger als ihr weltberühmter Mann. Sie war eine geachtete Musikerin und seit Jahren eine von prominenten Künstlern umworbene Erscheinung der Wiener Kulturgesellschaft, hochgebildet und talentiert. Ohne die Begegnung mit Gustav Maher wäre sie vielleicht selbst eine berühmte Komponistin geworden. Der Meister fürchtete ihr künstlerisches Talent so sehr, dass er sich vor der Eheschließung von Alma versichern ließ, dass sie als seine Frau mit dem Komponieren aufhören würde. Alma fügte sich in dieses Schicksal, der Ehe taten solche Vorgaben erwartungsgemäß nicht gut.

Wie mag es um die Liebe stehen für den jungen Mann oben links?

Jetzt blickt er auf und hört hinein in die letzten verhallenden Töne. Dann blättert er lautlos um. Fast eine Stunde ist nun schon vergangen.

Nochmal hebt der Dirigent den Taktstock. Die Trompeten rufen zurück in den Kampf, verhalten noch am Anfang, aber dann steigert sich das musikalische Geschehen zum tosenden Finale. Vorbei ist die Phase des Privaten, vorbei das zerbrechliche Glück der Liebe. Jetzt geht es wirklich um den Triumph, die tönenden Soldaten ziehen hinaus und erringen den Sieg. Ihr dissonantes Schlachtengetümmel tobt mehr als zwanzig Minuten, schwillt ab und wieder auf, rennt an gegen die Bollwerke, die es zu überwinden gilt.

Dann ist die Entscheidung zum Greifen nah, die Widerstände erlahmen, alles geht über in ein sich ordnendes Zusammentosen der streitbaren Töne, es naht der ersehnte Gleichklang des Triumphs. Die Zuhörer halten den Atem an, weil sie wissen, dass jetzt gleich der finstere Krieg vorbei sein wird, dessen Zeugen sie hier sind. Dem ganzen Mühsal wird Jubel folgen.

Der junge Mann steht auf

Es ist dieser Moment kurz vor Schluss, in dem der junge Mann links oben das Buch zur Seite legt und aufsteht. Er greift sich einen bereitliegenden metallenen Schlegel und wippt sich hinein in den Takt der Musik. Noch ist er still, während das ganze Orchester walkt und tobt, der Dirigent die Streicher in den anschwellenden Klang peitscht, die Bläser fordert, die Celli und Bässe in ihren dunklen, sägenden Rhythmus treibt.

Der reguläre Schlagwerker des Orchesters, der sich nun schon seit mehr als einer Stunde neben seinem lesenden Kollegen abgemüht hat, die Trommeln des Trauermarsche geschlagen hat, mit Becken und Holzklappern dem Wirbel des Tanzes gedient und für den Rhythmus des Kampfes gesorgt hatte, greift nun, im Moment der anschwellenden Ekstase, zum Triangel. Sanft schlägt er es an, ganz sachte nur, und doch entlockt er damit diesem metallenen Dreieck, dem Mauerblümchen unter den Orchesterinstrumenten, das nur einen einzigen Ton erzeugen kann, genau diesen: ein erstes, hell glänzendes „Pling“. Sogleich erstirbt der Engelston wieder, aber ein weiteres zartes Anschlagen lässt es wieder aufleben, und dann noch einmal und noch einmal.

Es ist das Triangel, das die Musik glänzen lässt, das ein Glitzern in den Saal zaubert. Aber für Gustav Mahler war es noch immer nicht genug. Deshalb saß der junge Mann, ganz außen, links oben, die ganze Zeit bereit. Nun, dreißig Sekunden vor dem Ende des großen Werkes, greift er ein, er schlägt ein zweites Triangel an, wieder und wieder, und so glitzern sie doppelt, glasklar rein, winzig klein und doch strahlend hörbar im weiten Rund des Saales. Die beiden Triangel jubeln heraus zwischen Trompeten und Pauken, strahlen zwischen den Streichern und Bläsern, sie begleiten den Jubel des alles verschlingenden Schlussakkordes ins Ziel.

Dann ist Stille.

Der Beifall rauscht auf. Und er gilt auch dem jungen Mann links oben. Ein Mensch mit Geduld und Demut, einer, der sich nicht wichtig nimmt, und deshalb wichtig ist.

 

 

Das beschriebene Hörerlebnis war mir im Rahmen einer moderierten Probe gegönnt, die ich Anfang September 2022 im Haus der Rundfunks Berlin miterleben konnte. Es spielte das Radio-Sinfonie-Orchester Berlin unter Leitung von Vladimir Jurowski, der auch erhellende Erklärungen zu dem Werk gab, die ich verwendet habe.

Wer sich Mahlers Fünfte anhören möchte, kann das zum Beispiel hier tun (Luzern Festival Orchester unter der Leitung von Claudio Abbado, Aufnahme von 2004): https://www.youtube.com/watch?v=vOvXhyldUko . Im Netz sind zahlreiche Mitschnitte frei verfügbar. Man darf auch vor-scrollen auf die letzten Sekunden, um die beiden Triangel zu hören – zu sehen sind sie jedenfalls in dieser Aufnahme nicht nicht.

Dem Triangel und dem Schicksal der Triangel-Spieler im Orchester hat Georg Kreisler ein unvergessliches Lied der Wehmut gewidmet, das man nicht versäumen sollte: https://www.youtube.com/watch?v=deDqQn_x3sU

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier.

 

 

 

Die Schmetterlinge sterben überall

Über die Oper „Madame Butterfly“, derzeit auf der Seebühne Bregenz

Die junge alleinerziehende Mutter ist verzweifelt. Als Teenager hatte sie viel zu früh geheiratet und ein Kind zur Welt gebracht. Nein, sie war nicht dumm verführt worden, sondern war hemmungslos verschossen gewesen, verliebt in diesen prächtigen und mächtigen fremden Mann, aber auch in ihre eigene Hoffnung auf ein neues, ein spannenderes, anderes Leben außerhalb ihrer gewohnten Welt.

Die junge Frau träumt von einem besseren Leben in Amerika und glaubt an ihre Liebe. Aber sie wird enttäuscht werden. (Foto: Bregenzer Festspiele, Karl Forster)

Nun aber ist der Mann schon drei Jahre fort. Zurückgereist war er in sein Heimatland. Und es ist unklar, ob und wann er wieder zu ihr und dem kleinen Jungen zurückkehren wird. Schonend möchten Wohlmeinende der jungen Frau beibringen, dass weitere Hoffnung sinnlos ist. Der Mann ist weg, sie soll sich damit abfinden, sich der Realität stellen, einem anderen Leben zuwenden. Verarmt, müde, ausgelaugt von den Anstrengungen der ewigen Hoffnung schwankt die junge Frau. Ob es nicht wirklich besser wäre, diesem Rat zu folgen?

Im Moment des Zweifelns schlägt die Hoffnung zu

Aber da, in diesem Moment des Zweifelns, der möglichen Hinwendung zur bitteren Realität, des Abschieds von der schönen Illusion – da geschieht das Wundergleiche. Vom Hafen her klingt die Sirene eines Schiffs. Salutschüsse der Begrüßung ertönen. Mit bangem Blick entziffert sie in der Ferne den Schriftzug am Bug. Und ja, tatsächlich, es trägt den stolzen Namen und das Banner des Heimatlandes ihres so sehr herbeigesehnten Mannes!

Unfassbares Hoffnungsglück steigt in ihr auf. Der Strudel der Illusionen erfasst sie und reißt sie heraus aus der Verzweiflung. Ha, habe ich es Euch nicht gesagt!, triumphiert sie. Ihr ewigen Miesepeter, Ihr kalten Pessimisten!, schnauzt sie die verbliebene Schar ihrer Getreuen an. „Gerade in den Augenblick, da jeder gesagt hat: Weine und verzweifle!“ – gerade da kommt er zurück zu mir, zu meinem Kind, zu meiner Liebe, zu seiner Familie. Alles wird gut werden, wie ich es immer schon gesagt habe!

Aber sie irrt. Im weiteren Verlauf der Oper „Madame Butterfly“ von Giacomo Puccini erleben wir, dass es genau dieser Moment der Hoffnung ist, der die junge Frau erst recht hinabstürzen wird in den Abgrund enttäuschter Emotionen und auswegloser Trostlosigkeit. Zwar ist der Langerwartete tatsächlich an Bord dieses Schiffs. Aber er will nicht zu ihr zurückkehren. Er wird ihr das Kind nehmen, ihren stärksten Trumpf im Kampf um den Mann, damit er es in seiner Heimat erziehen lassen kann.

Auf der Seebühne gibt´s reichlich Kitsch und Klischees

Der Mann aus der Fremde in dieser Geschichte ist Amerikaner. Die Oper ist um 1900 entstanden, sie spielt in einer von Puccini (und seinen Librettisten und einigen Autoren vor ihm) nach westlichen Vorstellungen erdachten Karikatur eines traditionalistisch-rückständigen Japan. In diesem (und im nächsten) Sommer ist das Schicksal der Butterfly in einer Neuinszenierung auf der spektakulären Seebühne von Bregenz zu sehen, die mit ihren gewaltigen Ausmaßen so gar nicht geeignet erscheint für ein intimes Kammerstück, wie es die Liebes- und Enttäuschungsgeschichte der Butterfly eigentlich ist.

An Japan-Klischees wird nicht gespart auf der Seebühne. Die Bilder sind etwas für´s Auge, aber die Geschichte darf man auch zeitkritisch sehen und hören. (Foto: Bregenzer Festspiele, Karl Forster)

Die Inszenierung von Andreas Homoki auf der Seebühne gerät denn auch in vielen Szenen und Lichteffekten arg kitschig und lässt kein Japan-Klischee aus. Das mag eine notwendige Konzession an den Massengeschmack dieses Sommerspektakels sein. Trotzdem ist das Spiel auf der Riesenbühne, ihre technischen Effekte, die schiere Wucht des Großen also, ein eindrucksvolles Erlebnis. Hoch anzurechnen ist Homoki, dass er ganz bewusst und deutlich Puccinis Werk trotzdem nicht nur als romantisch enttäuschende Liebesgeschichte erzählt, sondern auch als das, was es ist: ein bitteres Märchen des Kolonialismus.

Das trügerische Liebesversprechen des Westens

Wer möchte, kann das Schicksal der „Butterfly“ also auch so wahrnehmen: Es geht es um hoffnungstrunkene Erwartungen in das trügerische Liebesversprechen des Westens, um die bedingungslose Hinwendung einzelner Schwächerer zum Stärkeren. Ängstlich fragt die junge Butterfly noch ihren fremden Mann, ob es in seiner Heimat nicht üblich sei, gefangene Schmetterlinge mit einer Nadel zu durchbohren und auf eine Tafel zu heften? „Damit er nie mehr flieht“, antwortet der Amerikaner.

So, wie sich die junge Butterfly im Rausch verzweifelter Hoffnung an die Ankunft des amerikanischen Schiffs klammert, so versuchten vor einem Jahr in Kabul Menschen im letzten Moment an Bord startender Flugzeuge zu gelangen, existenziell bedroht in ihrer enttäuschten Verbundenheit zu den abziehenden Amerikanern.

An unseren Versprechen sterben die Hoffnungen

Butterfly geht daran genauso zugrunde, wie die Hoffnungen der Menschen, die in den letzten Jahren die Werteversprechen des Westens zu ihrer Orientierungslinie gemacht haben. Aktuell sind es die Ukrainerinnen und Ukrainer, die sich auf unsere Versprechungen der Solidarität verlassen. Werden wir sie halten?

Wer diese Oper so hören kann, kann in ihr auch den unerschütterlichen Lebensmut der demokratie-gläubigen Aktivisten und Frauenrechtlerinnen in Belarus und Russland vernehmen, oder die Stimmen mundtot gemachter Kreativer, verbotener Künstler in China und anderswo, die allesamt darauf hoffen, dass die angeblich globalen, unveräußerlichen Menschenrechte ihnen als  Werteversprechen der Weltgemeinschaft ein rettendes Schiff sein mögen.

Es sind viele Mauern und Zäune in unserer Welt, viele Boote im Mittelmeer, Lager auf griechischen Inseln und anderswo, wo Menschen leiden und sterben an enttäuschten Hoffnungen, die wir geweckt haben. Und leider: Die Schmetterlinge sterben überall.

 

Die „Madame Butterfly“ auf der Seebühne Bregenz gibt es dieses Jahr noch bis 20. August nahezu täglich (nicht montags): https://bregenzerfestspiele.com/de/programm/madame-butterfly.

Eine ausführliche Inhaltsangabe und zur Werksgeschichte bei Wikipedia:  https://de.wikipedia.org/wiki/Madama_Butterfly

Weitere Texte zu Opern, in denen ich mich vor allem mit dem zeitkritischen bezu von Inszenierungen auseinandersetze finden Sie unter meiner Kategorie #Kulturflaneur, zum Beispiel über La Traviata von Verdi und alle vier Teile des Ring von Richard Wagner.

 

 

Rucksack und Rücksicht – Ein Reise-Essay

Hinaus in die Welt!

Es ist Sommerzeit, die Sonne scheint, mehr als es uns und der Natur guttut. Urlaub steht an, die „wertvollsten Wochen des Jahres“, wie eine Werbung einmal versprach. Viele sind unterwegs, und es ist ihre wohlverdiente Freiheit.

Hinaus in die Welt! – Ein großer Rucksack lässt über das Thema Rücksicht beim Reisen nachdenken.

Diese Reise startet in einem ICE: Dicht gedrängt sitzen die Fahrgäste der 2. Klasse. Kein freier Platz, genervte Stimmung, stickige Atmosphäre trotz Klimaanlage. Der vollbesetzte Zug rollt in den Bahnhof ein, einige wenige Passagiere steigen aus, viel mehr steigen ein. Die Neuankömmlinge quetschen sich im Gang aneinander vorbei, es herrscht erhöhte Unruhe. „Au!“ schreit eine Dame auf, kurz dimmt die Lautstärke im anrollenden Waggon herunter, alle schauen sich um, wenige haben etwas gesehen. Die Dame ist Opfer einer Drehbewegung geworden. Sie hat einen Schlag in die Schläfe erlitten.

Voll strahlender Freude eines sommerlichen Aufbruchs, …

Ein junger Mann mit schwarzem Bart im schmalen Gesicht und langen, zu einem lockeren Zopf zusammengebundenen Haaren, schaut sich um nach einem freien Platz, den es nicht gibt. Auch seine Begleiterin blickt wachsam in die Welt, neugierig, freundlich. Das junge Paar im Zug strahlt die ganze Freude aus, die einem sommerlichen Aufbruch innewohnen kann. Noch ein paar Stationen im ICE, nach Frankfurt-Flughafen, dort hinein in das Koloss für weltweite Mobilität, ein paar Stunden des Wartens und Schlangestehens, dann hinein in den Flieger, der sich mit aufheulenden Triebwerken von der Schwerkraft des Bodens lösen wird, nach Amerika, nach Australien, nach Afrika, wohin auch immer – hinaus in die Welt!

… die Welt im Blick, aber nicht den eigenen Rücken.

Jetzt aber haben beide schwere Backpacker-Rucksäcke auf dem Rücken. Sie haben die Welt im Blick, aber eine Wahrnehmung für den Radius, den ihre Rucksäcke raumgreifend erfordern, haben sie nicht. Vielleicht haben sie noch nicht einmal bemerkt, dass der Schmerzenslaut im nervösen Getümmel etwas mit ihnen zu tun hatte. Wenn doch, hätten sie sich bestimmt entschuldigt. Aber sie haben eben keinen Blick nach hinten – keine Rücksicht. Also reibt sich die Dame den Hinterkopf.

Es ist eine privilegierte Form von Freiheit, zum Vergnügen zu reisen

Es setzt voraus, dass man selbst in Freiheit lebt und es sich leisten kann. Milliarden Menschen können nicht aus Spaß unterwegs sein, weil der Staat es ihnen verbietet, oder weil sie zu arm sind, oder alt und krank. Millionen Menschen werden vom Schicksal zu einer „Reise“ gezwungen, weil sie fliehen müssen vor Hunger, Verfolgung, Vernichtung, aber sie kämen niemals auf die Idee, es so zu nennen. Andere können es sich mangels Bildung, oder weil ihnen ein angemessener Zugang zu Information fehlt, noch nicht einmal vorstellen, irgendwohin aufzubrechen. Der Reisbauer in Bangladesch oder der Tagelöhner in Indien kämpft täglich um seine Existenz und denkt nicht ans Reisen. Allenfalls fährt er manchmal im überfüllten Bus zu seiner Familie aufs Land.

Hinaus in die Welt! Der Motor röhrt potent, das Band der Straße flirrt frei und einladend in der Sonnenglut, das Gaspedal gedrückt, die nostalgische Tachonadel erreicht die 200. Vielleicht sind es die Eltern dieses jungen Mannes im ICE mit dem großen Rucksack, die jetzt gerade die Straße unter ihrem Porsche spüren. Draußen strahlt die Sonne, es herrscht Traumwetter, also das Cabrio-Verdeck zurückgefahren, frische Briese um die Nase.

30 Liter Super für eine Spritztour?

Sicher, man könnte zum Abendessen auch beim Italiener um die Ecke einkehren, aber bei diesem Wetter kann man doch auch zum See hundert Kilometer fahren, den Rausch der Geschwindigkeit einsaugen, den Fahrtwind in den Haaren spüren, das Plätschern des Sees hören, den vorbeiziehenden Fähren zugucken. Und dann, nach dem Essen beim Edel-Italiener am Seeufer, geht es zurück nach Hause in der anbrechenden lauwarmen Sommernacht. Dreißig Liter Super verbraucht für die abendliche Spritztour, in die Luft gepustet, das Klima geschädigt. Es war ihre Freiheit.

Dann kommen die Porsche-Eltern heim, zurück in ihre elegante Maisonette-Wohnung, trinken noch ein Glas Wein auf dem Balkon, den Blick auf die nachtglitzernde Stadt. Bald ruhen sie im komfortablen Boxspring-Bett und es ist Nacht, tiefe Nacht, und es sollte Stille sein.

Mit dem Moped um den Globus?

Ist es aber nicht. Unter dem offenstehenden Fenster, das die wohltuend kühle, sternendurchfunkelte Luft hereinströmen lässt, entfaltet sich blubbernd-heulender Krach. Den Lärm hat nicht jemand zu verantworten, der zu dieser frühen Stunde zur Arbeit eilen will. Es ist auch keine Sirene, weil irgendwer in der Not der Hilfe bedürfte. Nein, zu hören ist das Aufheulen eines Mopeds, einmal, wieder, nochmal. Zwei junge Männer stehen um das Gefährt herum, unterhalten sich zu dieser Unzeit lautstark über seine Leistung und Vorzüge, und zum Beweis von Potenz, ihrer eigenen und der des klapprigen Zweirades, lassen sie den Motor aufheulen. Wieder, jetzt wieder. Vielleicht will einer von ihnen morgen früh noch aufbrechen, hinaus in die Welt, mit dem Moped um den Globus- oder wenigstens ans Mittelmeer?

Es wäre seine Freiheit. Aber es gibt keine Freiheit, nachts zur Unzeit und ohne Not zu lärmen, denn es herrscht die gesetzlich bestimmte Nachtruhe. Wo bleibt also die Rücksicht?

Rücksicht begrenzt die Freiheit nicht

Rücksicht begrenzt die Freiheit nicht, sie ermöglicht sie sogar erst, denn ohne Rücksicht finden wir uns in einem kalten Land bösartiger Egoisten wieder. „Rücksicht bedeutet, die Freiheitsräume des anderen zu respektieren“, schreibt der frühere Benediktinermönch Anselm Bilgri. Rücksichtslosigkeit ist ein Krebsgeschwür, an der die Freiheit sterben kann. Sie bildet Metastasen, denn wer Rücksichtslosigkeit erlebt, versteht weniger, warum er selbst rücksichtsvoll sein sollte. Umgekehrt wirkt Rücksicht wie eine Impfung gegen die Kälte im Miteinander: Wer viel Rücksicht ausübt, wirkt ansteckend auf andere. Rücksicht ist eine Haltung, man kann sie durchgängig einnehmen, von früh bis Abend, in der Familie und Ehe, unter Nachbarn, beim Einsteigen in die S-Bahn, beim Verhalten im Restaurant, immer und überall. Rücksicht kostet nichts. Rücksicht macht glücklich.

Vielleicht brauchen wir im Sommer noch ein wenig mehr Rücksicht

Fast scheint es so, als bräuchten wir im Sommer, wir alle unterwegs sind und uns dabei ständig über den Weg laufen, da die Fenster offenstehen und uns mehr verbinden als trennen, noch eine Portion Rücksicht mehr, damit wir frei sein können. Denn es ist die Rücksicht der Stillen, die den Lärmenden ihre Freiheit erst ermöglicht, da wir sonst in einer unerträglich lauten Welt leben würden.

Gute Reise! Aber bitte mit Rücksicht.

Es ist die Rücksicht der Reisenden, ihre sommerliche Reisefreiheit so auszuleben, dass der Schaden für die anderen begrenzt bleibt. Vielleicht geht es ohne Flugzeug? Vielleicht reicht Tempo 100? Vielleicht lässt sich der Co2-Schaden wenigstens kompensieren? Denn auch der Reisende im Auto und Flugzeug profitiert von der Rücksicht der Alten und Kranken und Sesshaften, der Rad- und Bahnfahrer, die mit ihren Steuern helfen, dass eine Autobahn gebaut wurde und das Flugbenzin subventioniert wird.

Also gute Reise! Hinaus in die Welt! Aber bitte mit Rücksicht.

 

Den klugen Text von Anselm Bilgri über die Rücksicht finden Sie hier: https://anselm-bilgri.de/ruecksicht-eine-forderung-zuerst-an-sich-selbst/

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier. 

 

Mauersegler, könnt Ihr nicht bleiben?

Eine Fabel-hafte Idee für den nächsten Winter

Schon im Aufbruch, Ihr Mauersegler? So bleibt doch noch!

Wir brauchen Euer quirliges Leben so sehr im lichtblauen Äther dieses Sommers über den Häusern und Straßen und Plätzen unserer bedrohten Welt! Wir brauchen es so sehr, Euer Flirren und Kreisen, Euer ruheloses Tänzeln und Gleiten und Stürzen in unserer Luft. Uns steht ein Winter des Missvergnügens bevor – könnt Ihr uns nicht beistehen mit Eurem Fleiß und eurer Energie, Eurer mutigen Dynamik?

Noch seid Ihr da, Ihr rastlos flatternden und taumelnden Vögel. Im Frühjahr seid Ihr gekommen, und seither dreht Ihr Eure Kreise hoch über uns. Ihr seid zurückgekehrt in die gleichen Nischen und Höhlen unserer Gemäuer, in denen Ihr schon im Jahr zuvor gewesen ward. Oder dorthin, wo Ihr einst selbst aufgewachsen seid. Ihr seid zurückgekommen, und wir haben Euch staunend beobachtet: Wie Ihr in Treue Euer Zusammensein aus dem letzten Sommer wieder aufgenommen habt oder Euch ganz neu zusammenfinden konntet. Wie Ihr Euch neu geliebt, gebrütet, Euer neues Leben genährt habt. Wenige Wochen nur lag das Ei im Nest, wenige Wochen nur musste der kleine Mauersegler auf seinen ersten Flug warten. Als er endlich abhob, die traute Höhle seiner kurzen Kindheit verließ, dann war dieser Flug auch gleich sein bisher einziger gewesen, für Wochen und Monate, denn seither segelt und gleitet und schwingt er mit Euch durch unsere Lüfte, ist einer von Euch, einer über uns.

Mauersegler entfliehen der Kälte unseres Winters lange bevor er eintritt. Drei Monate sind sie unterwegs. Aber wir müssen bleiben, dabei könnten wir Ihre Dynamik, Ihre Ausdauer, ihre Energie so gut gebrauchen, gerade jetzt, da uns ein Winter des Missbehagens droht. Foto: Tomasz Kuran alias Meteor2017, CC BY-SA 3.0 <http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/>, via Wikimedia Commons

 

Immer in der Luft müsst Ihr sein. Ihr alle fliegt und kreist, Ihr bleibt im Flug, am Tag und in der Nacht, zum Schlafen wie zum Essen, einfach immer, denn das Fliegen ist Eure Heimat. Ihr dürft es nicht verlernen, immerzu zu segeln, zu gleiten, zu taumeln. Eure Brut muss es in wenigen warmen Wochen begreifen, sonst droht ihr der Tod.

Wie schön, dass Ihr noch da seid!

Noch dürfen wir Euch bewundern, wenn Ihr Eure luftigen Kapriolen schlagt, noch können wir dabei sein, wenn Ihr hoch hinaus steigt und dann tief hinab stürzt, voller Vergnügen und Kraft. Wir hören Euer Si-rii, si-rii,  anschwellend laut, wenn Ihr herabstürzt, leiser werdend, fast verschwindend, wenn Ihr Euch entfernt. Wenn wir unseren Kopf in den Nacken legen, hinaufschauen aus unseren staubigen, hitzeflirrenden Straßenschluchten, bestaunen wir Euch: Wie kunstvoll Ihr flattert im gleißenden Sonnenlicht, wie Ihr jubelnd die Thermik der Aufwinde erspürt. Wie Ihr Euch gegenseitig und Eurer flüchtenden Beute hinterherjagt im schwindelerregenden Flug, weit und hoch oben im Himmel, weit über unseren Köpfen, so hoch und wild, dass Eure ganze Lebendigkeit für unsere schwachen Augen oft kaum noch zu sehen ist, Eure wilden Flüge dann nur noch winzige schwarze Punkte sind vor dem Blau des Firmaments.

Und auch dann, wenn in den warmen Nächten unseres nördlichen Sommers der Julihimmel sich schwärzt, wenn die Unendlichkeit über uns dunkel zu glänzen beginnt wie poliertes Ebenholz, wenn keine Wolke zu sehen ist, aber die ersten Sterne ein schüchternes Funkeln wagen, wenn wir Menschen durchatmen, weil die Hitze nachlässt – auch dann suchen wir Euch. Dort, wo die Sonne verschwunden war, der Tag noch ein paar Minuten nachlebt in zartem Blau, dort kreist Ihr dann noch immer, geduldig und zäh im Training für Euren Flug in den Süden, Eurer Flucht vor der Kälte. Fern und leise, aus weiter Höhe, klingt Euer Si-riii, si-riii – es ist der Klang einer Ahnung.

Denn bald werdet Ihr bereit sein für Eure lange Reise.

Drei Monate werdet Ihr unterwegs sein. Der drohenden Kälte Eurer Brutplätze in unserem Winter entflieht Ihr rechtzeitig, klug und vorausschauend, entschlossen, noch lange bevor die Nächte länger und die Blätter traurig werden. Ihr braucht die Wärme für Euer schwebendes Leben. Mutig überquert Ihr die schroffen Spitzen der Alpen, deren ewiger Schnee längst zu schmutzigem Schorf verkümmert ist. Ausholend gleitet Ihr über das azurblaue Mittelmeer, in dem Menschen ertrinken, die auf der Flucht sind, so wie Ihr. Schlau nutzt Ihr die flirrende Hitze der Wüsten. Unbeachtet lasst Ihr die geschäftige Umtriebigkeit Arabiens unter Euch, wo der Reichtum von Wenigen in Form babylonisch glitzernder Türme dem Himmel entgegenstrebt, die doch nur auf die bittere Armut derjenigen weisen, die sie errichten mussten.

Mit ungezählten Flügelschlägen, getragen von Eurer Leichtigkeit und strengen Disziplin werdet Ihr über die dumpfen Nebel der üppig grünen, und doch sterbenden, tropischen Wälder von Afrika hinweg gaukeln, über die austrocknenden Steppen, bis Ihr den heißen Atem des Südens erreicht. Am Ziel seid Ihr dort, wo Atlantik und der Ozean von Indien sich begegnen, wo Ihr einen südlichen Sommer lang von den salzigen Lüften der großen Meere getragen werdet.

Mit instinktiver Geduld werdet Ihr dort warten, bis es wieder zurückgeht. Dann gleitet Ihr den ganzen Weg wieder nach Norden, zurück in unseren Frühling im verunsicherten, zerrütteten Europa der vagen Hoffnungen, zurück zu unseren alten Häusern und Euren Brutnischen.

Seit Jahrtausenden macht Ihr sie das so. Ihr seid über die Kriege hinweggeflogen, die wir geführt haben, bemerktet nichts vom Sterben mächtiger Dynastien und Weltreiche, habt flügelschlagend weggesehen, wenn unter Euch die Welt brannte, wusstet nichts von unseren Verbrechen und Abgründen, interessiertet Euch nicht für unsere Momente des Glücks und der Niedertracht.

Aber noch seid Ihr da.

Noch übt Ihr für Euren weiten Weg durch die Lüfte. Noch vertraut Ihr der Wärme unserer Städte, unserer Felder und Wälder. Noch kreist Ihr in den heißen Tagen und lauwarmen Nächten unseres Sommers.

Ach Mauersegler, könntet Ihr nicht bleiben?

Mehr denn je werden wir Eure Leichtigkeit brauchen, Euer Vertrauen in unsere Lüfte und Winde, Eure Treue zu unseren Häusern und Höhlen! Wir werden Eure Erfahrung brauchen im Aufspüren einer wärmenden Thermik, die uns trägt und schützt im nächsten kalten Winter. Könntet Ihr sie uns nicht lehren, Eure Klugheit und Zähigkeit im Umgang mit drohender Kälte, Eure Fähigkeit, sich zusammenzutun und gemeinsam so einen mühsamen weiten Weg in die Wärme zu wagen?

Wenn Ihr fortfliegt, fort von uns, dann werden wir zurückbleiben, festgenagelt am kalten Boden unserer heraufordernden Tatsachen, eingesperrt in den trägen Gewohnheiten unseres geborgten, oft sogar geraubten Wohlstandes.

Oder, Ihr Mauersegler, könntet Ihr uns nicht mitnehmen?

Vielleicht könnten wir von Euch etwas lernen über Demut und Ausdauer für einen langen Weg, über Geduld und Leichtigkeit und die unerschöpflichen Kräfte des Windes und der Sonne, die euch tragen?

Aber nein, wir könnten Euch nicht begleiten, viel zu belastet sind wir, viel zu wenig mutig, viel zu zaudernd. Wir würden palavern und streiten, statt Euren kräftigen Flügelschlag zu lernen, um voranzukommen. Eurer Freiheit würden wir misstrauen; sie würde uns Angst machen, scheuen würden wir all die Mühe der vielen tausend Kilometer, die Ihr gemeinsam auf Euch nehmt, ohne zu fragen, ohne zu diskutieren, ohne einen Anführer. Ihr gleitet in luftiger Selbstbestimmung der Wärme hinterher, statt faul und klagend herum zu hocken in einem goldenen Käfig, in dem es übel riecht nach Unfreiheit, Blut und Gas. Nein, leider, wir müssen hier bleiben.

Mauersegler, wie wird unser Winter wohl werden ohne Euch?

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Mauersegler leben mehr als 90 Prozent ihres Lebens in der Luft. Sobald ein Jungvogel das Nest verlassen hat, bleibt er fast zwei Jahre ohne Unterbrechung in der Luft und legt zweimal  die Strecke von Europa in den Süden Afrikas zurück, bevor er sich erstmals wieder niederlässt, um ein Nest zu bauen. Wer mehr über diese faszinierenden Vögel wissen möchte, kann sich z.B. hier informieren: https://de.wikipedia.org/wiki/Mauersegler#:~:text=Der%20Mauersegler%20(Apus%20apus)%20ist,Der%20Mauersegler%20ist%20ein%20Langstreckenzieher.

Zu diesem Text inspiriert haben mich u.a. auch die faszinierenden Fotos von Lothar Schiffler über die Flugbahnen von Mauerseglern: https://lothar-schiffler.de/home/

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Letzte Chance! Korallen in Baden-Baden!

Noch bis 26. Juni: Wie Politik und Kunst zu Schönheit werden

Stumm bewegt im Wasser der Tropen, in ihrer ungezählten Vielfalt und mit ihrem blendend-bunten Farbenreichtum sind sie ein großes Lachen. Eine wankende Orgie der Heiterkeit. Korallen lachen uns seit 500 Millionen Jahren an. Und sie lachen uns aus.

Das Problem ist nur: Uns, die Menschen, gibt es überhaupt erst seit 45.000 Jahren. Großzügig gerechnet.

Und die Zeitschrift „Koralle“, eine deutsche Vorkriegsillustrierte, die ihre Witzseite mit dem Spruch „Da lacht die Koralle“ überschrieb, die gibt es schon heute, weniger als 100 Jahren nach ihrem ersten Erscheinen im Jahr 1925, nicht mehr.

Korallen und die Ehrfurcht vor der Zeit

Gestrickte Korallen: Die ganze Vielfalt der tropischen Weltmeere spiegelt sich in der Phantasie der Korallen von Baden-Baden wider.

Korallen lehren uns also die Ehrfurcht vor der Zeit. Sie waren schon immer im Wasser, unvorstellbar lange schon, wir laufen auf den Resten ihrer Riffe herum. Auch in unseren Breiten, zwischen unseren Wäldern und Wiesen, hatten sich Korallenriffe gebildet, als dort vor Jahrmillionen einmal ein Meer gewesen war. Wir bauen darauf unsere Häuser und Straßen.

Wir landen auf ihnen mit dem Flugzeug. Bermudas und Bahamas heißen die Traumziele des Ferntourismus, zusammen etwa 1000 Inseln, allesamt gründen sie ihre tropische Pracht aus Palmen und Traumhotels auf abgestorbenen Korallenriffen. Jetzt geht es den Menschen darauf wie den Nesseltieren in den Tropen: Sie müssen fürchten, zu sterben. Die Korallen unter Wasser, die Menschen knapp darüber. Beide könnten bald Opfer des Klimawandels sein, der menschengemachten Erderwärmung, der abschmelzenden Gletscher, des ansteigenden Meeresspiegels, der skrupellosen Vermüllung der Meere.

Was hat das sterbende Great Barrier Reef …

Natürlich haben wir gehört vom sterbenden Great Barrier Reef, dem Weltwunder der Natur, einer Ansammlung von Tausenden Korallenriffen an der australischen Nordostküste, die zusammen eine Länge von unglaublichen 2.300 Kilometern bilden, ein lebendiger Lebensraum im Wasser, sogar von der Raumstation ISS aus erkennbar.

Sehr bedauerlich, aber weit weg! Hat das Sterben der Korallen etwas mit uns zu tun, in diesem Frühling, in dem wir hierzulande auf festem Grund aus hartem Felsen unter den blühenden Bäumen in den Cafe´s sitzen? Wenn wir – beispielsweise – im lasziv-prächtigen Kurpark von Baden-Baden einen sündteuren Eiskaffee schlürfen und uns zwischen Krieg und Klimakrise den Luxus leisten, über das nächste Wohlstandsabenteuer nachzudenken?

… mit uns zu tun?

Hier ein Vorschlag: Wenige Meter weitergehen, zur Kunsthalle Frieder Burda, einem modernen Schmuckstück im mondänen Kurort der Könige und Kaiser, im Weltkulturerbe mit angeschlossener Spielbank. Dort kann und sollte man (nur noch bis 26. Juni) die Korallen von Baden-Baden besuchen. In ihrer ganzen unfassbaren Vielfalt, in ihrer spielerisch überraschenden Heiterkeit sind sie zu besichtigen.

Wild, ungebändigt, wuchern sie an den badischen Wänden entlang, sprießen schwarz-glänzend in die Höhe; ihre Formenvielfalt treibt Schabernack mit unserem Auge, lädt uns ein zu einem unvergleichlich prächtigen Spektakel der Farben und Formen, unfassbar vielfältig, variantenreich, knallbunt. Die Korallen verhöhnen unseren Ordnungssinn, unsere Phantasielosigkeit und unsere formale Strenge, sie spotten über unsere excel-Tabellen, unsere Verwaltungsvorschriften und sauber gezirkelten Maschendraht-Gärten.

Ein atemberaubendes Kunstprojekt

Ein demokratisiertes Kunstprojekt: Mehr als 4000 Menschen haben mitgestrickt und -gehäkelt an den Korallenriffen von Baden-Baden.

Die Korallen von Baden-Baden sind ein atemberaubendes Kunstprojekt. Sie sind natürlich keine Tiere, sondern demokratisierte Kurzwaren-Kunst. Zu verdanken haben wir es den australischen Künstlerinnen Margaret und Christine Wertheim. Sie wollen das Bewusstsein der ganzen Welt für die sterbende Pracht der tropischen Meere schärfen. Überall auf der Welt sollen nachgebildete, künstlerisch gestaltete Korallenriffe aus Stoff und Garn entstehen. Tausende Menschen, Initiativen, Kindergartengruppen, Schulklassen, Strickvereine, Senioreneinrichtungen, ganze Familien auf der ganzen Welt stricken und häkeln seither künstliche Korallen in ihrer ganzen wilden, bunten Vielfalt. Unter der künstlerischen Leitung der beiden Schwestern werden sie in textile Riffe zusammenkomponiert.

Das Ergebnis kann man in Baden-Baden besichtigen. Für das „Baden-Baden Riff“ haben 4000 Beteiligte mitgestrickt und -gehäkelt, alle namentlich aufgeführt in endlosen Namenszeilen auf weißer Wand. Paketweise schickten sie ein Jahr lang Korallen-Handarbeit an das Museum: Kleine, winzige, große, gewaltige, lange, runde, schlangenförmige, ein- und vielfarbige. Kreativ gestaltet wurden daraus Korallenriffe, Orgien der Phantasie, durch die man hindurchgehen kann, ohne nass zu werden.

Ein schriller Hilfeschrei in der Lautlosigkeit

Stumm sind diese Korallen, so wie ihre lebenden Vorbilder. Aber sie sind starr, sie wiegen sich nicht im Wasser der südlichen Weltmeere und mahnen uns mit ihrer Unbeweglichkeit an unsere eigene Zerstörungsenergie. Geduckt unter einem Plastik-Müllberg, der im Eingangsbereich mahnend von der Decke hängt, wandelt der Besucher durch die die ganze bunte tote Pracht der Textil-Riffe von Baden-Baden, und kann den schrillen Hilfeschrei dieser uralten Lebensform trotz aller Lautlosigkeit hören.

Wenn die Korallen verblassen, sterben sie ab. Weiße Korallen sind ein Hilfeschrei.

Korallen sind Lebewesen, und daher sterben sie, schon seit Jahrmillionen und ganz ohne menschliche Einwirkung. Steinkorallen, welche die großen Riffe bilden, geben ihrem Tod einen Sinn, denn der Kalk der abgestorbenen Korallen-Generationen bildet die Lebensgrundlage für die jungen, nachwachsenden, dann lebenden, bunten Korallen. Dieser ständige Regenerationsprozess lässt Riffe wachsen und erhält die Vielfalt der Korallen. Wenn aber keine jungen Korallen mehr entstehen, dann stirbt das Riff, die letzte Generation der Tiere verliert ihre Farbe. Die sterbenden Riffe nehmen einen fahl-weißlichen Ausdruck an. Auch solche Riffe sind in gestrickter Form zu sehen in Baden-Baden. Hier lacht keine Koralle mehr.

Mehr Informationen zur Ausstellung im Museum Frieder Burda finden Sie hier: https://www.museum-frieder-burda.de/ausstellung.php

Über Geschichte, Vielfalt und Wesen von Korallen habe ich mich hier informiert: https://de.wikipedia.org/wiki/Koralle

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Aber wir haben den Daimler

Die fünf Tage von Richard Wagner in Stuttgart

Über die besondere Magie der Begegnung von Richard Wagner und der Stadt Stuttgart im Jahr 1864 hätte man sich natürlich schon viel früher informieren können. Sie ist offen nachlesbar in den Biografien über den Komponisten, und echte Wagnerianer kennen sie längst.

Trotzdem sei sie hier noch einmal kurz erzählt: Fünf Tage hat sich der schwierige Charakter in Stuttgart aufgehalten, vom 29. April bis 3. Mai, und er befand sich in einer katastrophalen Situation. Zwar hatten seine Werke durchaus Aufmerksamkeit in ganz Europa gefunden, und auch eine umstrittene Bekanntheit hatte sich Wagner bereits erarbeitet. Aber wo auch immer der stürmische Mensch in Erscheinung trat, gab es Ärger. Sachsen hatte er fluchtartig verlassen müssen, da ihm aufrührerische Aktivitäten vorgeworfen wurden. In Wien hatte er Schulden gemacht, die er nicht ausgleichen konnte, auch nicht mit Hilfe von Gönner(inn)en. Auch Wien musste er also auf schnellstem Wege hinter sich lassen, die Gläubiger im Nacken.

Wagner in Stuttgart: Ein Missionar in eigener Sache, sperrig, von künstlerischem Schöpfergeist besessen redet er auf das schwäbische Volk ein. (Szene aus dem Stadtspaziergang der Oper Stuttgart zur Ankunft Wagners in Stuttgart, Darsteller: Peer Oscar Musinowski, Schauspiel Stuttgart)

Verarmt, unerreichbar verliebt, obdachlos

Verliebt hatte er sich auch noch, ungeschickterweise in die Ehefrau Cosima seines Freundes und wesentlichsten Förderers, Hans von Bülow, wobei für Wagner keine relevante Rolle spielte, dass er bereits seit 28 Jahren, wenn auch aus seiner Sicht unglücklich, verheiratet war. Wagner lebte auf der Flucht vor seiner eigenen Vergangenheit, auch vor den Folgen seines ungestümen, oft rücksichtslosen Charakters. Zu seiner Frau Minna in Dresden konnte er aus politischen Gründen nicht zurück und wollte es auch emotional nicht.

Er war ein Obdachloser, verkaufte Teile seines Hausstandes und bei Konzertauftritten und Reisen erhaltene Gastgeschenke, um wenigstens die Hotelrechnungen bezahlen zu können. Seine Förderer zogen sich vor dem wilden, ungebändigten Geist dieses Mannes zurück und signalisierten wachsenden Widerwillen, ihn bei sich aufzunehmen.

„Ich bin am Ende!“

In dieser Lage kam Richard Wagner am 29. April 1864 nach Stuttgart. Logis nahm Wagner – ohne dafür zahlen zu können – im damaligen Hotel „Marquardt“ neben dem alten Bahnhof. Am Neckar hatte er noch einen Freund, den Kapellmeister der württembergischen Hofkapelle, Karl-Anton Eckert. Der versprach ihm nicht nur Kost, er wollte auch den Kontakt zum Intendanten des Hoftheaters herstellen. Seinen Freund Wendelin Weißheimer, der ihn in Stuttgart aufsuchte, und mit dem er die „Meistersinger“ fertigstellen wollte, begrüßte er mit den Worten: „Ich bin am Ende!“ Und der befreundeten Schriftstellerin Eliza Wille schrieb er aus Stuttgart an den Zürichsee: „Freundin, Sie kennen den Umfang meiner Leiden nicht, nicht die Tiefe des Elends, das vor mir liegt.“

Ein Festspielhaus im Kurpark?

Wagner hoffte in höchster Not, in Stuttgart Aufführungschancen zu erhalten, vielleicht einen Vorschuss, der ihn über die nächsten Wochen retten könnte. Welche Wendung hätte das Stuttgarter Kulturleben nehmen können, wenn es zu einem Engagement Wagners am Neckar gekommen wäre? Vielleicht stünde dann jetzt das Festspielhaus nicht auf dem Hügel in Bayreuth, sondern im Kurpark von Bad Cannstatt?

Erfolgreiche Abwerbung: In diesem Gebäude am Stuttgarter Schlossplatz fand das Gespräch zwischen Richard Wagner und dem Emissär von Ludwig II. statt, das den Komponisten vor dem Ruin rettete. jetzt ist es das „Hotel Utopia“ der Oper Stuttgart.

Aber es kam anders. Ohne dass Wagner etwas davon ahnte, reiste ihm bereits seit zwei Wochen auf seinen wilden Fahrten durch halb Europa ein Mann hinterher. Er hatte einen prominenten Auftraggeber. Der bayerische König Ludwig II., gerade erst auf den Thron gelangt, ein „Jüngling von bedenklicher Schwermut und Menschenscheu, schön, dunkeläugig und homophil“ (so Martin Gregor-Dellin in seiner Biografie über Richard Wagner) hatte als 15jähriger den „Lohengrin“ gesehen und war seither besessen davon, Richard Wagner kennenzulernen und zu fördern. Nun, als König, hatte er auch Macht und Mittel dafür. Er ließ nach Wagner fahnden.

In Stuttgart spürte der bayerische Abgesandte Franz von Pfistermeister das unmittelbar vor dem Ruin stehende Genie auf und informierte den Staunenden über die Anbetung durch den jungen König. Er habe den Auftrag, Wagner sofort nach München zu bringen und dem König persönlich vorzustellen.

Ein gemachter Mann – von einem Tag auf den anderen

Und so kam es. Noch am selben Tag, dem 3. Mai, nachmittags um fünf bestieg Wagner zusammen mit Pfistermeister den Zug von Stuttgart nach München, überwand die Alb, überquerte die Donau, dampfte an Augsburg vorbei und eilte schließlich in die Münchner Residenz. Wagner war von diesem Tage an ein gemachter Mann, er hatte keine materiellen Sorgen mehr, denn für sein Auskommen sorgte der junge König. Beide bezahlten dafür einen Preis, massive Ablehnung und persönliche Demütigungen kosteten dem kranken König schließlich das Leben und Wagner musste aus München nach Bayreuth flüchten.

„Grünliche Dämmerung“ über den Hügeln des Kessels …

An Hügeln hätte es nicht gemangelt, aber hätte Stuttgart ein Wagner-Festspielhaus geschmückt? Wäre die protestantische Stadt bereit gewesen für die Kunst des romantisch-barocken Wagner? Der Kulturflaneur darf skeptisch sein. Die Oper Stuttgart nähert sich dieser Frage mit dem durchaus anspruchsvollen Film über die Stuttgarter Tage von Richard Wagner. Es ist eine sehr schwäbische Antwort. Der Film trägt den Titel „Grünliche Dämmerung“, und lässt schon allein damit allen politischen Spekulationen Raum. Er dauert etwa eine halbe Stunde, erfordert Humor und Aufmerksamkeit, und am Ende geht man hinaus und denkt sich: Vielleicht ist es besser, dass er nach München weitergezogen ist. Wir haben den Daimler und die Mineralbäder.

 

Inspiriert zu diesem Text hat mich das Frühjahrsfestival der Oper Stuttgart mit dem Titel „Hotel Utopia – Richard Wagners fünf Tage am Neckar zwischen Ruin und Rettung“, insbesondere auch der geistreiche und sehr sinnliche Stadtspaziergang zu Wagners Ankunft in Stuttgart (vom 18. Mai 2022). Das Programm des Frühjahrsfestivals dauert noch bis 22. Mai: https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/a-z/hotel-utopia/

Zum Film „Grünliche Dämmerung“ gibt es derzeit auf Youtube nur den Trailer:  https://www.youtube.com/watch?v=hfcKtGDNezM Über das weitere Schicksal des Films außerhalb des Frühjahrsfestivals wurde noch nicht entschieden.

Die biografischen Daten verdanke ich unter anderem der exzellenten Biografie von Martin Gregor-Dellin über Richard Wagner: https://www.piper.de/buecher/richard-wagner-isbn-978-3-492-30187-9

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Was von Wagner bleibt ….

 

„Sie dürfen!“ – Ein Wort hat Konjunktur

Eine sprach-politische Betrachtung über das Wort „Dürfen“ in einer freien Gesellschaft

„Das wird man doch noch sagen dürfen“, schnauzt der Querdenker in die bereitstehenden Mikrofone der angeblichen „Lügenpresse“ – und unterstellt mit seiner Formulierung, dass es ihm irgendjemand verboten hätte, seine schräge Sicht der Dinge zu formulieren.

„Ich darf doch wohl anderer Meinung sein als Du“, ist der ultimative Schlusspunkt mancher innerfamiliären Auseinandersetzung, als ob die Freiheit der Meinung in Frage gestellt worden wäre – und nicht die Stichhaltigkeit des Arguments.

„Sie dürfen schon mal Ihre Karte reinstecken“, sagt die Supermarkt-Kassiererin zum solventen Kunden, der seinen Einkauf bezahlen will.

„Sie dürfen sich erstmal ins Wartezimmer setzen, es dauert noch einen Moment“, erteilt die Assistenz in der Hausarztpraxis dem schmerzgeplagten Patienten die hoheitliche Erlaubnis zum Hinsetzen.

Das Dürfen hat Konjunktur

Die „Dürfen“-Kurve in der deutschen Sprache seit 1946: Ein Wort hat Konjunktur. Seit 2016 geht die Wortverwendung besonders steil nach oben. Quelle: DWDS-Wortverlaufskurve, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, abgerufen am 20.4.2022.
Der historische Höhepunkt für das „Dürfen“ in der deutschen Sprache lag in der Zeit des Nationalsozialismus. (Datenbasis unterschiedlich zur Statistik ab 1946) Quelle: DWDS-Wortverlaufskurve für „dürfen“, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, abgerufen am 20.4.2022.

Das Dürfen hat Konjunktur. Das ist nicht nur ein Gefühl, sondern sogar messbar. Die Wortverlaufskurve des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache (DWDS) zeigt steil nach oben, wenn es um das Dürfen geht. Die vermeintliche Erlaubniserteilung wird im Deutschen heute so viel verwendet wie seit der Zeit des Nationalsozialismus nicht mehr. Der statistische Wert von heute übertrifft sogar den damalige Dürfen-Terror. Das steht als sprach-politische Botschaft donnernd im Raum, auch wenn die unterschiedliche Datenbasis der Zeiträume einen solchen Vergleich aus wissenschaftlicher Sicht ausdrücklich nicht erlaubt.

Die Wörter-Statistik kommt erwartbar komplex zustande – kurz zusammengefasst sieht sie so aus: Ausgewertet werden zigtausende schriftliche Dokumente aus Belletristik, Zeitgeschehen, Zeitungen und Zeitschriften, und – seit es sie gibt – auch elektronische Medien. Das Dürfen hatte seinen Beliebtheitshöhepunkt in der deutschen Sprache zwischen 1930 und 1939 – und jetzt wieder. Vor allem seit 2016 steigt die Verwendungskurve für das Wort „Dürfen“ wieder steil nach oben.

„Mein schönes Fräulein, darf ich´s wagen?“

„Er darf hereinkommen“, sagte in vergangenen Zeiten der Despot zum Bittsteller, den er noch nicht mal für würdig erachtete, ihn direkt anzusprechen. Der Fürst saß und der Bittsteller durfte in der Regel stehen, was immerhin eine Parallelität zur Situation an der Supermarktkasse sein dürfte.

„Mein schönes Fräulein, darf ich´s wagen,“, lässt Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) seinen Faust das Fräulein fragen, „meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?“, in einer geradezu herzzerreißend verliebten Mischung aus direkter und indirekter Ansprache. Hier ist klar: Der höfliche Herr ist ein gut erzogener Bittsteller, das junge Fräulein erlaubt ihm, ihr den stützenden Arm zum Spaziergang zu reichen. Die Erlaubnis zum Dürfen wird nicht ungefragt erteilt.

Nach dieser Ordnung wäre es richtig, wenn der Kunde im Supermarkt fragt: „Darf ich schon loslegen mit der Karte?“ und die freundliche Kassenkraft antwortet: „Ja, Sie dürfen!“ Ach, da hört man doch schon das geschundene Discounter-Personal im Chor dem Autor zurufen: „Sie dürfen sich mit Ihren Spitzfindigkeiten gerne mal einen Tag an diese Kasse setzen!“ – was auch wieder im Wortsinn korrekt wäre, denn die Erlaubnis dazu wäre zweifellos vorab entsprechend von denjenigen zu erteilen, die da immer sitzen.

„Dürfen“ steht für Erlaubnis, Bitte, Aufforderung, Befürchtung

Ein Blick in das bereits zitierte Wörterbuch lehrt, dass die Bedeutungsvielfalt des Dürfens deutlich über die klassische Erlaubnis hinausgeht. Es darf auch als ethisch intendierter Imperativ gemeint sein: „Du darfst keine Tiere quälen!“ Auch der Ausdruck einer Bitte ist erlaubt – allerdings eher in verneinender Form: „Das darfst du bitte dem Vater nicht sagen …“, eine Befürchtung darf formuliert werden „Der VfB darf auf keinen Fall absteigen!“, oder in Verbindung mit dem Konjunktiv eine Wahrscheinlichkeit: „Morgen dürfte es regnen“. Die Varianten des Dürfens sind vielfältig, und so verneigen wir uns vor all jenen Menschen, die nicht von der Kindeswiege an in unserer wunderbaren Sprache aufwachsen konnten und die vielfältig unterschiedlichen Einsatzmöglichkeiten des Dürfens als Erwachsene bei vollem Bewusstsein erlernen müssen.

In den 70er-Jahren war „Dürfen“ nicht in Mode

Der statistische Tiefpunkt bei der Wortverwendung des Dürfens lag übrigens im Jahr 1977. Das war eine Zeit, in der die Studenten-Revolutionäre von 1968 den Marsch durch die Institutionen erfolgreich begonnen hatten. Eine sozialliberale Regierung bestimmte über Deutschlands Schicksal und musste sich mit dem Schrecken des RAF-Terrorismus herumschlagen. Die Überwindung des „Muffs unter den Talaren“ war im Gange. Es ging um Emanzipation und gegen die Atomkraft, drei Jahre später wurde in Westdeutschland die grüne Partei gegründet. Es war eine Zeit, in der mehr über das Wollen und das Können diskutiert wurde. Etwas zu „dürfen“, das war nicht up to date.

Seither klettert die Nutzungskurve des Dürfens wieder dauerhaft nach oben. „Wir haben sogar an einer Bundestagssitzung teilnehmen dürfen“, sagt der Oberstufenschüler nach der Berlinreise seiner Schulklasse, wobei sich die Frage stellt, ob er das in einer öffentlichen Sitzung nicht immer hätten tun können, wenn er es denn gewollt hätte. Oder er hätte die TV-Übertragung anschalten dürfen.

Sensibilität für unsere Werte ist gefragt

Alles nur sprachliche Petitessen? Nein, Ausdruck einer Geisteshaltung. Das „Dürfen“ setzt in allen geschilderten, alltäglichen Zusammenhängen voraus, dass es einer Erlaubnis dafür bedürfen würde. Das ist nur in den wenigsten Fällen so gegeben. In einem freiheitlichen Staat darf jeder alles sagen oder tun, auch jeden noch so großen Unsinn, wenn er nicht nach den Gesetzen unseres Landes anderen schadet, sie beleidigt oder offensichtlich lügt. Die empörte Betonung „Das darf man doch wohl noch sagen!“ ist deshalb eine Herabsetzung hoher Werte unserer individuellen Freiheit, weil sie unterstellt, da sei etwas nicht erlaubt.

Sensibilität für diese unsere Werte, die übrigens gerade in der Ukraine mit Menschenleben gegen einen Angriff verteidigt werden, ist auch im Alltag nicht fehl am Platz. Der Kunde „darf“ nicht an der Kasse zahlen, sondern er muss. Der Patient „darf“ sich nicht ins Wartezimmer setzen, sondern er soll es, weil Frau Doktor noch zu tun hat, was ja völlig in Ordnung ist. Und das Herumstehen im Gang verträgt sich nicht mit dem Datenschutz. Es ist also keine höfliche Erlaubnis, sondern eine sinnvolle Aufforderung, gedeckt durch das Hausrecht.

Und diesen Text, den dürfen die geschätzten Leserinnen und Leser nicht lesen oder hören, weil der Autor es erlaubt, sondern weil sie es wollen.

„… aber dürfen hab´ ich mich nicht getraut!“

Was ist das für eine Gesellschaft, in der die Grenzen zwischen Wollen, Müssen, Können und Dürfen immer weiter verschwimmen, sich verrühren zu einem schlierigen Einheitsbrei? „Mögen hätt‘ ich schon wollen, aber dürfen hab´ ich mich nicht getraut“, formulierte der Münchner Künstler Karl Valentin (1882-1948) sehr treffend.

Also bitte, hier ein Appell an alle selbstbewussten Menschen in einer freiheitlichen Gesellschaft: Flatten the „Dürfen“-Curve! Wer etwas mag, kann es wollen und muss es nicht dürfen.

 

Die zitierte Wortstatistik zu „Dürfen“ finden Sie hier: https://www.dwds.de/wb/d%C3%BCrfen#:~:text=Mehr-,d%C3%BCrfen%20Vb.,haben‚.

Um Karl Valentin geht es auch in meinem Text zum Valentinstag. 

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