Violetta könnte leben

Zur Oper „La Traviata“ von Giuseppe Verdi

Wie wäre das Leben der jungen Frau verlaufen, wenn sie nicht schon als junges Mädchen hätte arbeiten müssen in einer Spelunke auf dem Land? Wenn sie sich nicht als 15-jährige als Dienstmädchen in Paris verdingt hätte, damit sie ihren Eltern nicht länger auf der Tasche lag? Es war die blanke Tristesse ihres jungen Lebens, aus der sie sich befreien wollte, als sie begann, ihre Schönheit zu verkaufen. Fortan war sie abhängig von den Männern, die sich mit ihr schmücken wollten, sie verehrten und benutzten. Wie die Motten umschwirren die Männer der Gesellschaft in der Inszenierung von Andreas Homoki diese schöne Frau im prächtigen weißen Kleid schon gleich zu Beginn auf der spiegelglänzenden Bühne der Oper am Rhein in Düsseldorf: gierig, lüstern, besitzergreifend.

Noch dazu ist die schöne Frau sterbenskrank. Marie Duplessis hat bis 1847 in Paris gelebt und war das historische Vorbild für die Oper „La Traviata“ mit der suchtauslösenden Musik von Guiseppe Verdi zu einem Libretto von Francesco Maria Piava. Sie starb mit 23 Jahren an Tuberkulose. Nach ihr hat Alexandre Dumas den Roman „Die Kameliendame“ verfasst, dessen Schauspielfassung Verdi in Paris selbst gesehen hatte und sich damit von diesem Stoff anregen ließ zur „Traviata“ – „der vom Weg abgekommenen“.

Violetta stirbt auch an gesellschaftlichen Verhältnissen

Hin- und hergerissen zwischen Luxus und Todesgewissheit: Violetta und Alfredo in „La Traviata“. Foto: Birgit Hupfeld, bereitgestellt von Deutsche Oper am Rhein

Also ist auch Verdis Violetta am Ende des Opernabends tot. Sie stirbt an ihrer damals unheilbaren Erkrankung, aber auch an den gesellschaftlichen Verhältnissen, die der Gefallenen keinen sozialen Aufstieg erlauben. Die es den Männern leicht machen, die Frau in ihrer Mitte herumzuschubsen zwischen Eifersucht, Eitelkeit, Zorn und Demütigung. Schließlich aber stehen sie alle ratlos herum um das Totenbett. Das Finale der Oper „La Traviata“ hat nur wenige Takte, aber es zählt szenisch wie musikalisch in seiner vorwurfsvollen Endgültigkeit zu den wuchtigsten, stärksten musikalischen Momenten, die Musiktheater erzählen kann. Denn in diesem Moment des Todes, der eigentlich nach Stille verlangt, schlägt die Musik mit voller Wucht zu. In fünf kräftigen Orchestertutti haut Verdi wie mit der Faust auf einen apokalyptischen Tisch:  Wumm – wamm – wumm – wamm – dann ein Trommelwirbel – ein längerer Verzweiflungsschrei in Musik und schließlich ein letzter, alles mitreißender Donnerschlag, der diese ratlosen Männer hinwegfegt, sie alle hineinreißt in den Abgrund des Schicksals, und uns alle gleich mit.

Diese Opernszene gibt es auch in „Pretty Woman“

Was für eine Magie der Töne! Vielleicht aus diesem Grund hat es genau diese Schlussszene in den Film „Pretty Women“ geschafft. Die erste Opernerfahrung der schönen (von Julia Roberts gespielten) Prostituierten Vivian rührt diese zu Tränen. Denn es sind trotz aller Verzweiflung Momente der Erlösung, die sich nach jeder Vorstellung von „La Traviata“ Bahn brechen und Stürme der Begeisterung auslösen, oft schon in die letzten Klänge des wuchtigen Finales hinein. Es ist eine Erlösung darüber, dass dieser emotional-romantische Albtraum ein Ende hat. Violetta ist tot, und der Tod ist immer ungerecht. Aber wir dürfen leben!

„La Traviata“ ist eine der meistgespielten Opern der Welt, eine „sichere Bank“ für jeden Opernintendanten. Opernanfängern wird häufig geraden, mit der „Traviata“ zu beginnen, sich mit Violettas und Alfredos Hilfe einzulassen auf dieses seltsame Genre, in dem kaum gesprochen, dafür aber lange gesungen wird. Es ist vor allem die Musik von Giuseppe Verdi, die eingängig dahinschmelzend den Zuschauer hineinsaugt in diese romantisch-tragische Welt, für manche vielleicht sogar zu süßlich, für andere suchtauslösend.

Dazu kommt eine Handlung, die jedes Herz erreicht, wenn es denn nicht ganz aus Stein ist: Eine junge Prostituierte Violetta muss weitermachen in ihrem Teufelskreis aus Verkäuflichkeit und Demütigung, weil sonst ihr Leben schon rein finanziell kollabiert. Da trifft sie auf Alfredo, der anders ist als alle anderen, der sie im Wissen um ihre Vorgeschichte umwirbt. Sie schwankt zwischen den luxuriösen Vergnügungen ihrer Käuflichkeit und den Verlockungen der Bindung, und entscheidet sich schließlich für die Liebe. Die Symptome der Krankheit verschwinden, das Paar hat zwar kein Geld mehr, aber sie planen eine gemeinsame Zukunft. Da greift Alfredos Vater ein: Der gesellschaftliche Sittenkodex könnte den Ruf der Familie gefährden, er fordert daher die junge Frau und später auch seinen Sohn auf, voneinander zu lassen. Violetta nimmt im Wissen um ihren baldigen Tuberkulose-Tod und aus Liebe zu ihrem Alfredo alles auf sich, lässt ihren Geliebten im Unwissen darüber, dass sie einem Eingriff seines Vaters folgt und erregt so seinen eifersüchtigen Zorn. Viel zu spät erkennen alle Männer, was sie da angerichtet haben.

Sollten wir uns das heute ansehen?

Sollten wir uns das heute ansehen? Unbedingt! Der gesellschaftliche Stand bestimmt noch immer den sozialen Standort. „La Traviata“ erzählt uns die Geschichte derer, die „vom Wege abkommen“ (wie die Übersetzung des Operntitels wörtlich lautet) und sich heute im Elend der Bordelle am Stadtrand, in der Gewaltwelt der Clans oder im digitalen Shitstorm wiederfinden. Verdis Oper war schon bei ihrer Uraufführung 1853 (nur sechs Jahre nach dem Tod der Marie Duplessis) nicht nur eine tragische Liebesgeschichte, sondern harte Sozialkritik, und sie ist es bis heute.

Leidenschaft auf einer aseptisch anmutenden Spiegelfläche: „La Traviata“ in Düsseldorf. Foto: Birgit Hupfeld, bereitgestellt von Deutscher Oper am Rhein

So schön dahinschmelzend wurde der Gesellschaft allerdings noch selten der Finger in die Wunde gelegt. Die zwanzig Jahre alte Inszenierung von Andreas Homoki an der Düsseldorfer Oper am Rhein macht es mit ihrer ästhetischen Strenge dem Opernfreund nicht gerade leicht, sich in diesen tragischen Stoff hineinzuschwelgen. Das Bühnenbild wechselt nicht, die ganze Handlung spielt auf einem aseptisch anmutenden, verspiegelten Bühnenrund, allein die Prachtgewänder der Damen und die überraschend aus dem Glasboden sprießenden Plastikblumen sorgen für etwas Sinnlichkeit. So muss man sich vom Rausch der Stimmen dahintragen lassen in die tragische Geschichte der Violetta. Verdis Musik und das Mitleid im wahrsten Sinne des Wortes mit diesem schicksalhaften Leben zwischen Luxus und Demütigung, zwischen Lebenswillen und Todesgewissheit, trägt durch den Opernabend.

Als Violetta schließlich tot dahingesunken ist auf die glänzende Spiegelfläche der Düsseldorfer Bühne, wissen wir, dass es Hoffnung gibt. Heute ist die Tuberkulose heilbar. Violetta könnte leben.

 

 

„La Traviata“ wird immer wieder an zahlreichen Opernhäusern in Deutschland gezeigt. Inspiration für diesen Text war mein Besuch in der Oper am Rhein in Düsseldorf. Dort gibt es weitere Aufführungstermine bis Mitte April 2022. Zur Website der Deutschen Oper am Rhein: https://operamrhein.de/de_DE/termin/la-traviata.16830039

 

Das Leben von Marie Duplessis, der historischen Vorlage für die Violetta in der Oper, ist gut dargestellt bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Duplessis

 

 

Dieser Text erhebt nicht den Anspruch einer Aufführungskritik. Mein Fokus liegt ausschließlich auf dem (kultur-)politischen Aktualitätsbezug von Werk und Inszenierung. Daher gibt es in diesem Text auch nur Bemerkungen zur Konzeption der Inszenierung, nicht zu den Leistungen von Sänger/innen und Orchester.

 

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Geschichte vom Pferd (10. Dezember 2021)

Wie das Schöne politisch wird – eine Stuttgart-Erfahrung

Ein stolzes Kunstwerk: Das Bronzepferd von Fritz von Graevenitz von 1939 zur Eröffnung der „Reichsgartenschau“ auf dem Killesberg.

Ein Pferd sollte her! Wir befinden uns in Stuttgart, das ein Pferd in seinem Wappen führt, weil sein Name sich von einem Garten für Stuten ableitet. Ein stolzes Pferd sollte es also sein!

So oder so ähnlich mögen die Verantwortlichen der ersten Gartenschau am Neckar sich das gedacht haben. Eine „Reichsgartenschau“ sollte 1939 eröffnet werden, und so wurde der Auftrag erteilt, den schönen Park über der Stadt nicht nur mit Hakenkreuz-Flaggen, sondern auch mit einem Denkmal-Pferd zu schmücken.

Ein trauriger Torso: Graevenitz´ Pferd aus Muschelkalk am Eingang des Höhenparks Killesberg

Wer heute den Schauplatz betritt, der noch immer ein schöner Park ist, muss genau hinsehen, wenn er am Eingang noch ein Pferd erkennen möchte. Ein steinerner Torso fristet dort sein trauriges Dasein, angenagt von Wetter und Zeit. Sollte das hier das stolze Pferd von Stuttgart sein? Man kann es kaum glauben. Und es ist auch das falsche Pferd, zwar drei Jahre früher entstanden, aber erst seit den 70er Jahren hier aufgestellt.

Also ein paar Schritte den Hang aufwärts, hinein in den Park! Dort oben blinkt und lockt es schon im Sonnenlicht, das stolze Pferd von 1939, diesmal ein schmucker Bronzeguss. Dieses Pferd ist zeitlose Kunst, eine Pracht von Kraft und Energie, erstarrt in seiner aufstrebenden Bewegung. Eine Verbeugung vor der Schöpfung, die es vermocht hatte, ein solches schönes Geschöpf entstehen zu lassen.

Die beiden Pferde, der steinerne Torso wie auch das schöne aus Bronze (genauer gesagt: ein Nachguss von 1955) sind zu besichtigen im Höhenpark Killesberg in Stuttgart. Kaum jemand achtet heute auf das verschlissene Steinpferd am Eingang, aber fast jede und jeder Stuttgarter/in kennt den Pferderücken aus Bronze. Keine Kindheit in dieser Stadt, während der man nicht den in luftiger Höhe über der Stadt liegenden Park besucht hätte, seine Spielplätze, die kleine Kirmes, den Aussichtsturm, das Höhencafé, das sommerliche Lichterfest.

Das Bronze-Pferd steht dort mittendrin an zentraler Stelle. Abertausende Stuttgarter Kindesbeine haben schon seinen glattpoliert glänzenden Rücken erstiegen, haben des Hals dieses starren, stolzen Geschöpfs umarmt. „Das größte Glück der Erde …“ – für manches Kind lag es auf diesem Rücken.

Ein Museum, …

Geschaffen hat beide Pferde der Stuttgarter Bildhauer Fritz von Graevenitz, der von 1892 bis 1959 lebte, hochgeachtet als Künstler und bis 1945 Leiter der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Graevenitz entstammte altem württembergischem Militäradel, erlitt schwer Verwundungen im ersten Weltkrieg, aus dem seine beiden Brüder nicht zurückkehrten. Fritz von Graevenitz wusste wohl aus eigenem schmerzhaftem Erleben, was Krieg bedeutet, und vielleicht auch deshalb konzentrierte sich ein großer Teil seines Schaffens ganz politikfern auf die künstlerische Darstellung von Tieren.

Aber leider auch auf Portraitbüsten.

Denn Fritz von Graevenitz erfuhr nicht die Gnade der späten Geburt (wie Helmut Kohl über sich sagte), sondern musste während des Nationalsozialismus leben. Wer hinaufsteigt am Nordwestrand von Stuttgart auf die „Solitude“, das Lustschloss württembergischer Herzöge, kann dort sonntags ein kleines Museum besichtigen, das sich Graevenitz widmet. Viele Tiere in Bild und Skulptur sind dort zu sehen, und auch Portraitbüsten – Darstellungen seiner Frau, seiner vier Töchter in unterschiedlichen Altersstufen, ein frühes Portrait seines Neffen Richard von Weizsäcker.

… das Wichtiges verschweigt

Und – politisch besonders erläutert – die Büste von Rudi Daur, einem evangelisch-pietistisch orientierten Pfarrer, der sich nach dem ersten Weltkrieg für eine Überwindung des Militarismus eingesetzt hatte. Das Vorhandensein dieser Erläuterung ist von Bedeutung, weil sie bewusst ablenkt von dem, was dezidiert nicht zu sehen ist und auch mit keinem Wort erwähnt wird. Fritz von Graevenitz fertigte im Jahr 1935 eine Portraitbüste von Adolf Hitler, die vielmals kopiert im ganzen deutschen Reich zu sehen war.

Schmucker Bau, fragwürdiger Inhalt: Das Graevenitz-Museum bei der der Stuttgarter Solitude.

Im Stuttgarter Graevenitz-Museum aber ist die Zeit stehen geblieben in den 60er Jahren unserer Republik. Hier wird einmal tatsächlich eine sprichwörtliche „Geschichte vom Pferd“ erzählt. Nicht nur, weil sich auch hier mehrere Studien und Gemälde von Pferden finden, sondern weil es keinen Hinweis auf die Rolle des Künstlers im sog. „Dritten Reich“ gibt. Der Kunstfreund, der sich hierhin verirrt, wird im Unklaren gelassen über fragwürdige Aufträge der Nationalsozialisten und verfehlte kulturpolitische Einordnungen, die Graevenitz als Direktor der Stuttgarter Kunstakademie kriegskonformistisch verlauten ließ. Künstlerische Irrtümer und politische Fehltritte waren das. Es steht nicht an, über diese zu richten. Aber ihr Verschweigen durch die Nachkommen darf man als Skandal empfinden.

Trägt das Pferd eine vergiftete Ladung in sich?

Was ein Museumsbesuch bewirken kann! Auch der Blick auf das stolze Bronzepferd von 1939 wandelt sich. Was für eine prachtvolle Darstellung kräftiger Muskelpartien, kein Gramm Fett, keine Spur Dekadenz ist an diesem Tier! Sind wirklich alle Pferde so makellos? War da ein vom Hitlerwahn verblendeter Künstler ästhetisch verliebt in Stärke und Energie, in rassisch überlegene Vitalität, in kriegerischen Durchsetzungswillen, wenige Wochen vor dem deutschen Überfall auf Polen? Trägt das Bronzepferd vom Killesberg ganz nach seinem sagenhaften Vorbild aus Troja eine vergiftete Ladung, eine mörderische List, in sich?

Fritz von Graevenitz musste auch gewusst, vielleicht sogar gebilligt haben, dass jüdische Mitbürger erniedrigt und durch Stuttgarts Straßen getrieben wurden, seine jüdischen Akademiekollegen verfolgt, ihre Synagogen verbrannt waren – während er an ästhetischen Details dieses schönen Pferdes feilte. Während die Stuttgarter am Pferd vorbei durch den Höhenpark flanierten, stand nur wenige Meter entfernt von seinem luftigen Hufschlag jene Halle, in der sich ab Dezember 1941 die geächtet Todgeweihten der Stadt zur Deportation in den Tod einzufinden hatten.

Vom Killesberg ging der Weg der Todgeweihten hierhin: Startpunkt der Deportationszüge ab 1941 war der Innere Nordbahnhof. heute erinnert daran eine Gedenkstätte.

Beladen mit solchen Fragen könnte der Betrachter von heute wieder hinausschreiten aus dem Park, ein paar tausend Schritte hinüber zum Nordbahnhof, wo eine gut versteckt gelegene Gedenkstätte an den Startpunkt der Stuttgarter Deportationszüge in die Todeslager erinnert.

Ein trostloser Weg; immerhin, er führt wieder am steinernen Pferdetorso vorbei.  Sein Kalkstein war zu weich für Sturm und Regen und Sonne, zu anfällig für die Luftverschmutzung der modernen Zivilisation. Es ist ein Mahnmal der Vergänglichkeit, und als solches hat es auch etwas Tröstliches.

 

Über Fritz von Graevenitz kann man sich informieren auf Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_von_Graevenitz und – mit den genannten Einschränkungen – im Graevenitz-Museum bei der Solitude in Stuttgart: http://www.graevenitz-stiftung.de/home . Es gibt dazu auch einen kritischen Hörfunkbeitrag auf SWR 2: https://www.swr.de/swr2/kunst-und-ausstellung/das-stuttgarter-graevenitz-museum-die-luecke-ist-da-ein-bildhauer-und-seine-ns-vergangenheit-100.html

Ganz aktuell (8. Februar 2022): Die Stiftung Geißstraße in Stuttgart will sich in einem Projekt der kulturhistorischen Aufarbeitung des Werkes von Fritz von Graevenitz im Stadtraum von Stuttgart annehmen. Wer Interesse hat, dort mitzuwirken, kann sich bei der Stiftung melden.

Über Geschichte und heutige Gestaltung des Höhenparks Killesberg gibt es hier mehr zu lesen: https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6henpark_Killesberg

Die Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ im Inneren Nordbahnhof hat eine eigene, sehr informative Website: http://www.zeichen-der-erinnerung.org/

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Buchmesse: Drei Erkenntnisse

Nach links, und wieder zurück, nach links und wieder zurück, nach links … entspannt beobachten die rot gekleideten Damen am Einlass der Frankfurter Buchmesse den ausgedehnten Zickzack-Lauf des Besuchers durch den Warteparcours bis zur Ticketkontrolle. Ganz offensichtlich ist seine Kapazität überdimensioniert. Sechs Stunden später, 10.000 Schritte weiter, eine umfassende Ermüdung mehr in Kopf und Beinen: Hier die drei wichtigsten Erkenntnisse des Flaneurs aus der Büchershow:

Er gibt schon genügend Bücher!

Wer ist größer? Asterix und der Frankfurter Messeturm

Wer träumt nicht davon, einmal ein Buch zu schreiben und zu veröffentlichen? Eine wahrnehmbare Anzahl von Ständen auf der Buchmesse 2021 adressiert genau diesen Wunsch: Self-Publishing, Print on Demant, Autorenverlage („Manuskripte willkommen!“) – alles vorhanden. Offen bleibt, ob die Welt auf weitere Bücher wartet. Dem durchschnittlich leseinteressierten Buchmesse-Besucher schwirrt schon noch einer Stunde des Wandelns und Blätterns der Kopf ob der überbordenden Flut der vielen neuen Bücher. Kein Thema, kein Drama, keine Wichtigkeit und keine Belanglosigkeit, offenbar auch kaum eine Lebensgeschichte, die noch nicht erzählt worden wäre. Kein Mensch wartet auf noch ein Buch. Außer auf die eine Geschichte, das den Lesenden in den Strudel von Spannung und Neugierde und Sinnlichkeit hinabzieht, in den sie oder er immer schon hinabgezogen werden wollte. Außer von jener speziellen Lieblingsautorin, außer über den einen speziellen Prominenten, außer natürlich zu dem einen Thema, das nun gerade diesen einen Einzelnen bannt. Und so dreht sich das Rad der Neuerscheinungen doch immer weiter, immer weiter. Es rattert wie ein Hamsterrad. Wir Leser/innen, Autor/innen und die Verlage sind die Hamster, die das Rädchen des eitlen Wahnsinns mit Neugier, extrovertierter Mitteilungsfreunde und geweckten Bedürfnissen immer weiter schnurren lassen.

Achte auf das Licht!

Die Mehrklassengesellschaft zwischen selbstbewussten Großverlagen, die sich wort- und personalstark an repräsentativen Prachtständen präsentieren, und den vielen kleinen Verlagen, die sich an ihrem Norm-Minimalstand noch nicht einmal die Extra-Standbeleuchtung leisten wollen oder können, erinnert an Bertold Brecht: „Denn die einen sind im Dunkeln, und die anderen sind im Licht. Und man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.“  Die Scheinwerfer gleißen bei Rowohlt, Penguin, Hanser und Co, wo sich die Menschen Corona-vergessen abstandslos drängeln. An anderen sitzen von den Vortagen ermüdete Standbesetzungen, die ihrerseits erholungssuchend in Büchern blättern oder auf Handyschirmen scrollen, ganz so, als würden sie schon gar nicht mehr damit rechnen, dass sich da noch jemand für ihre im Halbdunkel präsentierte Druckware interessieren könnte. Wenn man nicht genau hinsieht, taumelt man von einem im Lichte zum nächsten. Die Digitalisierung als drohendes Raubtier im Nacken, werden große Verlage immer größer und vermarkten ihre Erfolgstitel weltweit, ohne auf lokale Lizenznehmer angewiesen zu sein. Gleichzeitig ducken sich die Kleinen der Branche in die noch nicht voll ausgeleuchteten Nischen, in denen sie sich ein Überleben erhoffen: Hier eine noch exotischere Story, dort ein noch anspruchsvoller künstlerisch gestalteter Foliant, und da die noch ausgefallenere Marktlücke („Krimi für die Badewanne – wasserfest!“). Übrigens fällt auch jener Stand eines rechtsradikalen Verlages, dessen Vorhandensein auf der Buchmesse viele politische Diskussionen auslöste, eher in die zweite Kategorie. Ganz bestimmt wäre man an ihm ohne Beachtung vorbeigeschlendert, hätte nicht lautstarker Protest gegen seine Präsenz dazu verleitet, sich mit Lupenblick auf die Suche nach dem Skandalstand zu machen. Brecht wusste noch nichts davon, dass Twitter-Getümmel und aufgeregte intellektuelle Diskussionen dazu führen können, dass manche im Dunkeln ganz besonders trefflich ausgeleuchtet werden.

Unbedingt S-Bahn fahren!

Für die Rückfahrt vom Bücherfest zurück ins normale Leben, sollte der Frankfurter Verkehrsverbund einen Extra-Erkenntnis-Aufpreis verlangen dürfen. Es ist eine Lehrminute dafür, wie unendlich weit , die Welten unseres Heute auseinander liegen. Da der Kosmos der Belesenen, die mit Kennerblick in den Büchern blättern, an die Touchscreens touchen, mit bedächtig nach innen gerichtetem Blick den Lesungen zuhören. Und dort die Lebenswucht derjenigen, die sich einen Schal um den Hals schlingen, wenn sie vom Stadion kommen, die überlegen, wie die Arbeit des nächsten Tages aussehen wird, die sich über die letzte Folge ihrer Lieblingsserie unterhalten.  Es sind so viele Menschen, in deren Welt es ganz und gar nicht um Bücher geht, noch viel weniger um das, was in der intellektuellen Blase der Literaturszene ventiliert wird. Muss das unseren vom Buchmesse-Besuch müde gewordenen Blick auf Literatur, Kochbücher, Bildbände oder Comics ändern? Nein. Dass ganze Lebensentwürfe ohne Bücher auskommen, ist nicht neu. Bücher hatten Mönche im Koster, nicht Bauern auf dem Feld. Es war und bleibt bis heute ein Privileg, sich überhaupt mit Gedrucktem beschäftigen zu können. Wir Bücherfreunde sollten es nur nicht vergessen.

Und immer weiter fließt der Strom der Buchstaben: Eine begehbare Lichtinstallation des Gastlandes Kanada. Im Hintergrund gab´s auch noch ein paar gedruckte Bücher.

 

 

 

Verhüllter Triumph (30. September 2021)

 

Was ist große Kunst? Die Mona Lisa, vielleicht das berühmteste Kunstwerk der Welt, ist nicht sehr groß. Nur 53 auf 77 Zentimeter misst das Gemälde mit dem rätselhaften Lächeln der heiteren Florentiner Schönheit. Viele Menschen, die sich oft stundenlang angestellt haben, nur um das Gemälde im Original zu sehen, sind überrascht, dass es so klein ist. Die Mona Lisa hängt im Pariser Louvre, nur wenige hundert Meter entfernt vom Triumphbogen. Um 1500 gemalt, ein Lächeln von genialer und rätselhafter Tiefe, zeitlos schön. Ein kleines Bild, aber große Kunst!

Flugzeuge haben ihn schon durchflogen

Der Arc de Triomphe ist groß. Fast fünfzig Meter ragt er in den Himmel, und fast genauso breit umspannen seine mächtigen Pfeiler einen neun Meter breiten Bogen. Als prächtiger Solitär überragt er die Straßen von Paris, die sich um ihn herum verknüpfen in dem vielleicht schönsten Kreisverkehr der Welt. Nach antikem Vorbild vom selbsternannten Kaiser Napoleon initiiert, aber erst lange nach seinem Tod fertiggestellt, wurde er größer als alle seine Vorbilder und Nachahmer. Sogar mit Flugzeugen hat man den Bogen bereits durchflogen. Siegestrunken hindurchmarschieren kann man schon seit dem Ende des 1. Weltkrieges nicht mehr, denn dort ist das Grab eines unbekannten Soldaten platziert – ein prominenter Gedenkort für alle Grauen der Kriege.

Man könnte mit der Metro hinfahren, aber schöner ist, sich dem Bogen des Krieges zu Fuß zu nähern, die lange Achse der Champs-Élysées entlang, mit lustvollen Abstechern hinein in das berauschende Grün der Tuilerien, hindurch durch die stillen Gärten entlang der lauten Straße, mit Rast in den Cafés der Avenue. Es geht sanft aufwärts, und stets hat man den Bogen im Blick, wenn auch meist nur zu Hälfte. Um ihn in ganzer Größe näherkommen zu sehen, muss man eine der knappen Rotphasen der Ampeln abwarten, die mit Zauberhand das mörderische Gedränge und Gehupe des Verkehrs aufhalten. In der Mitte des Boulevards kann man endlich einen Blick erhaschen auf den Triumphbogen in seiner ganzen Breite.

Ein ungeschliffen-matter Diamant

Tausende Menschen hasten oder schlendern oder fahren täglich auf diesem Weg unter den Bäumen entlang. Auch für den #Kulturflaneur ist es nicht das erste Mal. Doch in diesen Tagen ist vieles anders. Der Bogen ist verändert, das Ziel dieser Straße, das Riesenbauwerk der Siege und Kriege, es glänzt silberbläulich daher, funkelt im Sonnenlicht wie ein ungeschliffen-matter Diamant, und ist doch unverkennbar geblieben in seinen Konturen. Weithin sichtbar: Große Kunst.

Über fünfzig Jahre hat das Künstler-Ehepaar Christo und Jeanne Claude daran gearbeitet, dieses Kunstwerk zu schaffen. Es galt, einen ganzen Staat zu überzeugen. Der Triumphbogen ist ein nationales Symbol, mehr noch: Ein Mahnmal für Frankreichs Größe und Demut zugleich. Auch ein Vergleich mit dem Berliner Reichstagsgebäude hinkt: Zum Zeitpunkt seiner Verhüllung im Jahr 1995 durch das inzwischen in Amerika lebende Künstlerpaar war der Bau eher Symbol der fragwürdigen deutschen Geschichte. Erst heute, nach seiner klugen Neuerfindung durch Norman Foster, und seit dort der demokratisch gewählte deutsche Bundestag residiert, streitet und entscheidet, hat er vielleicht die Chance, einmal ein nationales Symbol für unseren Stolz auf Demokratie zu werden.

Der Arc de Triomphe ist für die Franzosen schon heute vollkommen unumstritten ein Ort des Nationalstolzes. Hier wurden Sieger geehrt, hier marschiert jährlich die Militärparade vorbei, hier färben Flugzeuge den Himmel in Blau-weiß-rot. Hier wurde auch Victor Hugo aufgebahrt, hier feierten Millionen Franzosen ihre Fußball-Weltmeistertitel, hier endet jedes Jahr die Tour de France. Der Triumphbogen steht für die Nation, und deshalb versammelten sich hier auch die Gelbwesten zum Protest, fügten ihm Schäden zu; aber sie aktivierten in der Protestbewegung auch Kräfte, die das Grab des unbekannten Soldaten schützten gegen die Randale anderer. Gelbwesten bildeten unter dem Bogen einen Schutzwall gegen andere Gelbwesten.

Nichts mehr zu sehen von den Namen und Orten der Siege

Marianne als Kriegsgöttin (fotografiert im Museum)

Da steht er nun, silberblau glänzend, verhüllt. Nichts mehr zu sehen von den mehr als 600 Namen französischer Generäle, von den Orten der 150 gewonnenen Schlachten, von den heroischen Darstellungen des Soldatenschicksals. Nichts mehr zu sehen von den Reliefs. Vom schreiend-fordernden Gesichtsausdruck der wie eine Kriegsgöttin inszenierten Marianne, die den unbekleideten jungen Mann mit Wucht in das Soldatendasein treibt. Alles verdeckt. Nur die Flamme am Grab des unbekannten Soldaten, die brennt auch unter der silbernen Stoffkuppel weiter, mittendrin in diesem Trubel von Menschen, die sich auf der verkehrsumtosten Insel versammelt haben, den Kopf im Nacken, um die schiere Größe dieses Werkes zu erfassen, Abstand gewinnend, den Silberstoff und die roten Seile betastend. Große Kunst, ganz nah.

Was es braucht, damit große Kunst Wirklichkeit wird

Unter dem Silberbogen ist der richtige Platz, um über Größe und Kunst nachzudenken. Über die enorme Kreativität und den unfassbaren Mut, die Kunstschaffende jeden Tag aufbringen, um unsere Welt reicher zu machen. Über die Beharrlichkeit und Überzeugungskraft, die es braucht, damit aus einer kühnen Idee Wirklichkeit wird. Über den Mut einer Gesellschaft und ihrer Verantwortlichen, all das zu ermöglichen. In diesem Fall bedeutete das immerhin, vorübergehend unsichtbar zu machen, was für ihre Nation steht, und es damit noch fester zu verankern in der Welt. In anderen Fällen sind es andere Bedingungen – Geld, Räume, Toleranz -, die Kunst ermöglichen. Über die Professionalität und Behutsamkeit, die gefragt ist, damit dabei nichts zu Schaden kommt: nicht der nationale Stolz, nicht das Bauwerk, nicht die Umwelt, nicht seine Besucher. Und auch nicht die künstlerische Idee selbst, die nicht untergehen darf im Sog zur kommerziellen Vermarktung. Ja, dies hier ist ein Event, aber auch ein Triumph des Geistes, der Kultur, der Kunst in großer Vollendung: prächtig, strahlend, für sich selbst sprechend, kostenlos für alle.

Und dann wendet man sich ab, umrundet noch einmal dieses silberne Spektakel und biegt schließlich ein in eine der vielen einladenden Straßen, zurück ins urbane Getümmel, hinunter zur Seine. Der verhüllte Bogen bleibt zurück. Nur noch wenige Tage, dann wird er wieder so aussehen wie zuvor, die Siege lesbar, die Kriege sichtbar. Aber die Verhüllung wird bleiben in unseren Köpfen, bricht den Blick auf das Eindeutige für immer. Große Kunst.

 

 

Die eindrucksvolle Geschichte des Pariser Triumphbogens ist aufgearbeitet in einer sehr informativen Dokumentation von Arte: https://www.arte.tv/de/videos/096305-000-A/der-pariser-triumphbogen/

 

 

 

 

Unbeugsam-weiblich gegen den „Ökozid“ (27. September 2021)

Am Tag nach der Wahl steht nicht viel fest. Aber vermutlich wird es ein Mann sein, der Angela Merkel im Kanzleramt folgen wird. Er wird einlösen müssen, was die heutige Kanzlerin einmal für sich in Anspruch nahm: ein Klima-Kanzler sein.

In „Ökozid“ am Schauspiel Stuttgart muss Angela Merkel (hier die Schauspielerin Nicole Heesters) als Zeugin vor Gericht aussagen. Foto: Björn Klein

Diese Vorrede lenkt den Blick auf ein aktuelles Kultur-Ereignis am Schauspiel Stuttgart. Dort sind es Frauen, die zu Gericht sitzen, und es sind Frauen, die sich verteidigen. Wir befinden uns gedanklich im Jahr 2034, und eine dann stolz-ergraute Angela Merkel, seit 13 Jahres aus dem Amt geschieden, wird als Zeugin befragt. Sie wird gespielt von Nicole Heesters als noch immer hoch kontrolliert in ihren Bewegungen, ihren Aussagen, ihrem Auftritt. Hätte sie die Klimakatastrophe abwenden können, wenn sie gemäß dem gehandelt hätte, was bereits bekannt war?

Vorwurf: Untätigkeit gegen die Katastrophe

Die Rede ist von dem Schauspiel „Ökozid“ (Premiere war am 24. September). Den Vorsitz in einem Internationalen Gerichtshof führt eine strenge, verständige Richterin, die Anklage wird von zwei Frauen vertreten: einer stimmgewaltigen Sprecherin des Verbundes der 31 klagenden Staaten „des globalen Südens“ und ihrer Anwältin. In dieser Besetzung unterscheidet sich das Theaterstück, das in Stuttgart uraufgeführt wird, von dem gleichnamigen Film, der im November letzten Jahres bei der ARD zu sehen war. Auch sonst hält der Theaterabend zahlreiche künstlerische Überraschungen und Ergänzungen parat, der den Besuch lohnen lässt, auch wenn man den Film bereits gesehen hat.

Zur Sprache kommt alles, was uns in den zurückliegenden Wochen des Bundestagswahlkampfs täglich beschäftigt hat, und es in den kommenden noch viel dringlicher tun wird. Hätten die deutschen Regierungen seit Gerhard Schröder es hätten besser wissen können? Hat Deutschland im internationalen Zusammenspiel der klimafeindlichen Kräfte überhaupt relevantes Gewicht? Verletzt die Untätigkeit des Nordens gegenüber den erkennbaren Folgen einer Klimakatastrophe vor allem im Süden der Weltkugel grundlegende Menschenrechte, wie sie die UN-Charta allen Menschen gleichermaßen verspricht? Oder ist alles ganz anders, war davon nichts erkennbar, ist irgendwas davon noch strittig oder nicht?

Empörende Erfahrungen im Wahlkampf

Männer spielen während dieses nachdenklich machenden und trotzdem unterhaltsamen Theaterabends allenfalls kauzige Nebenrollen. Sie plustern sich auf in oft substanzloser Rechthaberei, womit eine Brücke gebaut wäre zu einem geschlechterspezifischen Blick auf den Wahlkampf und auf das, was nun folgen wird in den Verhandlungen über eine neue Regierung. Der Blick zurück macht fassungslos. Wie selbstgerecht und rechthaberisch mit einigen Spitzenfrauen in diesem Wahlkampf umgegangen worden ist – oft, aber nicht nur, von Männern – ist für jeden sensiblen Geist eine empörende Erfahrung.

Frauen in der Politik können ganz generell darüber viel berichten. Daher hier nur einziges, aber besonders prominentes Beispiel aus den letzten Wochen: Die Republik zu „warnen“ vor einer Machtübernahme durch die SPD-Co-Vorsitzende Saskia Esken, der unterstellt wurde, dass sie wie eine strippenziehende Mephista den SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz marionettenartig über die politische Bühne zappeln lassen würde – das adressierte zumindest zum größeren Teil nicht deren inhaltliche Aussagen. Sondern es appellierte an dumpfe Assoziationen, die sich gegen ihr selbstbewusstes Auftreten und ihre von manchen vielleicht als ruppig empfundene Sprechweise richteten.

Engagierte Frauen waren nicht willkommen, …

Also raus aus dem Theater, wenige Häuser weiter, rein ins Kino! In fast zwei Stunden breiten dort im aktuellen Film „Die Unbeugsamen“ politisch erfahrene Frauen aus, welche Mühen, Gemeinheiten, Niederlagen, Zurücksetzungen und Zumutungen aller Art sie aushalten mussten, bis sie in der Männerwelt der deutschen Nachkriegspolitik angekommen waren. Der Film lässt keine Zweifel offen, dass engagierte Frauen alles andere als willkommen waren, und auch, dass die Männer sich kaum Mühe gaben, ihre ehrverletzende Überheblichkeit wenigstens höflich zu verbergen. Um sich in diesem Umfeld durchzusetzen, mussten Frauen Männern so ähnlich wie möglich werden. Für einen ersten Einblick genügt schon der Trailer des Films (Link siehe unten). Die Verhältnisse sind zweifellos besser geworden – aber gut sind sie noch nicht, wenn im neu gewählten Bundestag der Frauenanteil von 31 auf gerade mal 35 Prozent gestiegen ist.

… sind jetzt aber Mehrheit und Stimme der Klimaaktiven

Beim Stuttgarter „Ökozid“ fehlt es den Frauen nicht an Macht. Trotzdem haben sie in der Diktion des Theaterstücks vollständig männlich versagt. Ihr Scheitern bei der rechtzeitigen Rettung der Welt ist im Schauspiel ein Generationenproblem, keines der Geschlechter. Daher die Frage: Vielleicht können Frauen doch die besseren Klimaretter sein? Weil sie sich als Mütter eben doch noch immer stärker mit dem Schicksal ihrer Kinder identifizieren, als dies Väter tun? Warum sonst hat Annalena Baerbock im Wahlkampf dauernd von ihren Kindern geredet, Olaf Scholz (keine Kinder) und Armin Laschet aber nicht? In der „Fridays for Future“-Bewegung dominieren nach einer Studie des Berliner Instituts für Protest- und Bewegungsforschung die jungen Frauen mit 60%. Alle wesentlichen Repräsentantinnen der Bewegung sind weiblich.

Vielleicht ist das nun die neue Generation unbeugsamer Frauen, die nach Kriegsende in der deutschen Politik fehlten. In der neuesten Folge des „unendlichen Podcast“ der ZEIT (Link unten) formuliert die Schauspielerin Nora Tschirner einen weiteren Aspekt. Für Frauen und für unsere Gesellschaft kann es nicht nur darum gehen, Männer an  ihren Machtpositionen gleichwertig zu ersetzen.  Als „Seitenprodukt“ des jahrhundertealten Patriarchats sei ein „Privileg auf Frauenseite entstanden, eine Weisheit in Beziehungen, Kommunikation, Gefühle und zwischenmenschlichen Geschichten“. Dieses Potenzial sei bisher gesellschaftlich noch nicht ausreichend hochgewertet.

Die Klimakrise fordert neue Kompetenzen

Mehr Weiblichkeit in diesem Sinne hätte der Politik in den letzten 50 Jahren vielleicht weniger Orientierung am Automobil ermöglicht, mehr Naturschutz durchgesetzt, vielleicht auch insgesamt weniger Wachstum und  weniger Reichtum in Kauf genommen, aber dafür eine andere Balance aus Arbeit und sozialem Leben ermöglicht, ein anderes Geben und Nehmen, weniger Raffen, mehr Fürsorge.

Für eine Abwendung der drohenden Klimakatastrophe benötigen wir genau all das. Schade, dass dieser Aspekt im Stuttgarter „Ökozid“-Prozess keine Rolle spielt. Er endet jedoch mit einer eindrücklich sinnlichen Inszenierung, die den Theaterbesucher hinunterzieht in die Flut der steigenden Meeresspiegel. Und wenig überraschend: Es ist eine junge Frau, deren Stimme uns dort hineinführt und uns darin ertrinken lässt.

 

„Ökozid“ ist am Schauspiel Stuttgart noch mehrfach bis November auf dem Spielplan, jeweils verbunden mit einer Rede von Klima-Aktiven: https://www.schauspiel-stuttgart.de/spielplan/a-z/oekozid-2021/

Der Trailer zu „Die Unbeugsamen“ ist hier zu finden, der Film läuft (noch) in den Kinos: https://www.youtube.com/watch?v=yLjAayYEgOQ

Der Podcast und die Videoaufzeichnung von „Alles gesagt“ mit Nora Tschirner dauert fast vier Stunden. Die hier zitierte Passage (und mehr zu ihrer Sicht auf modernen Feminismus) ist etwa zehn Minuten vor dem Ende zu finden: https://www.zeit.de/video/2021-09/6271162956001/lange-nacht-der-zeit-2021-alles-gesagt-mit-nora-tschirner-christoph-amend-und-jochen-wegner?utm_referrer=https%3A%2F%2Fverlag.zeit.de%2F

 

 

Zwei Männer und eine Madonna (10. August 2021)

Dies ist eine Geschichte über die Zeit, über Kunst und über Geld. Es ist auch die Geschichte vom Lebensweg der Männer Jakob und Reinhold, die sich nach 500 Jahren auf unwahrscheinlichste Art begegnet sind.

Jakob

Jakob ist ein wacher Bub. Er wächst in einer Händlerfamilie auf, beobachtet seinen Vater genau beim Geschäfte-Machen und entscheidet sich früh, als Erwachsener sein Glück als Geldwechsler zu suchen. In seiner Zeit wächst der internationale Handel, und wer dort erfolgreich sein will, braucht vertrauenswürdige Menschen, die fremde Währungen in solche umtauschen, die gerade benötigt werden. Jakob ist es, der wechselt, und er vergibt die ersten Kredite. Jakob ist ganz vorne dabei, als ein neuer Geschäftszweig entsteht: Das Kredit- und Bankenwesen. Jakob wird schnell zum gestandenen Kaufmann, ein kluger, wacher, selbstbewusster Mensch. Bald macht er sich auf, seine Berufskollegen zu organisieren; die Zunftbrüder der Geldwechsler vertrauen ihm, und er vertritt ihre gemeinsamen Interessen im Rat seiner Stadt.

Reinhold

Auch Reinhold ist ein kluger Junge. Reinhold erlebt als Kind, was Krieg bedeutet. Er ist dabei, wie die Menschen seiner Heimat zuerst in den diktatorischen Wahnsinn und dann in die selbstverschuldete Verwüstung straucheln. Die Häuser seiner Kindheit fallen in Schutt und Asche. Reinhold erlebt Armut und existenzielle Not. Zehn Jahre ist er alt, als sein Vater auf dem Tiefpunkt chaotischer Nachkriegswirren den Schritt in die Selbstständigkeit wagt. Er vertraut auf eine Marktlücke seiner Zeit und eröffnet ein eigenes kleines Geschäft. Vier Jahre später wird Reinhold sein erster Angestellter. Der Sohn beginnt eine Kaufmannslehre bei seinem Vater, absolviert sie als „harte Schule“, wie er später sagt, aber mit Bravour. Gemeinsam mit seinem Vater klappert er die Handler, Handwerker und Bauunternehmer ab, um für Umsatz zu sorgen. Das Geschäft floriert.

Jakob

Jakob wird schon früh wohlhabend. Seine Geschäfte laufen glänzend. Sein Ansehen in seiner Heimatstadt ist so groß, dass er zum Bürgermeister gewählt wird, obwohl er nicht dem Adel angehört – was zu seiner Zeit für dieses Amt zumindest ungewöhnlich ist. Aber Jakob lässt sich nicht verdrängen. Bestens knüpft er die Netzwerke, macht sich mit seinem Geld und den damit gedungenen Söldnern im ganzen Reich unentbehrlich. Auch als Bürgermeister ist er erfolgreich und sorgt für wachsenden Wohlstand seiner Stadt. Seinem Reichtum gibt er Ausdruck: Schon früh fördert Jakob einen der wichtigsten Maler seiner Zeit, noch lange bevor ihn alle für seine Kunst bewundern werden. Von ihm lässt er sich zusammen mit seiner Frau im edlen Ornat portraitieren, stolz prangen Schmuck und Goldmünzen.

Reinhold

Es ist kurz vor Weihnachten, als den inzwischen 19-jährigen Reinhold die Nachricht erreicht, dass soeben sein Vater an einem Herzinfarkt gestorben ist. Er ist der älteste in der Familie; ihm bleibt keine Wahl: zusammen mit seiner Mutter führt er das kleine Handelsgeschäft weiter. Von seinem Vater hatte er gelernt, was man mit Fleiß, Durchsetzungswille und Disziplin erreichen kann. Reinhold macht sich also auf den Weg. Aus dem Vater-Sohn-Betrieb baut er eine Firma auf, die bald fünfzig, bald hundert, dann Tausenden Mitarbeitern Lohn und Brot gibt. Er sorgt buchstäblich dafür, dass aus den Trümmern nach einem Krieg beim Wiederaufbau die Balken fest zusammengefügt werden können, dass die vielen neuen Autos nicht auseinanderfliegen. Reinhold schraubt den Wirtschaftsaufschwung zusammen. Schrauben, Millionen von Schrauben, sind sein Markt. Seine Produkte sind klein, aber unverzichtbar, und der Bedarf ist unermesslich. Kein neuer Krieg stört sein wirtschaftliches Lebenswerk. Reinhold verdient viel Geld mit Schrauben, und jeden Tag wird es mehr. Was soll er mit seinem ganzen Geld eigentlich Sinnvolles anstellen? Reinhold entscheidet sich für die Kunst.

Jakob

Jakob ist tiefgläubig. Als er selbst auf dem Höhepunkt seines Einflusses steht, erschüttert ein junger Mönch aus Deutschland die Fundamente seiner Religion, ihre unumstößlichen Wahrheiten und Grundregeln. Jakob kann mit diesen Ideen wenig anfangen, aber immer mehr Menschen und auch einflussreiche Freunde und Ratsverantwortliche seiner Stadt entscheiden sich für die neuen Zeiten, für die neue Sicht auf die religiösen Dinge. Jakob lehnt einen Übertritt zur neuen Mode ab, was ihn das Amt und vieles von seinem Ansehen kostet. Als Bürgermeister wird er gestürzt, aber er bleibt wohlhabend genug, ein weiteres Gemälde bei seinem Lieblingsmaler in Auftrag zu geben. Jakob will, dass dieses Bild ein bewusstes, störrisches Statement ist, ein Ausruf der religiösen Standhaftigkeit. Es soll eine Madonna zeigen, wie sie ihn, Jakob, und seine Familie schützt vor den Veränderungen der Zeit.

Reinhold

Auch wenn der Firmenpatriarch im Scherz schon mal „Zeus“ genannt wird, ist Reinhold praktizierender Christ. Er entstammt einer Familie, die sich zum neuapostolischen Glauben bekennt. Soweit man davon weiß, unterstützt er mit seinem im Schraubenhandel erworbenen Vermögen auch seine Religionsgemeinschaft. Generell engagiert er sich sozial und gesellschaftlich, fördert Bildung, Literatur und Musik. Reinhold ist ein leistungsorientierter, aber auch liberaler Geist, der Freude hat an der unkontrollierbaren Kreativität der Künstler. So ist er zu einem der bedeutendsten Kunstsammler Europas geworden; gewaltige Summen steckt er in Gemälde und Skulpturen, vor allem zeitgenössischer Kunstschaffender und der „klassischen Moderne“. Heute gehören zu seiner Sammlung rund 18.500 Kunstwerke. Als Unternehmer weiß er, dass klug gesammelte Kunst auch eine gute Kapitalanlage ist. Unschätzbare Werte stecken in den Gemälden und Skulpturen, die Reinhold, beraten von Experten, über Jahrzehnte zusammengetragen hat. Reinhold möchte, dass diese Schätze nicht in Magazinen verstauben. Also baut er Museen für sie. Kunst soll bei freiem Eintritt zu besichtigen sein, für seine Mitarbeitenden, aber auch für jeden anderen.

Jakob

Die „Schutzmantelmadonna“ von Hans Holbein d.J. © Philipp Schönborn, bereitgestellt durch Sammlung Würth

Das Madonnen-Gemälde sei fertig, wird gemeldet. In Anspannung empfängt Jakob den Künstler. Schon beim ersten Blick ist er erleichtert: Jakob findet sich bestens getroffen. Da kniet er, der gestürzte, aber stolze katholische Bürgermeister, fromm und voll aufschauender Demut zum Gebet. Ja, er beugt sich, aber nicht dem Trend der Zeit, sondern der alten Göttlichkeit. Und die heilige Gottesmutter nimmt als Dank für seine unerschütterliche Loyalität ihn und seine Familie unter ihren Schutzmantel. Jakob ist zufrieden. Das Bild kommt auf seinen Hausaltar.

Reinhold

Reinhold gilt in seiner Heimat als ein lebendes Beispiel für erfolgreiches Unternehmertum, er zählt zu den reichsten Menschen der Welt, seine Firmen machen Milliardenumsätze. Jetzt ist Reinhold schon im hohen Alter, und er könnte alles haben, was man sich auf dieser Welt kaufen kann. Als Mäzen und Sammler hat er die wirtschaftliche Existenz zahlreicher Künstler gefördert und ihrem Lebenswerk in Museen dauerhafte Geltung verschafft. Dann hört er von einem Bild, über dessen Geschichte viel gestritten worden war, und das nun zum Verkauf steht. Im Jahr 2011 bezahlt er dafür den höchsten Preis, der jemals für ein Bild innerhalb Deutschlands entrichtet wurde: Man weiß nicht genau, wieviel, aber es sind mehr als 40 Millionen Euro.

Die Madonna lädt ein

Die Johanniterkirche in Schwäbisch-Hall, Standort „Alte Meister“ in der Sammlung Würth

In die württembergische Provinz muss man pilgern, nach Schwäbisch Hall, um den Geist dieser zwei Männer kennenzulernen: Den selbstbewussten Geldhändler Jakob Meyer („zum Hasen“) aus Basel, der zum Bürgermeister aufstieg, und der sich seine Religion nicht von den Moden der Zeit austreiben lassen wollte. Und den Schraubenhändler Reinhold Würth aus Künzelsau, dessen mit Disziplin und Beharrungsvermögen erarbeitetes Vermögen gemeinsam mit seinem Kunstverstand bewirkte, dass eines der teuersten Bilder der Welt nicht in New York, Paris oder London, sondern in Schwäbisch Hall zu erleben ist. Es ist jene „Schutzmantelmadonna“ von Hans Holbein d.J., die 1526 entstand und heute, gesichert hinter Panzerglas wie die Mona Lisa im Louvre, den Höhepunkt einer kleinen, aber sehr feinen Sammlung süddeutscher Sakralkunst des ausgehenden Mittelalters bildet. Im gotischen Gewölbe einer früheren Kirche – jetzt eines der Museen der Sammlung Würth – blickt sie auf uns herab und lädt uns ein zum Nachdenken darüber, was bleibt, und was vergeht. Eintritt frei.

 

 

Mehr über die Sammlung Würth und ihre Museen: https://kunst.wuerth.com/de/portal/startseite.php – und speziell zur Sammlung alter Meister in Schwäbisch Hall: https://kunst.wuerth.com/de/johanniterkirche/austellungen/aktuelle_ausstellungen_1/aktuelle-ausstellungen.php

Eine Zusammenfassung der außergewöhnlichen Geschichte der „Darmstädter Madonna“ bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Darmst%C3%A4dter_Madonna

Dieser Text bemüht sich um eine Einordnung der beiden beschriebenen Persönlichkeiten auf der Basis zugänglicher Quellen, enthält aber auch einzelne frei assoziierte Details, um den Erzählfluss zu fördern.  Das Essay ist Teil einer Serie über außergewöhnliche kulturelle Ereignisse und Strukturen im ländlichen Raum. Siehe dazu auch das Essay „Tonleiter des Glücks“

Die Tonleiter des Glücks – Kultur und Provinz (29. Juli 2021)

Die junge Frau sitzt im Regionalzug. Der Schaffner pfeift, und der Zug setzt sich in Bewegung. Sie blickt aus dem Fenster und beginnt zu summen. Im Zug herrscht Unsicherheit. Was ist denn das für ein Verhalten? Kinder kichern, Erwachsene drehen sich um. Aber die Melodie steckt an und überwindet die anonyme Stille der zufälligen Fahrgemeinschaft. „Wir machen Musik“, nehmen die ersten das Summen auf – „da geht Euch der Hut hoch, da geht Euch der Bart ab!“ Bald gesellen sich immer mehr mutige Singende dazu. „Do – re – mi – -fa – so …“, der ganze Zug füllt sich mit der geträllerten Tonleiter. Als die singende Reisegesellschaft ankommt und aussteigt, gesellen sich Blechbläser dazu, die Rolltreppe im Bahnhof rollt plötzlich wie im Rhythmus des Ohrwurms, noch mehr Menschen schließen sich an, umstellen ein plötzlich auftauchendes Schlagzeug. Junges Volk nimmt Videos auf und verschickt Fotos, Bürovolk schwingt die Aktentaschen und Shopping-Aktive singen mit, es wird getanzt im Takt des Liedchens. Schließlich marschiert ein ganzer Spielmannszug herbei und trötet ohrenbetäubend das Lied von der Musik. Ein ganzer Bahnhof voller Klänge! Dann ist es vorbei – und die zufällig zusammengewürfelte Menge spürt das Glück des gemeinsam erlebten Moments, das Lächeln, das Aufatmen des Gelingens. Es wird geklatscht, und dann zerstreut sich die Musikgemeinde so unvermittelt, wie sie sich gefunden hatte.

Der Flashmob wurde 62000-mal geklickt

Was hier erlebt wurde, war jener Wimpernschlag, in dem wir den Ball im Tor liegen sehen; diese Sekunde, in der wir erkennen, dass ein sehnlich erwarteter Mensch aus dem Zug steigt. Oder eben jener Augenblick, in dem eine gemeinsam erlebte musikalische Anstrengung im Schlusston ausklingt und wir wissen, dass dieses eine Glück von Musik unwiederbringlich vorbei ist. Wir gehen wieder den Weg unseres Alltags, aber wir sind für eine wertvolle, schwebende Lebenssekunde verändert, beglückt, bereichert. Und wir wissen: Es könnte wieder so sein, wieder ein Tor fallen, wieder ein Mensch kommen, wieder Musik entstehen.

Man kann sich diese Szene in einem kurzen Film auf Youtube ansehen. Ganz so zufällig, wie es wirkt und klingt, entstand der Flashmob natürlich nicht. Es gehört viel Organisation und Mut dazu, so ein Ereignis zu ermöglichen und festzuhalten. Mehr als 62.000-mal wurde das das Filmchen schon angeklickt, Menschen haben vielleicht gelächelt, mitgesummt, und sind dann wieder zu ihrem Alltagsleben zurückgekehrt.

Das Glück der Musik ist täglich milliardenfach mitzuerleben auf dieser Welt, im Internet, im Konzertsaal, auf Festivals, in der Oper, in jedem Wohnzimmer. Warum also diese Zeilen über dieses eine Video?

Wie entsteht kulturelle Attraktivität im ländlichen Raum?

Schloss Kapfenburg bei Lauchheim, Ostalbkreis (Copyright Ralf Baumgarten, zur Verfügung gestellt durch die Stiftung Schloss Kapfenburg)

Der Anstoß für den Flashmob am Stuttgarter Hautbahnhof kam aus tiefster Provinz, wurde hineingetragen in das Zentrum einer Großstadt, die sich selbst als Kulturmetropole versteht, die Straßenmusiker und Bandkultur ihr Eigen nennt, stolz ist auf mehrere Orchester und eine zwar renovierungsbedürftige, aber geliebte und künstlerisch anerkannte Oper. Es fehlt nicht an Musik in Stuttgart. „Do-re-mi-fa-so …“ – die Idee zu einem Flashmob am Hauptbahnhof kam trotzdem von außen, nämlich aus dem äußersten Osten Baden-Württembergs, von der Kapfenburg. Das mittelalterliche Schlossgemäuer oberhalb des Ortes Lauchheim im Ostalbkreis hat schon Kreuzritter, Bauernkriege und Plünderungen erlebt, war nationalsozialistisches Schulungszentrum, beherbergte Vertriebene und amerikanische Soldaten. Seit zwanzig Jahren ist die Kapfenburg nun Musikschul-Akademie und Kulturzentrum, und hält in der Provinz, fernab von München, Stuttgart oder Nürnberg, die Kultur hoch. Die Burg ist Gastgeber für Musikerinnen und Musiker aller Art und aus aller Welt, kümmert sich um deren Gesundheit und sorgt für attraktive Konzerte.

Wie kulturelle Attraktivität entsteht im ländlichen Raum, das ist hier zu besichtigen. Sie entsteht nicht durch ständiges Jammern und Wehklagen, und auch nicht dadurch, sich mit eitlem Mittelmaß zufrieden zu geben. Sie entsteht, wenn engagierte Menschen ein Netzwerk knüpfen, mit größter Disziplin einen Betrieb am Laufen halten, dessen Professionalität es mit jedem großstädtischen Kulturbetrieb aufnehmen kann. Sie entsteht, wenn deshalb attraktive Künstler den Weg in die abgelegene Kapfenburg finden. Kultur auf dem Land kann wachsen, wenn politisch Verantwortliche den Mut haben, musikalische Experimente wie ein Konzert für hupende Autos oder den Guinness-Eintrag der Burg als größtes Saiteninstrument der Welt zu unterstützen, und alle Verantwortlichen dabei doch immer nach künstlerischer Ernsthaftigkeit suchen.

Hinter jedem Fenster wird geübt und gespielt

Wer durch die Innenhöfe hinaufsteigt auf die Kapfenburg, spürt genau das: Aus allen Räumen kommen Klänge der heiteren Ernsthaftigkeit, – do-re-mi-fa-so … – hinter jedem Fenster wird geübt und gespielt, gelacht und verzweifelt. Hier wurde ein vom Verfall bedrohtes Schloss nicht nur für ein Festival einmal im Jahr aufgehübscht, sondern wurde etabliert als begehrtes Ziel von Musikfreunden, Laienmusikern, Musikschülern und ihren Unterrichtenden das ganze Jahr über. Ein ständiger Flashmob! Wer einmal dort war, nimmt diese Klangwolken des musikalischen Glücks für immer mit – … la-se-do. Sie lassen uns davon träumen, auf einer Tonleiter in den Zug des Alltags zu steigen, und mit allen anderen ganz einfach Musik zu machen.

 

Der Film zum Flashmob am Stuttgarter Hauptbahnhof auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=vtpRUfEge3U

Die Website der Musikakademie Schloss Kapfenburg: https://www.schloss-kapfenburg.de/

 

Werther liebt und stalkt

Zur Oper „Werther“ von Jules Massenet

Zwei Menschen begegnen sich, und manchmal entsteht Liebe zwischen ihnen. „Ein Tropfen Liebe“, sagte der französische Literat Blaise Pascal, „ist mehr als ein Ozean Verstand“. Schaltet Liebe den Verstand aus? Sie sollte das Gefühl unbedingter Zusammenhörigkeit sein, des Hingezogen-Seins, das Gefühl von Leere und Sinnlosigkeit, wenn der oder die andere nicht da ist, vielleicht sogar für immer verloren ist. Liebe geht „über den Zweck oder den Nutzen einer zwischenmenschlichen Beziehung“ in der Regel hinaus, schreibt Wikipedia. Sie zeige sich üblicherweise „in tätiger Zuwendung zum anderen“. Das Gefühl der Liebe könne auch unabhängig davon entstehen, „ob es erwidert wird oder nicht“.

Ist gegen die Liebe also kein Kraut gewachsen, wie es der römische Dichter Ovid einst schrieb? Ist es noch Liebe, wenn sie für die Geliebte, die nicht lieben will oder darf, zum quälenden Übergriff wird? Rund 20.000 Stalking-Fälle werden jährlich in Deutschland aktenkundig, vermutlich gibt es viel mehr davon. Im Jahr 2007 handelte deshalb die deutsche Politik; im Strafgesetzbuch gibt es seither einen Paragrafen, der verbietet, einen verschmähenden Liebespartner „andauernd und wiederholt zu belästigen“, sich ihm also gegen seinen erklärten Willen zu nähern, ihm nachzustellen mit telefonisch oder persönlich oder schriftlich gestammelten Liebesschwüren, mit Drohungen, mit unerwünschtem Klingeln an der Haustür. Aktuell wird die Regelung auch auf alle Formen der viralen Nachstellungen erweitert. Der Schutz, den der Staat Betroffenen – in den weit überwiegenden Fällen sind es Frauen – gewährt, kann bis zur Bereitstellung einer neuen Identität reichen, um für den ungewünscht Liebenden unauffindbar zu werden.

Anna Sutter hätte leben können

Die Schicksalsgöttin vor dem Stuttgarter Opernhaus

Der Stuttgarter Opernsängerin Anna Sutter hätte 1910 ein solches Gesetz geholfen, vielleicht wäre sie dann älter als 39 Jahre geworden, jedenfalls wäre sie vermutlich nicht erschossen worden von ihrem verschmähten Liebhaber Alois Obryst, der sich anschließend selbst das Leben nahm. Anna Sutter hatte sich wiederholt die Nachstellungen ihres Liebhabers verbeten; genutzt hatte es ihr nichts. Heute erinnert ein Brunnendenkmal vor der Stuttgarter Oper an ihr trauriges Schicksal. Die dort dargestellte Schicksalsgöttin trägt angeblich ihre Gesichtszüge.

„Werther“ ist die Geschichte einer Rebellion, …

Um die Qualen verschmähter Liebe geht es auch im Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ von Johann Wolfgang von Goethe. Als im Jahr 1774 der Welthit des „Sturm und Drang“ (auch so eine problematische Kategorisierung, wenn man sie in Sachen Liebe mal aus der Sicht der möglichen Opfer betrachtet) veröffentlicht wurde, war das die spannend-mitreißende Schilderung eines verzweifelten Liebesabenteuers, aber vor allem ein rebellischer Stoff gegen das Establishment. Der Held macht alles, was damals nicht vorgesehen war. Werther verliebt sich in eine standesgemäß unpassende Frau und hadert mit deren Verlobungsversprechen an einen anderen. Schließlich ignoriert er es, stürzt in einen Liebeswahn und damit sich selbst und seine Angebetete ins Verderben. Er begeht Selbstmord, was aus damaliger kirchlicher Sicht eine Sünde darstellte. Besondere Wucht erwächst diesem Stoff unter anderem daraus, dass der liebende Held sich selbst umbringt, und nicht etwa seine Geliebte (oder beide, wie im Fall der unglücklich geliebten Anna Sutter – und Tausenden anderen Fällen, von denen zu hören und zu lesen wir uns gewöhnt haben). Werther lässt Charlotte zwar am Leben, als eine verzweifelte und an ihren Gefühlen zweifelnde Frau, gezeichnet für ihr Leben – wir würden heute sagen: traumatisiert.

… aber auch einer neurotischen Liebe

Werther in der Oper Stuttgart (dem Bild Arturo Chacón-Cruz) Foto: Philip Frowein

Jules Massenet hat diesen Stoff 1892 romantisierend mit manchmal schwülstiger, oft rauschhafter Musik durchtränkt und zu einer Oper gemacht. Von Goethes politischem Rebellionsgeist ist bei Massenet nichts mehr übrig. Hier ist das Stück eine wahnhaft-romantische Liebesgeschichte. Der 1856 geborene Sigmund Freud hatte zu Massenets Zeit gerade erst damit begonnen, sich mit Neurosen als Krankheiten zu beschäftigen und der Welt die Zusammenhänge zu eröffnen, die sich aus seelischen Störungen und dem Handeln des Menschen ergeben. Die Librettisten der Oper wussten davon nichts und stellten also die narzisstische Fixierung ihres Werther auf seine eigenen Interessen nicht in Frage. Selbst dann, wenn er sich im Interesse seiner Geliebten zurückzieht, ihr mit seinem Freitod droht und ihn schließlich vollzieht, sieht er sich selbst doch immer noch heldenhaft im Mittelpunkt des Geschehens. Werther fehlt jede Erkenntnis, die wir heute zum zivilisierten Kanon der Mitmenschlichkeit zählen: dass es gleichberechtigte, andere Interessen gibt, die man auszuhalten hat. Wenn ein wacher und sensibler Mensch heute von seinem Freund eine E-Mail erhalten würde, in der über dessen Sehnsucht nach einer Geliebten steht: „Weiß der Gott, wie einem das tut, so viele Liebenswürdigkeit vor einem herumkreuzen zu sehen und nicht zugreifen zu dürfen; und das Zugreifen ist doch der natürlichste Trieb der Menschheit“ (Originaltext Goethe, zitiert nach dem Programmheft) – dann würde hoffentlich sein Alarmsystem sofort anschlagen: Hier ist eine gefährliche, eine verachtende Grenze der Liebe erreicht.

Die Oper Stuttgart hat dieses besonders liebestolle Stück Musiktheater als letzte neue Inszenierung (von Felix Rothenhäusler) an das Ende der Spielzeit 2020/21 gesetzt. Herausgekommen ist große Kunst mit strenger Ästhetik, in der uns Musizierende, Singende, Regie und Bühnenbild in diesen gescheiterten Liebenstaumel hineinziehen.

Warum sollten wir uns das heute anhören?

Das Grab von Anna Sutter auf dem Stuttgarter Pragfriedhof

Warum sollten wir uns das heute ansehen und anhören? Vor allem zum Nachdenken über Gewalt in und wegen der Liebe, über Suizide und Morde, die im Namen der Liebe, in Wahrheit aber von untröstlicher Aussichtslosigkeit betrieben werden. Niemand müsste sich heute noch so quälen wie einst Charlotte und Werther. Anna Sutter und viele andere hätten nicht sterben müssen. Heute kennen wir das Kraut, das gegen solche krankhafte Liebe gewachsen ist.

 

Jules Massenets „Werther“ an der Oper Stuttgart ist wieder zu sehen ab 12. Juni 2022: https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/a-z/werther/

Das Schicksal der Stuttgarter Opernsängerin von Anna Sutter wurde zu ihrem 100. Todestag sehr gut aufbereitet bei RONDO: https://www.rondomagazin.de/artikel.php?artikel_id=1494

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