Gutgelaunt Richtung Abgrund

Wagners „Rheingold“ und die Schuldenbremse 

Mit diesem alt gewordenen Patriarchen würde kein Familienunternehmen glücklich werden. Selbstbezogen regiert er sein Reich, seine Familie lungert verwöhnt herum. Schlapp und ohne eigene Meinung lässt er sich von seiner Frau verleiten, für den Clan ein neues Haus bauen zu lassen, obwohl er schon bei Auftragserteilung weiß, dass er den Preis dafür nicht bezahlen kann. So kommt es denn auch, als die noble Hütte fertig ist. Die Baufirma verlangt ihren Lohn, aber die Kasse ist leer.

Der Göttervater Wotan als Zirkusdirektor.
Foto: Matthias Baus, bereitgestellt von der Oper Stuttgart

Sein Generaldirektor soll das Problem lösen. Letztlich fällt auch dem nichts Besseres als ein Raubzug ein. Immerhin, der ist listig geplant. Der Coup gelingt, und die eroberte Beute begleicht die Rechnung der Baukosten. So gelingt es dem Patriarchen tatsächlich, unter lautem Jubelklang mit seiner ganzen fragwürdigen Sippschaft in das neue Prachtgebäude einzuziehen. Das schale Glück ist auf unsolidem Boden errichtet, wie alle wissen und ahnen – aber wen kümmert´s? The Show must go on!

Der „Ring“: Epos, Gesamtkunstwerk, Krimi

Dies ist eine verkürzte (und auch stark vereinfachte) Zusammenfassung der Handlung des „Vorabends“ für das danach folgende dreiteilige (also insgesamt eigentlich vierteilige) Opernwerk „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner. Der erste Abend ist der kürzeste Teil dieses Riesenwerks, heißt „Das Rheingold“ und dauert „nur“ gut zweieinhalb Stunden. Erzählt wird die Vorgeschichte des Dramas, das sich danach entspinnt. Das hier vorgeführte Familienunternehmen ist nichts weniger als die Götterwelt, und im verlogenen Unrecht des Anfangs ist alles angelegt, was am Ende nach mehr als siebzehn Stunden Musik mit der „Götterdämmerung“ im Untergang der Mächtigen enden wird.

Der „Ring“ ist ein großes Gesamtkunstwerk, ein Epos über alles, was die Welt zusammenhält, und deshalb auch ein Krimi um Liebe, Geld und Macht. Dieser große märchenhafte Entwurf tut gut in unserer auf hektische Kurzfristigkeit angelegten Gegenwart. Aber Wagners eigenwilliges Weltengemälde ist eben auch komplex und umstritten, so wie es Wagner selbst gewesen ist zu Lebzeiten und bis heute.

Die Bilder aus der Stuttgarter Inszenierung des „Rheingold“ (Regie: Stephan Kimmig) waren  Inspiration für den saloppen Einstieg in diese Kurzzusammenfassung. Denn im Opernhaus am Eckensee ist nichts mehr übrig vom Heldenepos, der in Richard Wagners Fantasie zumindest noch partiell eine Rolle gespielt haben mag. Hier nimmt der Untergang der Götterfamilie höchst ironisch und sehr unterhaltsam in Form eines maroden Zirkusbetriebs Fahrt auf, schnurstracks dem moralischen Abgrund entgegen.

„Wir sind angefeuert vom Drang, etwas zu besitzen“

Dieser Einstieg in den vierteilig dahintreibenden Untergang der Götterwelt ist eine wunderbar sinnliche Geschichte, eine Parabel für die Anzeichen und katastrophalen Folgen von Moralverfall und Machtmissbrauch. „Wir üben Gewalt gegeneinander und übereinander aus“, sagt Regisseur Stephan Kimmig in einem Interview im Programmheft, „angefeuert vom Drang, etwas zu besitzen, was uns das Gefühl verleiht, wertvoller, mächtiger, größer und bedeutender zu sein als die Anderen.“

Sorgloses Treiben der Götter auf der Stuttgarter Opernbühne
Foto: Matthias Baus, bereitgestellt von Oper Stuttgart

Das Geschehen auf der Bühne lädt also ein zum Grübeln darüber, ob am Ende immer das Geld über die Moral siegt. „Wir verraten permanent die Liebe, das Mitgefühl mit anderen“, wie Kimmig im gleichen Interview ausführt. Seine Inszenierung gestaltet einen zeitaktuellen Abend, der jeder Fantasie über Parallelen des Gesehenen zum aktuell Erlebten freien Lauf lässt.

Eine davon könnte zum Beispiel ein Nachdenken über das hartnäckige Festhalten des aktuellen deutschen Finanzministers an der grundgesetzlich verankerten „Schuldenbremse“ sein. Im Hinblick auf die aktuellen Nöte und Erfordernisse mag sie lästig sein, aber wohin es führt, wenn es kein Halten mehr gibt, keine Moral, keinen Anstand bei der allseitigen Wunscherfüllung – das ist eben im „Rheingold“ zu besichtigen.

Kurzfristige Problemlösung mit einem Raubzug

„Prioritäten setzen“, wäre angesagt gewesen im maroden Götterstaat, ganz so wie Christian Lindner es heute für Deutschland fordert. Es ist tröstlich und demaskierend zugleich, dass die Götter in der Nibelungenwelt von Richard Wagner dazu genauso wenig Spielraum haben, wie die Politik von heute. Die Wahrheit ist nämlich: Wenn der Staat wirklich „Prioritäten“ setzen würde, wäre der Grad der verhassten Veränderungen in der Gesellschaft noch viel größer, als wenn er schuldenfinanziert möglichst viele Wünsche erfüllt, damit vieles so bleibt wie es ist.

Ein Abbau des Sozialstaates, der für viele das blanke Überleben sichert, kann kaum so viel Geld erbringen, wie nötig ist, um den weiteren Verfall unserer Infrastruktur aufzuhalten. Noch dazu leisten wir uns gegen jede Vernunft so manche moderne Götterburg: Klimaschädliche Subventionen für Diesel- und Flugbenzin, noch immer neue Autobahnen statt funktionierender  Schienenwege, Luxuslofts statt Sozialwohnungen. Rheingold-Wotan handelt also genauso rational, wie es die Politik in Deutschland früher oder später tun wird: Gegen alle Moral sich doch mehr Schuld(en) aufzuerlegen, um möglichst vieles zu ermöglichen, was unseren Wohlstand sichert. Wotan löst sein Problem übrigens kurzfristig mit purer Kriminalität – durch einen Raubzug. Wie wäre es für Christian Lindner, endlich für eine konsequente Verfolgung von Steuerbetrug zu sorgen?

Im „Rheingold“ ziehen die selbstverliebten Götter am Ende gutgelaunt und gewissenlos ein in ihr neues Haus, angelockt von seiner Pracht und Schönheit, aber noch blind für die Schuld, die sie um des schönen Baus willen auf sich geladen haben. Auf den Staat und sein Schulden-Dilemma zu schimpfen, ist einfach. Auf sich selbst zu blicken, dagegen schwer: Wer könnte sich gewiss sein, nicht bereits selbst solcher eitler Verblendung unterlegen gewesen zu sein?

Ein Besuch des „Rheingold“ ist eine überaus unterhaltsame Gelegenheit, sich dessen bewusst zu werden.

 

 

Dieser Text ist eine aktualisierte Neufassung eines Essays aus dem November 2021 nach der Premiere der Neuinszenierung in Stuttgart. Er erhebt nicht den Anspruch einer Aufführungskritik. Mein Fokus liegt ausschließlich auf dem (kultur-)politischen Aktualitätsbezug von Werk und Inszenierung. Daher gibt es in diesem Text auch nur Bemerkungen zur Konzeption der Inszenierung, nicht zu den Leistungen von Sänger/innen und Orchester.

 

Das „Rheingold“ ist an der Stuttgarter Oper ist in der laufenden Saison 23/24 noch viermal zu sehen: am 7. und 25. Mai, 10. und 13. Juni. Auf der Website der Oper Stuttgart sind auch zahlreiche weiterführende Informationen aufbereitet (einschließlich einer kompletten Handlungsbeschreibung): https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/kalender/das-rheingold/4277/

 

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier.  

Dort finden Sie auch Texte zu den anderen Teilen des „Ring“:

Die Walküre

Siegfried

Götterdämmerung

sowie eine an die Ring-Idee angelehnte moderne Parabel: „Der Ring des Diktators“

Die charmante Ambivalenz des Deutschen

Historische Ermittlungen eines Nichtextremisten

Man dürfe den Stolz auf das Deutsche nicht den Rechtsextremen überlassen, hatte der Nichtextremist gehört und als überzeugend empfunden. Nur: Was alles ist „das Deutsche“, auf das er stolz sein darf?

 

Der Stolz der Deutschen? In der Walhalla bei Regensburg ehren 132 Büsten herausragende Persönlichkeiten, die deutsch sprachen.

Die Sprache sei es, hatte Ludwig I., König von Bayern, festgelegt, als er den Anstoß gab zu dem Bau, zu dem es nun gilt, sich im kalten Frühlingswind über 479 Stufen heraufzuquälen. Das Deutsche, das ist vielleicht der Kyffhäuser, das ist Weimar und Heidelberg, Neuschwanstein und der Kölner Dom, und auch dieser Ort: Ein Tempel als geistige Weihestätte für die großen Denker und Helden, die dem Deutschen über Jahrhunderte ihr Gepräge gaben.

Die „Walhalla“ sollte Deutschland gehören, aber Bayern gibt sie nicht her

Der Tempel heißt „Walhalla“ und steht seit 1842 in Ostbayern hoch über der Donau, nahe bei der mittelalterlichen Großstadt Regensburg. Ein bisschen sieht er aus wie die berühmte Akropolis von Athen, nur gänzlich unversehrt. Der säulenumstandene Bau ist auch nur knapp zweihundert Jahre alt, noch dazu hat ihn vor nicht allzu langer Zeit die bayerische Staatsregierung gründlich renovieren lassen. Dem Freistaat gehört die Walhalla, was eine Erwähnung wert ist. Der stiftende König, trauernd über die das Deutsche trennenden Spaltungskriege Napoleons, hatte einst anderes verordnet. Der Tempel solle einem „deutschen Bund“ gehören, wenn er wieder erstünde. Das hätte sich seither mehrfach so eingestellt, zuletzt nach dem 3. Oktober 1990, aber die Bayern haben die Walhalla immer behalten wollen, und die Bundesregierung hat bis heute andere Sorgen.

Wenn der Nichtextremist in seiner körperlichen Begrenztheit die Treppe endlich hinter sich gebracht hat und schnaufend die mit rotem Marmor ausgekleidete große Halle betritt, dann wartet der ungebrochene Stolz des Deutschen auf ihn. 119 Männer und nur 13 Frauen, die sich in deutscher Sprache unsterblich gemacht haben durch herausragende Leistungen der Staatskunst, der Wissenschaft oder der Künste blicken stumm auf ihn herab. Von mittelalterlichen Königen und Kaisern, von Barbarossa bis zum alten Fritz, von Luther bis Konrad Adenauer, von Goethe und Schiller bis Sophie Scholl – sie alle sind hier als Marmorbüsten verewigt.

Währt wahrer Ruhm wirklich ewig?

Da schlurft er also entlang, der dem Deutschen zugewandte Nichtextremist, ein Durchschnittsmensch in Freizeitkleidung und praktischem Schuhwerk, schlendert entlang an dieser übermächtigen nationalen Ahnengalerie, duckt sich weg unter dem Druck der Geschichte, der Last von Verantwortung und Wissen, von Mut und Demut und Übermut, eingeschüchtert vom dröhnenden Schweigen dieser verewigten Matadoren des Deutschen.

Verewigt! Währt wahrer Ruhm wirklich ewig? Viele in den Büsten Abgebildete sind längst weitgehend vergessen, und ohne scheuen Blick auf den Museumsführer oder in das allwissende Netz entschlüsselt sich oft ihre historische Bedeutung nicht. Der Ruhm verblasst. Immerhin gab es in der Walhalla seit ihrer Eröffnung noch nie die Not, eine Büste wieder entfernen zu müssen. Als Adolf Hitler im Jahr 1937 dorthin kam, um das Marmor-Ebenbild des von ihm verehrten Komponisten Anton Bruckner zu enthüllen, mag er gewiss gehofft haben, einst selbst hier gemeißelt herabzublicken. Aber die bis heute gültige, kluge Regel, dass man mindestens zwanzig Jahre tot sein muss, um überhaupt in die Erwägung einer Aufnahme in den Ehrentempel gezogen zu werden, schützt vor vorschneller Ehrung, die man dann später peinlich korrigieren müsste.

Der Stolz der Deutschen? Die traurigen Reste der „Siegesallee“ von Berlin, jetzt als Dauerausstellung in der Zitadelle Spandau.

Die Walhalla stand schon sechzig Jahre, als der deutsche Kaiser Wilhelm II. eine ähnliche Idee für Berlin hatte. Er verfügte im deutsch-nationalen Siegesrausch nach dem gewonnenen Frankreich-Krieg von 1870/71 den Bau einer „Siegesallee“ quer durch den Tiergarten. 32 Denkmalgruppen wurden dafür flugs gemeißelt und innerhalb von sechs Jahren entlang eines Prachtboulevards aufgestellt.

Schon bald wurde die Siegesallee als „Puppenallee“ verspottet

Aber die Welt ist ungerecht. Während die bayerische Walhalla alle Unbill der nachfolgenden Geschichte weitgehend unbeschadet überstand, war der von der Berliner Bevölkerung schon bald als „Puppenallee“ verspotteten Siegesallee nur eine kurze Lebensdauer gegönnt. Diese Figuren hatten es schwer: Sie standen inmitten des Tumults der deutschen Reichshauptstadt im Freien und nicht in der Provinz gut geschützt im Tempel oberhalb der Donau. Schon zwanzig Jahre nach ihrer Fertigstellung, während der unruhigen Wochen der deutschen Novemberrevolution 1918, wurden sie rüpelhaft beschädigt und beschmiert. Dann standen sie den Plänen der Nationalsozialisten im Weg, was aus heutiger Sicht eine Ehre ist. So wurden die Skulpturen der Siegesallee zu Verlierern der Geschichte, umgesetzt, im Krieg erneut beschädigt und schließlich auf Kommando der Alliierten ganz abgeräumt und zum größten Teil im Park vergraben.

Dreißig Jahre später, 1978, machten sich Denkmalfreunde daran, die alten Figuren auszugraben oder zusammenzusammeln, soweit sie noch auffindbar waren. Und so stehen heute Teile der Siegesallee wieder, wenn auch nicht mehr im Zentrum Berlins, sondern am äußersten Rand der Bundeshauptstadt. In die Zitadelle von Spandau, durch den ersten Hof und dann nach rechts in das „Proviantmagazin“, dort durch die Stahltür – und da sind sie dann, die deutschen Helden der Siegesallee, zusammengepfercht, längst nicht so prächtig, aber immerhin so gut geschützt wie die Büsten der Walhalla.

Die gefallenen Denkmäler warten im „Provinatmagazin“

Wahrer Ruhm währt ewig? Das Kopf des gefallenen Lenin-Denkmals von Friedrichshain (Zitadelle Spandau) …

„Enthüllt“ heißt diese Dauerausstellung, die gefallene Denkmäler aus Berlin zeigt. Zum größten Teil ist sie mit den traurigen Resten der Siegesallee gefüllt. Der kleinere Teil dieser Gegen-Walhalla, dieses Depots der peinlichen Erinnerungen der Deutschen, widmet sich den Jahren nach 1933: Der athletische „Zehnkämpfer“ des Hitler-Lieblings Arno Breker, den Adolf Hitler einst – ausweislich einer Widmung im Sockel – dem „Reichssportführer“ zum 50. Geburtstag schenkte. Nach dem Krieg fand sogar die britische Besatzungsmacht den bronzenen Jüngling schön genug, um ihn im Garten ihrer Kaserne aufzustellen. Oder ein riesiges schreitendes Pferd von Albert Speers „Germania“-Phantasien. Der abgeschlagene Kopf des Lenin-Denkmals aus Friedrichshain lagert dort, der Sockel eines Thälmann-Monuments mit selbstgerechtem Honecker-Zitat lädt zum Fremdschämen über sozialistische Eitelkeit ein. Es ist ein radikaler Gegensatz zwischen dem prachtvollen Heldentempel der Walhalla und dem spartanischen „Proviantdepot“ für gefallender Denkmäler am Rande von Berlin, der viel erzählt über den Stolz auf das Deutsche.

Kollwitz in der Walhalla, der Glasquader in der Zitadelle

… oder der ausgemusterte Glasquader aus der Neuen Wache in Berlin (Zitadelle Spandau).

Und da drängt sich doch tatsächlich auch noch der konservative Bundeskanzler Helmut Kohl ins Bild. Die Verbindungslinie von der Walhalla über die Spandauer Zitadelle zu Helmut Kohl führt vorbei an Säulen, die denen der Walhalla gleichen. Es sind die Säulen am Eingang der Neuen Wache unter den Linden von Berlin. Dort gedachte während der DDR-Zeit ein gläserner Quader mit einer ewigen Flamme in seiner Mitte der „Opfer des Faschismus und Militarismus“.

Was der Kanzler der Einheit an diesem Glasgebilde auszusetzen hatte, bleibt rätselhaft. An seiner Stelle steht nun jedenfalls in der Neuen Wache eine Pieta der sozialistisch orientierten Künstlerin Käthe Kollwitz. Sie zeigt die trauernde Mutter Kollwitz mit ihrem im Krieg gefallenen Sohn. Gedacht wird jetzt der „Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“. Die Entscheidung für die Kollwitz-Skulptur wird Kohl zu geschrieben, künstlerisch wie historisch ist sie bis heute nicht unumstritten: Die ursprünglich kleine Miniatur wurde auf Überlebensmaße vergrößert. Und wird dieses Abbild einer Mutter, die um ihren toten, im Krieg umgekommenen Sohn trauert, der Vielfalt der Opfer des NS-Grauens gerecht?

Worauf der Nichtextremist stolz ist

Käthe Kollwitz – Büste von 2019, aufgestellt in der Walhalla.

Auch ein solcher Streit ist deutsch. Käthe Kollwitz starb 1945 wenige Tage vor Kriegsende. Nicht zwanzig, sondern 74 Jahre später, im Jahr 2019, wurde ihre Büste in der Walhalla aufgestellt und enthüllt. Bei aller möglicher Kritik an Helmut Kohl bleibt festzuhalten, dass er mutig genug war, diese ihm politisch absolut fernstehende Künstlerin mitten hinein in das Herz der deutschen Gedenkkultur zu holen. Und der verbannte, erloschene DDR-Glasquader von 1960 wartet in Spandau auf eine neue Verwendung.

So ist im Deutschen immer beides möglich: Großer Ruhm und schreckliche Schuld, stumme Verehrung und beredte Verachtung, rechter Kohl und linke Kollwitz. Es ist diese charmante Ambivalenz des Deutschen, auf die der Nichtextremist stolz ist.

 

Mehr Informationen und alle Services rund um einen Besuch der Walhalla finden Sie hier, der Dauerausstellung „Enthüllt“ in der Zitadelle Spandau hier.

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Alte Männer und ihre Koffer

Hinter der Maske verschwindet die Gier nach Ruhm: Manfred Zapatka als „Minetti“ am Residenztheater München (Regie Claus Peymann; Foto: Monica Rittershaus, bereitgestellt von Residenztheater München)

Über „Minetti“ im Theater und Gerhard Schröder im wirklichen Leben

Es wäre doch eine schöne Vorstellung, wenn ein alter Mensch seine Verdienste, die Nachweise der eigenen Unverzichtbarkeit, in einem Koffer mit sich herumtragen könnte. Was wäre in diesem Koffer drin? In Angela Merkels Koffer vielleicht die griechischen Ausgaben des Euro, von jeder Münze, die die Athener Zentralbank ausgegeben hatte, ein Exemplar. Oder eines der vielen gespendeten Kuscheltiere, wie sie im Sommer 2015 massenhaft am Münchner Hauptbahnhof bereitlagen. Die Geflüchteten aus Budapest kamen dort an und wir alle waren noch stolz auf unsere Menschlichkeit, statt sich ihrer wie heute zu schämen. Oder ein Modell der nie gebauten Magnetschwebebahn zwischen diesem Münchner Bahnhof und dem Flughafen im Koffer von Edmund Stoiber? Natürlich eine Gitarre im Koffer von Wolf Biermann!

In Minettis Koffer ist eine Maske. Geschaffen habe sie ein bekannter belgischer Künstler, sagt der alte Schauspieler. Wie sie aussieht, diese Maske, die „Minetti“ einst getragen haben will, um Shakespeares „Lear“ – natürlich unvergleichlich – auf die Bühne zu bringen, bleibt bis zuletzt verborgen. Die Maske ist in dem Theaterstück „Minetti“ von Thomas Bernhard, das derzeit im Münchner Residenztheater zu sehen ist, der Cliffhänger. Die Maske hält die Spannung aufrecht in diesem weitgehend als Monolog angelegten Bühnenstück. Eineinhalb Stunden bekommt in München der auch schon alternde Schauspieler Manfred Zapatka Zeit, unter der Regie des 80-jährigen Claus Peymann „Minetti“ zu spielen, den alten Mann, angelehnt am großen Schauspieler Bernhard Minetti. Vom Leben und von der Sucht nach Ruhm ein wenig sonderlich geworden ist dieser Bühnen-Minetti – und alle warten darauf, endlich sehen zu können, was in dem Koffer ist.

In „Außer Dienst“ schiebt Schröder keinen Koffer, sondern einen Golfwagen

Etwas kürzer, nur eine Stunde, dauert die überaus sehenswerte ARD-Dokumentation „Außer Dienst“ von Lucas Stratmann zum achtzigsten Geburtstag von Gerhard Schröder. Einen Koffer schiebt dort anfangs Schröder nicht vor sich her, sondern einen Golfwagen. Was wäre in seinem Koffer, wenn er einen hätte? Vielleicht eine sorgsam verpackte, tönerne Friedenstaube, weil er unser Land herausgehalten hat aus dem verbrecherischen Irak-Desaster des George W. Bush. Oder ein Bündel Geldscheine, symbolisch für das Wirtschaftswachstum, das die Reformen seiner unpopulären „Agenda 2010“ auf längere Sicht vielen Menschen in Deutschland Wohlstand verschafft hat. Auch wenn dieser zusammengespart war aus der gewachsenen Armut derer, die unter die Räder gerieten beim Abbau des Sozialstaates. Eine zusammengefaltete Traditionsfahne der SPD könnte drin sein, verstaubt und mottenzerfressen, weggepackt von seiner Partei, die sich bis heute nicht erholen konnte von Schröders toxischer Selbstherrlichkeit. Oder eine Maske, aber welche?

Demaskiert in seiner egozentrischen Begrenztheit ist der alte „Minetti“ längst, als er zum Ende des Theaterabends schließlich die Maske herausholt aus dem Koffer und aufsetzt. Große Ideen hat er verfolgt, die entscheidenden Fragen der Kunst malträtiert und wurde von ihnen gequält: Das Alte pflegen, oder das Neue wagen? Er beklagt sein Scheitern am konservativen Geist der Kulturbürokratie. Schon nach wenigen Minuten im Theater ist klar: Dieser alte Künstler hat den Höhepunkt seines Schaffens längst hinter sich, die Zeit ist an ihm vorübergezogen, der alte Mann hat fertig. Alle wissen es, alle merken es, nur er selbst nicht. Nun hofft er auf einen letzten Auftritt mit der sagenumwobenen Maske, die im Koffer wartet.

Welche Maske wäre in seinem Koffer? Gerhard Schröder im Herbst 2023 in Hannover. (Foto: Bernd Schwabe Hannover via Wikipedia)

„Armselige Gestalten“ nennt Schröder seine Genossen

„Armselige Gestalten“ seien das, sagt Gerhard Schröder in der ARD-Dokumentation über diejenigen, die ihn heute in Deutschland kritisieren. Man gehe ungerecht mit ihm um, aber das störe ihn nicht wirklich. Ganz generell erlebt man am Fernsehschirm eindrücklich, dass dieser Altkanzler nicht gerne zuhört. Er redet lieber: „Ich brauche für mein Lebenswerk nicht die Zustimmung der jetzigen SPD-Führung.“ Es ist eine ganz spezifische Form von schauspielerisch vorgeschobener, kokettierend dröhnender, eitler Un-Bescheidenheit, die der Altkanzler vorträgt.

Das Fernsehteam begleitet ihn auf einer „Geschäftsreise“ durch China. Wer die Reise bezahlt, interessiert ihn nicht, auch nicht, welche Motivationen seine Gastgeber leiten, ihn herumzureichen wie den Wanderpokal eines in die Jahre gekommenen Wettbewerbs. Kein Wort versteht er, wenn die chinesischen Claqueure ihm ein Dokument unterscheiben lassen, wenn ihm fahnenschwingende Kinder Blumen überreichen. Seine in China gesprochenen Worte sind für die Fragen des Jetzt von erschreckend platter Irrelevanz. Aber er kann es nicht lassen, mit sonorer Stimme ein weltpolitisches Gewicht zu simulieren, das er längst nicht mehr hat. „Wir machen doch hier kein Märchen!“, schnauzt er den Reporter Stratmann an, als dieser ihn nach der moralischen Seite seiner Kontakte zu Wladimir Putin befragt.

Nichts kann bestehen neben der Gier nach Ruhm

Nach eineinhalb Stunden weiß der Theaterbesucher längst, dass dieser „Minetti“ (anders als der Schauspieler Bernhard Minetti) gemessen an seinem Ego eine verheerende Lebensbilanz ziehen müsste, wenn es darauf ankäme. Er ahnt die nächste Demütigung, auf die er wartet, wenn jener Theaterleiter zum vereinbarten Treffen nicht einmal erscheint, das ihn auf einen letzten Auftritt als „Lear“ hoffen ließ. Aber die Gier nach Ruhm ist zu stark, nichts kann daneben bestehen. Vielleicht war dieser „Minetti“ ein liebender Familienvater und ein empathischer Mensch, voller Humor und geistreich im Gespräch mit allen, die mit ihm waren. Aber nichts davon wartet in seinem Koffer. Nur vergilbte Zeitungsausschnitte über seinen umstrittenen Theaterruhm. Und die Maske.

Als er die Maske schließlich herausholt, als er sie endlich aufsetzt, verschwindet die ganze eitle Selbstgerechtigkeit des alten Mannes hinter einer kunstvollen Fratze, einem wahren Kunstwerk, das sich viel stärker eingräbt in die Erinnerung des Zuschauers, als die ganze kleinliche Selbstverliebtheit desjenigen, der nicht loslassen konnte.

Gerhard Schröder weiß nichts von einem Koffer. Welche Maske wäre darin, wenn er sich doch trauen würde, ihn zu öffnen? Nicht die mit den Gesichtszügen seines Freundes Putin, das wäre zu billig, und würde auch dem Lebenswerk Schröders nicht gerecht. Es wäre vielleicht viel schlimmer: Gar keine Maske wäre drin, alles leer, nur ein paar Geldscheine.

„Minetti“ am Residenztheater München gibt es noch am 2. und 21. Mai 2024 zu sehen.

Die ARD-Dokumentation „Außer Dienst“ über Gerhard Schröder ist bis 2.4.2026 in der Mediathek abrufbar.

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„Ehre ist Zwang genug“ – Eine Tugend stürzt ab

Über den Verfall der Selbstachtung im politischen Diskurs

Gibt es noch so etwas wie Ehre im politischen Diskurs? Zählt es noch etwas in Zeiten von Fake News, Populismus, schnellen Schüssen, wenn jemand versucht, ehrenvoll zu sprechen und zu handeln?

„Ehr is dwang nog – Ehre ist Zwang genug.“ Dieser aus dem Mittelalter stammende Spruch ziert ein Kaufmannshaus in Münster. Die Historikerin und Schriftstellerin Ricarda Huch interpretierte 1927 den Satz so: „Der Freie, und das ist nach der damaligen Auffassung der Edle, erträgt keinen Zwang, aber er zwingt sich selbst.“

„Die Ehre ist, objektiv, die Meinung anderer von unserem Wert“, sezierte klug schon vor rund zweihundert Jahren der Philosoph Arthur Schopenhauer. Wenn also sehr viele politische Zeitgenossen beispielsweise von Donald Trump oder Wladimir Putin glauben, dass auf ihr politisches Wort nicht wirklich Verlass sei, da sie ihre Aussagen schon allzu oft geändert haben, oder sie allzu schnell bereit sind, zulasten der Wahrheit zuzuspitzen, willentlich zu verletzen – dann wird solchen Menschen nach Schopenhauer nur eine sehr zurückhaltende „Meinung anderer“ von ihrem Wert begegnen – also eine geringe Ehre.

„Subjektiv“, so schrieb Schopenhauer jedoch weiter, „ist die Ehre unsere eigene Furcht vor dieser Meinung der anderen“. Wer den wenig Geehrten seine Wertlosigkeit also spüren lässt, der mag objektiv vielleicht Recht haben, aber trotzdem kränkt er möglicherweise die Ehre seines Gegenübers.

1895

In dem Roman „Effi Briest“ von Theodor Fontane geht es (auch) um eine Ehrverletzung. Der erfolgsverwöhnte Baron von Innstetten, Spitzenbeamter im Berliner Regierungsapparat kurz vor Ende des 19. Jahrhunderts, heiratet Effi, eine viel zu junge Frau. Eine Tochter erblickt das Licht der Welt, aber der Baron vernachlässigt Frau und Familie zugunsten der Karriere. Mehr als sechs Jahre später entdeckt er durch einen unglücklichen Zufall, dass Effi sich in dieser Zeit auf ein außereheliches Techtelmechtel mit einem Offizier eingelassen hat. Effi wird in Schimpf und Schande verstoßen, das Kind dem „schuldlosen“ Vater (oder besser gesagt: einer von ihm beauftragten Amme) anvertraut.

Aber damit ist die Geschichte nicht zu Ende. Denn in der Moralvorstellung seiner Zeit hat nicht nur die treulose Ehefrau die Gefühle ihres Mannes verletzt, sondern vor allem der lotterhafte Nebenbuhler die Ehre des gehörnten Gatten. Der Baron sinnt nicht auf Rache, aber er hat auch das Gefühl, dass der Regelverstoß nicht hingenommen werden darf. Also denkt er einige Tage nach über die bedrückende Lage, und bittet dann seinen besten Freund Wüllersdorf zu sich: Er solle ihm als Adjutant dienen beim Duell mit dem Liebhaber. Es entspinnt sich im Roman an dieser Stelle ein Dialog, auf den noch einzugehen sein wird.

2024

Es gibt keinen Grund, über solche Duelle der Vergangenheit den Kopf zu schütteln, gehören doch bei vergleichbaren Lebensbrüchen Ehrenmorde, Kindstötungen und Femizide als feste Größe in die Kriminalstatistik von heute. Verletzte Ehre treibt Menschen (vor allem Männer) noch immer zu den aberwitzigsten, oft mörderischen Grausamkeiten. Und das, obwohl der Begriff der „Ehre“ spätestens seit seinem Missbrauch durch die Nationalsozialisten mindestens für die Deutschen nachhaltig beschädigt ist.

Gibt es noch so etwas wie Ehre in der Politik? Zählt es noch etwas in Zeiten von Fake News, Populismus, schnellen Schüssen, wenn jemand versucht, Wort zu halten, ehrlich zu sein, vielleicht auch ehrgeizig in der Sache – kurz: ehrenvoll zu sprechen und zu handeln?

Politisch denkende Menschen tragen alltäglich Duelle aus, soweit sie sich nicht nur in der eigenen „Blase“ bewegen: Sie streiten für oder gegen die Aufnahme von Geflüchteten, für oder gegen die Wärmepumpe, für oder gegen die Atomkraft. Die einen verstehen eher die Angst der Juden, die anderen vor allem das Leid der Palästinenser, manche fordern mehr Waffen für den Krieg, und andere mehr Einsatz für den Frieden.

Zum Pistolenkampf kommt es dabei nicht, aber die Worte können hin und her schießen wie Kugeln, können verletzen und Wunden reißen. Die grobe Missachtung von Tatsachen, wissentliches Lügen, billiges Nachhängen an absurden Verschwörungserzählungen sind keine „Meinung“. Pauschaliert-herabsetzendes Sprechen über Dritte („Viele Bürgergeld-Empfänger sind faul“, „Die meisten Ausländer sind kriminell“, „Blonde Frauen sind dumm“) verletzen nicht nur die Ehre derer, über die gesprochen wird, sondern auch das Ehrgefühl jedes Zuhörenden, wenn er einen ehrenvollen Kompass hat. Dabei ist es ganz egal, ob solche Grobheiten von politischer Prominenz verbreitet werden oder im persönlichen Gespräch. „Ehre ist Zwang genug“ – wenn das gelten würde, dürften solche Sätze nicht fallen.

1895

„Ihre Lage ist furchtbar, und Ihr Lebensglück ist hin“, konzediert bei Fontane der herbeigerufene Freund Wüllersdorf dem vor Jahren ehelich betrogenen Baron von Innstetten. „Aber wenn Sie den Liebhaber totschießen, ist Ihr Lebensglück sozusagen doppelt hin. Muss es also sein?“, fragt der Freund.

„Ja, es muss sein“, antwortet der Baron. Weder treibe ihn Rache um, noch Hass auf seine Frau oder ihren Liebhaber. Aber man sei eben nicht nur ein einzelner Mensch, sondern stehe für das „Ganze“, die Gesellschaft habe Regeln herausgebildet, an die man sich halten müsse. „Und dagegen zu verstoßen, geht nicht; die Gesellschaft verachtet uns, und zuletzt tun wir es selbst.“

2024

Das muss man aushalten, sagen deutsche Politiker häufig, wenn sie auf harte Kritik, auch auf ehrverletzende Pöbeleien angesprochen werden. Da dürfe man nicht wehleidig sein, das gehöre zum „Geschäft“. Dabei hat es die Ehre sogar ins Grundgesetz geschafft. Das umfassende Recht auf Meinungsfreiheit findet in Artikel 5 seine „Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.“ Man muss also nicht dulden, beleidigt oder verleumdet zu werden.

Wer in seiner politischen Ehre, in der Redlichkeit seines Denkens und seiner Argumentation, im Willen um einen ehrenvollen Austausch missachtet und verletzt wird, der wird auch um das Zuhören, das Nachdenken, vielleicht sogar das überzeugte Einlenken, betrogen. Ratlos steht er dann vor den Trümmern seines Ehrgefühls. Soll er weiter argumentieren, noch einen Versuch machen, weitere Statistiken heranzerren, glaubwürdige Zeugen seiner Position benennen? Soll er weiter kämpfen für das „Ganze“, für die Werte, die doch diese Gesellschaft zusammenhalten sollten? Oder sollte er schweigen, um des lieben Friedens willen – und auf Kosten seiner Selbstachtung einlenken?

1895

„Die Gesellschaft verachtet uns, und zuletzt tun wir es selbst“, hatte Innstetten gesagt. Sein Freund Wüllersdorf gibt sich geschlagen. „Unser Ehrenkodex ist ein Götzendienst“, stellt er resigniert fest, „und wir müssen ihm uns unterwerfen, solange der Götze gilt.“ Also überbringt er schon am nächsten Tag dem unglücklichen Liebhaber die mörderische Aufforderung zum Duell und organisiert das Zusammentreffen. Der Baron schießt, trifft tödlich.

Dem Götzen wurde geopfert. Aber Innstetten bleibt sein Leben lang unglücklich ob des Todes, den er der Ehre halber verschuldet hat. „Nichts gefällt mir mehr,“ sagt er ein paar Jahre später im Roman zu Wüllersdorf, „mein Leben ist verpfuscht.“

2024

Absurd mutet uns heute die Logik des „Götzendienstes“ am Ehrenkodex der beiden Romanfiguren an. Wie gut, dass wir solche Rituale im Regelfall nicht mehr benötigen. Aber immerhin, sie hatten ein Ehrgefühl, und die Gesellschaft um sie herum erwartete ehrenhaftes Verhalten. Inzwischen ist es längst nicht mehr „Zwang genug“, auf die eigene Ehre zu achten, ganz im Gegenteil. Heute bekommt das böse Wort den schnellen Beifall, die vielen Klicks und Likes. Politischer Erfolg ist nun ohne Ehrgefühl möglich.

So fühlt es sich dann also an, wenn man sich selbst verachtet.

 

 

Der Roman „Effi Briest“ von Theodor Fontane (1819 – 1898) ist 1895 erschienen und wurde mehrfach verfilmt. Schauen Sie in Ihrer Büchersammlung nach, vielleicht finden Sie ihn dort. Es lohnt sich, ihn einmal wieder zur Hand zu nehmen. Wenn nicht, ist er kostenlos online verfügbar, z.B. hier. 

Ein für mich erhellender Text war die „Spurensuche“ zum Thema Ehre des Deutschlandfunks: Über einen schwierigen Begriff – Der Kampf mit der Ehre

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Vom Blick der Ergebenheit auf große Aufgaben

Nachdenken über Jeff Walls Fotokunstwerk „Restoration“ – und den neuen Bahnhof von Stuttgart

Eine junge Frau blickt in die Weite. Sie hat dunkle Haare, ein scharf geschnittenes Gesicht, trägt eine Brille aus dünnem, dunklen Metall. Sie steht auf einem Baugerüst, stützt sich auf das provisorische Geländer. Hinter ihr ist eine weitere Frau von hinten zu erkennen, die sich mit feinem Pinsel an der Wand zu schaffen macht. Auf den zweiten Blick versteht der Betrachtende: Das sind keine Handwerkerinnen. Kleine Papierzettelchen markieren weitere Stellen, die der sachkundigen Aufmerksamkeit der beiden Frauen bedürfen. Sie renovieren ein Gemälde, das viel größer ist als sie selbst. Es ist etwas wahrhaft Großes, an dem sie arbeiten.

Ein meditativer Blick der Ergebenheit in die Größe der Aufgabe: Bildausschnitt aus „Restoration“ von Jeff Wall

Diese Zeilen beschreiben einen Ausschnitt aus einem sehr großen Foto. Das hinterleuchtete Bild misst fast fünf Meter in der Breite und 120 Zentimeter in der Höhe, und ist im Besitz des New Yorker Museum oder Modern Art (MoMA). Komponiert hat es der kanadische Fotokünstler Jeff Wall im Jahr 1993. Noch bis 21. April ist es im Rahmen einer Ausstellung in der Fondation Beyeler in Basel zu sehen.

Zu sehen ist eine Baustelle

Die beiden Frauen auf dem Foto stehen im Vordergrund, aber eigentlich ist eine Baustelle zu sehen. Gerüste wurden gebaut, eine Plattform als Arbeitsbühne in die Mitte aus grobem Holz zusammengezimmert. Das „Bourbaki-Panorama“ in Luzern wurde renoviert, als es entstand. Von dem Riesengemälde in seinem Hintergrund sind heute etwa 1000 Quadratmeter erhalten. Sie zeigen die Entwaffnung eines Teils der französischen Armee zum Ende des deutsch-französischen Krieges 1870/71. Gemalt hat es der Künstler Edouard Castres im Jahr 1881; die Renovierung des Kunstwerkes hat sieben Jahre gedauert.

Die Größe einer Aufgabe: Jeff Wall, „Restoration“ in der Fondation Beyeler

Walls Foto heißt „Restoration“ und erzählt nichts über den Krieg, über die Verzweiflung der unterlegenen Soldaten, die Not der Menschen und die Hilfsbereitschaft, die ihnen begegnete. Das alles ist Thema des Panoramabildes. Das große Foto fängt nur einen einzigen Moment ein – den der Meditation, des demütigen Innehaltens der jungen Frau, ihres Nachdenkens über die Größe der Aufgabe, die ihr und ihrer Kollegin gestellt ist. Wann werden sie jemals damit fertig sein?

„Wann wird er endlich fertig sein?“

Vierzehn Jahre wurden von Baubeginn an benötigt, um den neuen Flughafen in Berlin fertigzustellen. Sechzehn Jahre lagen zwischen ersten Planungen und der Eröffnung der Hamburger Elbphilharmonie. „Wann wird er denn nun endlich fertig?“ fragen die Menschen, wenn sie am alten Stuttgarter Kopfbahnhof ankommen und nun schon seit Jahren absurd lange und beschwerliche Umgehungswege hinter sich bringen müssen, um vom maroden Bahnsteig in der taubenverdreckten, zugigen Resthalle, in die Innenstadt oder auch nur zur Anschluss-S-Bahn zu gelangen. Wann wird er endlich fertig, der neue Bahnhof?

Eine Gelegenheit, sich davon ein Bild zu machen – es gewissermaßen der Restauratorin bei Jeff Wall gleichzutun und in die Weite zu blicken – , hat die unter der Riesenbaustelle leidende Bevölkerung alle Jahre an Ostern. Bei „Tagen der offenen Baustelle“ drängen sich die Massen der Neugierigen unter spinnennetzartigem Gerüstgewirr hindurch, stolpern über Metalltreppen und provisorisch ausgebreitete Schalungsbretter durch die Wunde im Herzen Stuttgarts, still staunend und emsig fotografierend. Mehr als 100.000 Besucher waren es dieses Jahr an den drei Tagen, an denen sie eingeladen waren, das auch nach jetzt dreißig Jahren Planung und zwölf Jahren Bauzeit noch immer unvollendete Werk zu besichtigen.

Die Fülle der Aufgaben gleicht einer Hydra

Es ist die Größe einer Aufgabe, die verstummen lässt. Einen solchen Bahnhof zu errichten – in diesem Fall: ihn hineinzugraben in den Untergrund des Zentrums einer Großstadt – gleicht einem geradezu babylonischen Plan. Die elegant geschwungenen Kelchstützen, die komplexen Lichtaugen, die ganze unfassbare Vielfalt und Vielzahl der Aufgaben, die hier geplant und abgearbeitet werden müssen, mit Abermillionen Details, Kabelanschlüssen, Dichtungen, Bewehrungen – sie alle gemeinsam gleichen einer Hydra: jedes gelöste Problem trägt die Gefahr in sich, dass sich zwei neue Herausforderungen auftun. Schließlich ist das, was zu sehen ist, erst der Rohbau, was wird noch alles folgen müssen: Gleise und Bodenbeläge, Lampen und Schilder, Papierkörbe und Signale, Treppen und Aufzüge, Kioske und Toiletten, Bänke und Automaten. Wann wird all das endlich fertig sein?

Die Größe einer Aufgabe macht demütig

Der Blick der jungen Frau vor ihrer Renovierungsarbeit ist kein Blick von Resignation, kein Protest, keine Gleichgültigkeit. Es ist ein Blick der Ergebenheit. Die Größe einer Aufgabe macht demütig. Hier ist keine Ungeduld zu sehen, auch keine Erschöpfung. Die Restaurierung wird brauchen, viele Stunden, Wochen, Monate, Jahre. Aber am Ende wird sie gelingen.

Die Größe einer Aufgabe: Noch keine Bahn rollt durch den neuen Bahnhof in Stuttgart, und bis die Kathedrale der Züge fertiggestellt sein wird, werden noch Abermillionen Details zu leisten sein.

Noch kein Zug rollt durch die kühle, hohe Halle des neuen Stuttgarter Bahnhofs. So ist ausreichend Platz, dass sich sogar die Massen der Neugierigen verlaufen. Sie blicken in die Weite dieses fast 450 Meter langen Raumes, hinauf in die Höhe, die man dem Untergrund abgerungen hat, sehen hinweg über herumstehende Baustellenfahrzeuge, Dixi-Klos und gestapelte Materialien. Es wird viel länger dauern, als vor vielen Jahren berechnet wurde. Es wird mühsamer sein und teurer sowieso. Die Größe der Aufgabe fordert ihren Tribut.

Der weite Blick in die künftige Kathedrale der Züge

600 Jahre haben Menschen am Kölner Dom gebaut. Es hat sich gelohnt, denn wer heute unter seinen gotischen Bögen steht, versteht Geschichte. Ungezählte Menschen haben an ihm gewirkt, ihn in die Höhe getrieben und bekämpfen bis heute seinen Verfall. Es ist wie in der künftigen Kathedrale der Züge von Stuttgart: Am Ende sind es nicht die Besserwisser und Kritiker, die ein großes Werk schaffen, nicht die Zweifler und ungeduldigen Nörgler. Es sind die Menschen mit einem Blick für das Weite. Die, die einen kühner Plan fassen und genauso die, die ungezählte Details verwirklichen, hier ein Kabel, dort eine Schraube. Irgendwann wird das Ganze größer sein als wir selbst, und etwas erzählen von uns, wenn wir es selbst nicht mehr erzählen können.

 

Die Fotokunstwerke von Jeff Wall sind eine Reise nach Basel wert. Die Ausstellung seiner großformatigen Werke in der Fondation Beyeler ist noch bis 21. April zu sehen.

Fotos und Animationen über den Stand der Baustelle für den neuen Stuttgarter Bahnhof gibt es massenhaft im Netz, z.B. hier.

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier.

 

Die Schmucklose über dem Rhein (#55)

Basler Münster, Münsterplatz 9, 4051 Basel, Schweiz
Mein Besuch am  24. März 2024
Den Stadtplan musste ich bemühen, um das Münster überhaupt zu finden. Anders als häufig sonst prahlt die stadtbildprägende Kirche in Basel nicht im Zentrum der Stadt, am Marktplatz beispielsweise. Hier muss man enge Gässchen heraufsteigen, bis der weite Münsterplatz erreicht ist. Dort aber dominiert dann die große Kirche mit rötlichem Buntsandstein, steht stolz am Abhang und lädt ein, zunächst nicht das Bauwerk, sondern die Terrasse zu besuchen, die sich auf seiner Rückseite über den Rhein breitet. Minutenlang kann man dort stehen, die Brücken zählen und die Schiffchen weit unten, und auch die modernen Häuser gegenüber.
Das Münster in Basel ruht auf mächtigen romanischen Säulen. Nach einem Erdbeben wurde es in gotischem Stil wiedererrichtet.
Das Innere des Münsters ist schlicht, eher schmucklos und streng. Die Baugeschichte des Münsters geht bis auf die spätromanische Zeit zurück (um 1200) und so stützen seither mächtige Pfeiler und kaum gespitzte Bögen das mächtige Kirchenschiff. 1356 wurde die Kirche bei einem Erdbeben schwer beschädigt, und beim Wiederaufbau wurden den romanischen Säulen eine gotisches Kreuzgewölbe aufgesetzt. Ich habe den Kirchenraum als stimmig und harmonisch erlebt, auch als friedlichen Ort. Keine Kirchenbänke laden hier zum Sitzen ein, sondern beliebig gruppierbare Einzelstühle. Das friedlich-strenge Gesamtbild geht vielleicht auch darauf zurück, dass in Basel nach der Reformation stürmisch gegen den Bilderschmuck vorgegangen wurde. Der „Bildersturm“ von 1529 muss ein unerfreulicher Zerstörungsakt religiöser Eiferer gewesen sein. Kunsthistorisch sicherlich ein Frevel, aber mir fehlte nichts in diesem großen Raum.

Weiße Gotik im Backsteingewand (#54)

Schmucklose Strenge: Die spätgotische Frauenkirche, das Wahrzeichen von München, überrascht mit seiner weißen Innengestaltung.

Dom Zu unserer lieben Frau, Frauenplatz 1, München

Mein Besuch am 4. März 2024

Am meisten hat mich einmal mehr das Weiß überrascht. Diese Kirche ist innen strahlend weiß, ihre engstehenden, hochstrebenden, mächtigen Pfeiler recken sich schmucklos dem in sanftem Pastellton beige gestalteten Sterngewölbe entgegen. Vergeblich habe ich nach Quellen gesucht, wann diese Farbgestaltung in der gut 500-jährigen Geschichte des Münchner Doms gewählt wurde. Vermutlich geschah dies bereits in den 1930-er Jahren.

Das riesige Backsteingebäude mit den unverwechselbaren, haubengeschützten Türmen ist schon allein wegen dieses rötlichen Baustoffs eher ungewöhnlich in München. Das strenge Weiß in seinem Inneren kontrastiert noch dazu die sonst oft barocke Lust im Süddeutschen. So ist die Frauenkirche für mich ein Signal der Offenheit, der Akzeptanz des Anderen. Von Stolz oder Überheblichkeit ist in dieser Kirche nichts zu spüren, sogar dem Teufel hat man einen „Tritt“ gewährt. Einer Legende nach ist er Ergebnis eines Freudensprungs des Satans darüber, dass die Kirche ohne Fenster errichtet worden sei. Das ist natürlich Unsinn, sie werden an dieser Stelle nur verdeckt durch die engstehenden Säulen.

„Erde zu Erde…“ nennt sich das Kunstwerk von Madeleine Dietz, das zeitweise den Hauptaltar der Frauenkirche verdeckt(e).

Ungemein aufgeräumt empfängt die Kathedrale den Besucher, lässt ihn schlendern zwischen den Säulen, entlang an den Seitenaltären, die hier optisch eher verschwinden als vom  Reichtum ihrer Spender zu berichten. Als ich die Kirche jetzt einmal wieder besuchte, war gerade sogar der Hauptaltar verdeckt. „Erde zu Erde“ heißt das Kunstwerk, das die Künstlerin Madeleine Dietz in den Dom einbringen durfte (noch bis 15.3.2024). Eine unverputzte, erdige Mauer und eine bröckelige Erdbahn regen zum Nachdenken über die Vergänglichkeit an.

Es wird so viel kritisiert an der katholischen Kirche, und das so oft vollkommen zu Recht. Mir ging es so, dass an diesem offenen, frommen Ort eine Beobachtung alle Kritik in mir  verstummen ließ. Ein Mann fiel mir auf, vielleicht vierzig Jahre alt, gewandet in seiner orangefarbenen Dienstkleidung – ein Müllwerker oder Arbeiter eines Straßenbautrupps -, seinen Helm hatte er abgenommen, ganz offensichtlich kam er an diesem Montagvormittag gerade von der Arbeit. So reihte er sich ganz selbstverständlich zwischen die Touristen und Stadtbesucher mit ihren Einkaufstüten ein in die kurze Schlange am Kerzenständer, warf seine Münzen in die Kasse und entzündete ein Licht.

Solange es Menschen gibt, die dafür mitten in der Millionenstadt noch ein so großes, mächtiges Kirchengebäude brauchen, die ihre Arbeit unterbrechen, um eine Kerze anzuzünden – so lange sind meine Kirchensteuern gut angelegt.

Mehr über die Frauenkirche z.B. bei Wikipedia.

Alle Kirchen meiner Sammlung #1000Kirchen finden Sie hier. 

 

Keine Fische in Sicht in Zuffenhausen (#53)

St. Antonius zu Padua, Markgröninger Str. 35, 70435 Stuttgart-Zuffenhausen

Mein Besuch am 7. Februar 2024

Die neoromanische Antonius-Kirche in Stuttgart-Zuffenhausen verbirgt sich in den engen Gassen des ehemaligen Arbeiterviertels.

Üblicherweise wird man sich dieser Kirche zu Fuß nähern durch enge, vollgeparkte Gassen, die den Blick auf den neoromanischen Bau erst wenige Meter vor dem Ziel preisgeben. Es ist ein prosaisches Vorstadtbild, in dessen Mitte diese Kirche des St. Antonius von Padua steht. Als Arbeiterviertel geprägt, heute durch Migration und bunte Vielfalt bereichert, duckt sich das Gewirr aus unterschiedlichsten Häuschen und Häusern den Hang entlang. Stuttgart-Zuffenhausen ist längst kein christlich geprägter Stadtteil mehr, hier sind die Christen längst in eine Minderheitenposition gerutscht.

Der Heilige St. Antonius von Padua (1195? – 1231), nach dem diese Kirche benannt wurde, passt bestens in dieses Bild. Ihm werden zahlreiche schützende und helfende Funktionen zugeordnet.  So steht er gläubigen Menschen zur Seite, wenn  sie etwas verlegt oder verloren haben (daher wird er im Bayerischen liebevoll als  „Schlampertoni“ bezeichnet). Er war und ist den Armen zugewandt, er hilft bei der Partnersuche, um nur wenige Kompetenzen herauszugreifen, die dem historischen Franziskaner-Bischof zugeschrieben werden. Der Legende nach hörten ihm , obwohl er doch so redebegabt war, die Stadtbewohner von Rimini nicht zu, und so richtete er seine Predigt ersatzweise an die Fische im Mittelmeer , die ihm folgsam ihr Ohr schenkten. Gustav Mahler vertonte dieses Motiv durchaus heiter in seiner Vertonung des Liederzyklus von Clemens Brentano „Des Knaben Wunderhorn“.

Wohltuend aufgeräumt: Die Kirche ist schlicht und still, ein einladender Ort der Ruhe in einer weltlichen Zeit.

Heute steht der schlichte, akkurat aufgeräumte Kirchenbau im strohtrockenen Zuffenhausen und wirbt in einer weltlich geprägten Zeit um Menschen, die zuhören. Die Legende von der Predigt an die Fischer ist ja nicht zuletzt eine Metapher dafür, dass es nicht immer die Worte sind, die das Leben ausmachen. So schweigt diese Kirche schlicht und still. Am Werktag hatte ich Gelegenheit, sie ganz alleine zu erleben, das Frühjahrslicht fällt durch schmucklose Fenster, der geschmackvoll zurückhaltend renovierte Innenraum atmet fromme Klarheit. Die Einrichtung ist symmetrisch geordnet. Es ist ein Raum der Ruhe in einer Zeit und an einem Ort, in dem die viele glauben, keiner Ruhe zu bedürfen, sie sich mehr ersehnen zu müssen, als gönnen zu dürfen.

 

Mehr über den heiligen St. Antonius von Padua bei Wikipedia. Die Vertonung sein er Fischpredigt durch Gustav Mahler klingt so. (Klick führt zu Youtube) 

Mehr Kirchen aus meiner Sammlung #1000Kirchen finden Sie hier.

 

 

 

 

 

 

Der große alte Kater auf dem Baum

Eine politische Fabel

(1)

Als der große alte Kater auf schwankendem Geäst in der Baumkrone hockte, mühsamen Halt suchte am einzigen halbwegs stabilen Ast, ärgerte er sich sehr über sich selbst. Es dunkelte bereits sachte, und der Wind zerwühlte sein Fell unangenehm.

Bild von Amy auf Pixabay

 

Wie war er nur in diese Lage geraten? Er hatte doch den jungen Katzen schon ungezählte Male gepredigt, dass sie sich hüten sollten vor den Verlockungen der hohen Bäume. Das Hinaufklettern lohne sich nicht, die flinken Vögel seien ohnehin schneller weggeflogen, als so eine Katze dort oben sein könnte. Und so verlässlich die gebogenen Krallen beim Heraufsteigen helfen würden, so untauglich würden sie sich erweisen, wenn man wieder hinunterwill. Dann geben sie kaum Halt, mühsam müsse man sich rückwärts hinabarbeiten, ohne den sicheren Blick dorthin, wo es entlang geht. Es sei kein guter Platz für Katzen und Kater auf den Bäumen, hatte er doziert, und die Jungen hatten respektvoll genickt und geschnurrt und ihm geschworen, an seine Worte zu denken.

Nun aber saß er selbst auf diesem Baum, und seine große Erfahrung hatte ihm nichts genutzt, um die peinliche Lage zu vermeiden, in die er geraten war. Es war schrecklich.

(2)

Begonnen hatte alles bei der letzten Wahl zum Mächtigsten aller Tiere. Es gab sehr viele Tiere in diesem Land, und alle gemeinsam hatten sie einen Gegner: die Menschen. Die Menschen zerstörten systematisch alles, was die Tiere zum Leben brauchten. Die Menschen waren es, die das Gras und die Blumen vergifteten und damit den Mücken und Bienen und Wespen die Grundlage ihrer Existenz nahmen. Die Menschen warfen Plastikmüll in das Wasser, in dem die Fische schwammen. Sie fällten die Bäume, auf denen die Eichhörnchen und Fledermäuse wohnten und verpesteten die Luft, durch die die Vögel flogen. Manche Tiere hielten die Menschen sogar in schauderhaften Gefängnissen, schlachteten sie, und aßen sie auf.

Die Tiere waren sich also zwar grundsätzlich einig, dass sie alle ihre Kräfte auf den Kampf gegen den Menschen richten sollten – aber wie dieser Kampf zu führen sei, darüber stritten sie erbittert. Viel zu viele interessierten sich überhaupt nicht für die Geschicke der Gemeinschaft, sondern waren nur damit beschäftigt, wie sie etwas zu fressen finden. Die unpolitischen Rinder und Schweine zum Beispiel hatten noch immer nicht begriffen, welches Ende ihnen bevorstand. Andere, wie die flinken Rehe oder die stolzen Hirsche waren einfach nur dumm. Die eitlen Pudel und die schillernden Pfaue betrachteten von morgens bis abends nur sich selbst im Spiegel. Es gab verachtungswürdige Anpasser in der Tierwelt, wie die Mäuse und die Ratten, die glaubten, sie könnten sich den ganzen giftigen Unrat der Menschen auch noch zunutze machen.

Die Lage der Tiere war ernst, und der große alte Kater wusste das schon seit langem. Aber seit vielen Jahren hatte die Chefin der Katzen und Kater die Position als Mächtigste aller Tiere inne. Sie war mit ihrer ganzen Geduld und Ausdauer, mit Klugheit und Raffinesse tätig gewesen, hatte vermittelt zwischen den Füchsen und Gänsen, hatte die Katzen gemahnt, nicht mehr als nötig den Mäusen oder Vögeln nachzustellen, hatte sogar den größten Teil der Hunde, soweit sie nicht blaubraun waren, bei halbwegs erträglicher Laune gehalten.

Ihn, den großen alten Kater, hatte diese machtbewusste Katze allerdings weggebissen, verscheucht mit Fauchen und scharfen Krallen, und er hatte deshalb lange warten und ausharren und sich verstecken müssen, bis endlich die Chance bestand, selbst zur Wahl des Mächtigsten aller Tiere anzutreten.

Aber es kam anders. Als die kluge alte Katze ihr Amt abgab, drängte sich ein freundlicher Grinsekater als Chef der Katzen vor. Der Grinsekater grinste allerdings auch dann, wenn es nicht passte, und verstand zu spät, dass ihm das Ansehen und Wahlsieg kosten würde. Bei der großen Wahl aller Tiere hatten so die roten Ameisen, die grünen Vögel und die gelben Badeenten gemeinsam die Katzen von der Macht verdrängt. Sie hatten eine rote Ameise zum Mächtigsten aller Tiere gewählt und sofort zu regieren begonnen.

(3)

Der große alte Kater konnte es nicht fassen, dass es soweit gekommen war. Er war fest überzeugt davon, dass er nicht nur größer, sondern auch schneller und auch viel klüger war als alle diese roten, grünen und gelben Kleintiere zusammen. Deshalb verjagte er den freundlichen Grinsekater und wurde bald selbst Chef der Katzen und Kater. Im neuen Amt verspottete er die fleißigen roten Ameisen, und warf deren Chef vor, nicht wirklich ein Mächtigster aller Tiere zu sein, sondern nur und ohne Orientierung auf dem Boden der Tatsachen herumzukrabbeln. Er fauchte den flatternden grünen Vögeln nach und schlug mit seinen scharfen Krallen auf die gelben Badeenten ein, die ohnehin damit rangen, im Teich der Meinungen nicht ganz zu ertrinken. Sie alle sollten keine ruhige Minute haben, solange nicht er der Mächtigste aller Tiere sein würde.

Dabei wusste der große alte Kater, dass in der Tierwelt die blaubraunen Hunde besonders gefährlich und rücksichtslos waren. Die waren nicht dumm, sondern bösartig. Sobald sie andere Tiere auch nur sahen, kläfften sie ganz fürchterlich, verbreiteten Angst und Schrecken. Die blaubraunen Hunde waren intrigant und verlogen, erzählten zum Beispiel den Gänsen, dass allein die Enten daran schuld wären, wenn sie von den Füchsen angegriffen werden. Die blaubraunen Hunde waren ein echte Plage, sie wurden immer mehr, und sie bedrohten auch die Katzen. Der große alte Kater hatte daher alle Pfoten voll damit zu tun, seinen Katzen und Katern gut zuzureden, dass sie sich nicht fürchten sollten vor diesen Hunden, sondern sich ihrer eigenen Krallen, ihrer Schnelligkeit und ihrer Klugheit bewusst sein sollten.

Wenn der große alte Kater in ruhigen Momenten auf seinen Samtpfoten durch das Gras streifte, so dachte er sich, dass alle Tiere gemeinsam den Terror der blaubraunen Hunde irgendwie loswerden müssten, um sich ganz und gar gegen die Zerstörungswut der Menschen wehren zu können. Andererseits ärgerte er sich so sehr darüber, dass nicht er, sondern die lächerlichen Ameisen, die flatterigen Vögel und die albernen Badeenten den Staat der Tiere regierten, dass er sich weigerte, mit diesen bunten Kreaturen irgendetwas gemeinsam zu unternehmen. Und über diesen Ärger vergaß er auch immer wieder die blaubraunen Hunde.

(4)

Eines schönen Tages war der große alte Kater mal wieder auf einem seiner Rundgänge unterwegs. Er war noch immer ein guter Streuner, er konnte sich lautlos heranschleichen, wenn es sein musste, aber auch wild fauchen, wenn er sich bedroht fühlte. Die Sonne stand schon tief über dem Horizont und tauchte die Welt der Tiere in ein mildes Licht – als plötzlich eine ganze Horde der blaubraunen Hunde auf den großen alten Kater zugestürmt kam. Es war furchterregend; die Biester fletschten ihre Zähne, die Zungen hingen gierig heraus, sie bellten wie wild und machten einen Höllenkrach.

Was hätte er tun sollen? Der große alte Kater war allein unterwegs, er war ratlos, und die Hundehorde kam immer näher. In höchster Not fauchte er sie an, buckelte so hoch er konnte, zeigte den heranbrausenden Biestern sein giftigstes Funkeln und seine schärfsten Krallen, aber die ließen sich davon nicht beeindrucken.

Da erinnerte sich der große alte Kater an die verlockende Höhe des Baumes der einfachen Wahrheiten. Er verehrte und bewunderte diesen Baum schon seit Längerem: So ein schöner starker Stamm, so eine prächtige Höhe! Von seiner Krone, gut geschützt vom rauschenden Blätterwald, sicher geborgen im starken Geäst – das versprach Rettung vor der gierigen blaubraunen Meute. Im allerletzten Moment flüchtete er sich dorthin, sprang auf dem Stamm hinauf, krallte sich fest in der borkigen Rinde der Zustimmung, die seinen Krallen wunderbaren Halt gab, vergaß alle Warnungen, die er selbst so oft gepredigt hatte, und stieg hoch und immer höher, während unten die blaubraunen Hunde bellten und kläfften, ihre Zähne in die Rinde schlugen, ihren Geifer ins Gras tropfen ließen – aber nicht an ihn herankamen.

(5)

Das war knapp gewesen. Doch nun saß er auf dem Baum, ganz oben, erstmal in Sicherheit. Das Geäst war nicht so stabil, wie er erwartet hatte, der Sichtschutz der Blätter weniger dicht als gewünscht. Und vor allem: Wie sollte er von dort wieder herunterkommen?

Da hörte er ein leises Krabbeln und Kribbeln, ein Zirpen und Zischeln, ein Trippeln und Trappeln. Es war zunächst mehr ein Rauschen als ein definierbares Geräusch. Der alte Kater stellte seine Ohren auf und bald lauschte er aus dem ganzen Durcheinander sogar einzelne Töne heraus. Nun war auch schüchternes Piepen zu vernehmen, mutiges Quaken, fröhliches Brummen. Ungläubig blickte der alte Kater aus seinem Versteck nach unten: Hunderttausende Ameisen wanderten dort, auch Zikaden und Grillen, schüchterne Mäuse, ein paar vorlaute Ratten, lärmende Laubfrösche, auch die eine oder andere Katze schlich mit, sogar ein paar ungelenke Badeenten waren dabei – sie alle zogen unter ihm vorbei. Ein nicht enden wollender Strom von Tieren aller Art zog dahin, und sie alle zirpten und brummten und quakten und miauten nur den einen Satz: „Weg mit den blaubraunen Hunden!!“

Das ganze Land der Tiere war hier unterwegs, endlos zogen die Kolonnen unter ihm entlang, pfeifend und singend flatterten die Vögel mit, brummend und keuchend, bunt und vielfältig, aber einig und ohne Streit ging es voran im großen Marsch der Tiere. Da saß er nun, der alte Kater, oben auf dem Baum, und wusste nicht, wie er von dort wieder herunterkommen sollte. Aber am schlimmsten war: Offenbar vermisste ihn niemand.

 

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Immersive Art – and Politics?

Die moderne Lust am Mittendrin-Erlebnis

Hereinspaziert! Das ultimative Erlebnis wartet. Es ist fast wie früher auf dem Jahrmarkt: „Eine Frau ohne Beine! Öffentliche Hinrichtung ohne Blut!“ Schaudernd und zögerlich stand man davor: Soll man diesen Verlockungen folgen? Selbst dabei sein, mittendrin, nicht nur davor?

Immersive Art verspricht das intensive Kulturerlebnis. Im Kirchengewölbe (hier der Stuttgarter Kirche am Feuersee) ist virtuell die Schöpfungsgeschichte zu erleben. Wie wäre es mit Immersive Politics? (Auf dem rechten Foto ein Blick auf die Großdemonstration für Demokratie in Hamburg am 20.1.2024)

 

Die Attraktionen von heute warten nicht auf das nächste Volksfest, sondern lauern in den würfelförmigen Zweckbauten der Moderne am Rande unserer Städte. „Aufwändige Installationen und Projektionen erzeugen in Verbindung mit Musik rauschende Farbwelten und lassen die Gemälde auf noch nie zuvor gesehenen Weisen lebendig und spürbar werden“, wird in Aussicht  gestellt, und: „Erleben Sie selbst, wie sich für Sie Illusion in Realität verwandelt!“ Illusion in Realität? Das ist viel versprochen, das muss man doch erleben.

Vorgebuchte Timeslots für schmucklose Hallen

Mit solchen Lockrufen wirbt beispielsweise „Monets Garten“ für ein immersives Kulturerlebnis rund um den französischen Ausnahmekünstler. Die bunten Welten der virtuellen Kunst boomen und verführen mit interaktivem Spektakel zum Besuch der großen Namen mit den berühmten Bildern.  Menschen, die sonst vielleicht niemals ein Museum betreten hätten, strömen für das immersive Erlebnis zu vorgebuchten Timeslots in schmucklose Hallen, und zahlen dafür satte Eintrittsgebühren.

Mit Vincent van Gogh kann man sich so übergießen lassen, geradezu virtuell ertrinken in seinen Sonnenblumen, oder auch in das endlose Gold von Gustav Klimt abtauchen. Leonardo da Vinci, Claude Monet, Rene Magritte, Frida Kahlo, Salvador Dalí – sie alle wurden schon immersiv aufbereitet. Das Erlebnis beschränkt sich dabei nicht auf die digitale Vervielfältigung des Einmaligen, nicht auf die Vergrößerung des großartig Kleinen ins Vielfache. Es geht um ein sinnliches Gesamterlebnis. Bei „Monets Garten“ kann man über eine mit Plastikblumen ausgeschmückte und synthetischem Fliederduft bestäubte Brücke gehen, also höchst körperlich selbst hineinsteigen in das berühmte Bild mit den Seerosen. Frida Kahlo darf man per VR-Brille durch einen Traumflug folgen, und bei Vincent van Gogh wird dazu eingeladen, sich virtuell in das berühmte Schlafzimmer von Arles hineinzubeamen.

Selfie-tauglich in die Überwältigung starten

Das immersive Erlebnis verspricht ein Eintauchen (engl. Immersion) in die Bild- und Farbwelt eines Künstlers, und das ganz mühelos und ohne dass auch nur ein einziges originales Bild vor Ort wäre. Replikationen ersetzen die millionenschweren Gemälde, ergänzt um eine einleitende Erlebniswelt mit ein paar Informationen zum besseren Verständnis. Gut ausgeleuchtet, Smartphone-Selfie-tauglich wird der Kunstfreund so auf die sinnliche Überwältigung vorbereitet. Die wartet in der großen Halle, über und über bespielt mit Projektoren. Die künstlerische Farbwelt überflutet den Besucher, der dort selbst zur nebensächlichen Projektionsfläche wird, denn eigentlich perlt die Bilderwelt über die Wände und auch auf den Boden. Von sanften Klängen umspielt darf man sich in die bereitliegenden Sitzsäcke fallen lassen, und dann gibt es Seerosen ohne Ende, überall, so schön und nah, wie man sie nie erleben könnte, wenn man ins Museum ginge. Dort würde kein Sitzsack warten und wäre auch keine Musik zu hören. Man dürfte sich unter dem strengen Blick des Aufsichtspersonals dem oftmals als überraschend kleinformatig empfundenen Original allenfalls auf einen halben Meter nähern.

Seerosen ohne Ende … bei „Monets Garten“ sitzt man inmitten eines virtuellen Seerosenteichs. Das Konzept der Überwältigung funktioniert, Menschen erleben Kunst, die vielleicht niemals ein Museum aufsuchen würden.

Da mögen nun die altklugen Kunstkenner die Nase rümpfen über so viel flachen Kommerz und so wenig echte Aura, über die billige Vervielfältigung des Einmaligen, auch über die eitle Sucht, sich ständig selbst digital verewigen zu wollen in der Welt der Großen. Aber das Prinzip Wachsfigurenkabinett funktioniert auch mit Malerei: Wer das Original nicht haben kann, fotografiert sich eben mit der gut gemachten Kopie.

In kirchlichen Gewölben wachsen Pflanzen

Mittendrin, nicht nur davor. Bei solchem Erfolg wollen nicht einmal die Hüter der biblischen Schöpfungsgeschichte beiseite stehen. Unter dem Titel „Genesis“ verteilen sich derzeit die virtuellen Wassermassen strohtrocken über die Kirchenbänke, erlebt der zahlende Besucher die Geburt der Sterne und das erste Licht des Lebens, wachsen in kirchlichen Gewölben dank moderner Projektion gewaltige bunte Pflanzen und versinken dann in der Evolution. „Die audiovisuelle Reise nimmt das Publikum mit in die Erschaffung von Sonne, Mond und Sternen, der Tierwelt und den Menschen“, verspricht der Veranstalter. Und auch hier sind die Kirchenbänke gefüllt bis auf den letzten Platz, die effektvoll ausgeleuchteten Gotteshäuser so voll wie selten sonst im regulären Religionsbetrieb.

Mittendrin im Pulk ist die Kraft zu spüren

Mittendrin, nicht nur davor. Hereinspaziert in die Demokratie!, könnte doch da auch ein politisch bewusster Jahrmarktsgaukler rufen. Wie ist denn schließlich heute Politik zu erleben? Öde ist der flüchtige Blick auf den Bildschirm, das Lauschen nebenbei aufs Radio, das langweilige Scrollen durch die Nachrichten auf dem Smartphone. Das Geschehen um das Gemeinwohl kann so nicht mit sinnlicher Pracht erlebt werden. Wer den Blick stets nur auf die kleinen Bilder heftet, die uns das nimmermüde Netz zuspielt, verpasst das große Bild – das immersive Abenteuer der Demokratie.

Also raus zum lebendigen Politikerlebnis! Hinauszugehen auf den Platz, der Einladung zur Demonstration oder zur Kundgebung zu folgen, sich zu nähern der Gruppe Gleichgesinnter, zu erleben, wie sie wächst und größer wird, wie sie schließlich eine Macht bildet, jedenfalls an diesem Platz und zu diesem Augenblick – das ist die ultimative Erfahrung von immersive politics. Mittendrin im Pulk ist die einende Kraft zu erahnen, die den Einzelnen mit dem wildfremden Nachbarn in der Masse verbindet, ist zu spüren, dass es möglich ist, sich gemeinsam bemerkbar zu machen.

Gewiss, dieses immersive Erlebnis geht vorüber, verglüht wie van Goghs virtuelle Sonnenblumen oder Monets versickerter Seerosenteich in der ausgeleuchteten Eventlocation. Aber immerhin: Einmal wenigstens war man mittendrin, nicht nur davor; einmal ist man der Einladung zum Mitmachen gefolgt. Warum nicht öfter? Es ist ganz kostenlos und ein echtes Erlebnis.

 

Immersive Kunsterlebnisse gibt es derzeit in vielen Städten in Deutschland. Hier eine Auswahl: Frida Kahlo kann man so noch bis 7. April in Berlin erleben, Claude Monet derzeit in München, Hannover, Dresden, Freiburg und Frankfurt und Vincent van Gogh ab 16. Februar in Erfurt.

Die biblische Schöpfungsgeschichte „Genesis I und II“ gibt es derzeit in München zu sehen, und ab 15. Februar auch in Hamburg.

Politische Demonstrationen zur Verteidigung der Demokratie gibt es an vielen Orten. Eine aktuelle Übersicht veröffentlicht z.B. regelmäßig der Deutsche Gewerkschaftsbund.

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